Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 21 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 261 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 21 28. Mal 1921 8. Ein Wort an die Nichtzionisten. Kein Umstand vermag die abnorme Situation der jüdischen Gesamtheit klarer zu beleuchten als diüe in weilten jüdischen Kreisen noch immer herrschende Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit, wie sie in dieser für die jüdische Sache so entscheidungs vollen Zeit zutage tritt, Die Erkenntnis, daß das jüdische Volk an einem Wendepunkt seiner Geschicke steht, ist noch immer nicht im erwünschten Maße zum Allgemeinbesitz der Gesamtjudenheit geworden und viele unserer Brüder gehen völlig unberührt an den großen Ereignissen und Umwälzungen vorüber, die bestimmt sind, die Zukunft der jüdischen Gesamtheit in endgültiger Weise zu verändern. ln einer ungeahnten Schnelligkeit, die niemand erwarten mochte, sind diie jüdischen Zukunftsträume zur Wirklichkeit gereift. Es war dem Weitblick der englischen Politik beschieden, den realen Kern in dem zionistischen Programm zu erkennen, und schon während des Krieges haben Englands Staatsmänner, vor allem der damalige Außenminister Lord Balfour erkannt, daß die Judenfrage, deren Lösung nicht nur eine Angelegenheit des jüdischen Volkes bildet sondern auch eine Sorge der internationalen Politik, nur auf internationalem Wege in großzügigster Weise gelöst werden kann und daß sie, deren letzte Ursache die jüdische Heimlosigkeit bildet, nur dann einer befriedigenden Lösung zugeführt werden kann, wenn dem jüdischen Volke von den Mächten der Welt der Weg zur Heimatsscholle ermöglicht wird. Er hat gesehen daß die zionistische Lösung des Palästina-Problems gleichermaßen im Interesse des jüdischen Volkes wie im Interesse der Menschheit selbst gelegen ist, indem so dem europäischen Antisemitismus die Giftkeime genommen werden und durch die Verpflanzung eines Kulturträgers von dier Bedeutung des jüdischen Volkes in den Orient für diesen selbst eine Epoche der Ruhe und eine neue Periode des Aufschwunges aus jahrhundertelanger Stagnation sich ergibt. So kam der als Balfour-Deklaration für die Geschichte des Judentums historische englische Regierungsakt zustande, in welchem die historischen Ansprüche des jüdischen Volkes auf sein Land feierlich und formell anerkannt wurden und bei den Verhandlungen von San Remo, die der Festlegung des türkischen Friedensvertrages galten, wurde bekanntlich diese Deklaration dem türkischen Friedensvertrage selbst einverleibt. So erhielt das zionistische Programm durch die Weltmächte selbst seine Rechtskraft. Aber das jüdische Palästina kann nur geschaffen werden, wenn das Judentum in aller Welt ohne Unterschied der Richtung sich der Größe des Augenblicks bewußt wird und die Opfer bringt, die dieser von ihm fordert. Palästina ist wohl der zionistischen Organisation zugesprochen worden, aber für das ganze jüdische Volk. Wir stehen vor unerhörten Schwierigkeiten. Aus der allgemeinen Weltkrise heraus sollen von jüdischer Seite alle die Opfer und Leistungen vollbracht werden, die zum Aufbau eines Gemeinwesens nötig sind. Schon in nächster Zeit müssen Investitionen aller Art, öffentliche Arbeiten in größtem Ausmaß, wie Straßen- Brücken-, Eisenbahn- und Hafenbauten begonnen werden, es werden Stadtviertel und industrielle und technische Anlagen aller Art nötig sein und brachliegender oder ungenügend bebauter Boden wird in weitestem Umfang gekauft werden müssen. Die Aufforstung des Landes soll seine künftige Ertragfähigkeit sichern, ein ausgebautes Schul- und Erziehungswerk der Förderung des jüdischen Geistes dienen. Um all dies bewerkstelligen zu können, wurde ein zentralgedachter Palästina-Grundfonds, der „Keren Hajessod“. geschaffen, der in kürzester Zeit die Summe von 25 Millionen englischer Pfund aufbringen soll. Es ist dies eine freiwillige jüdische Volkssteuer, die sich auf dem altjüdischen Grundsatz des Zehnten“ (Maaßer) aufbauen soll. An der Spitze des für diese Zwecke geschaffenen wirtschaftlichen Beirats (Economic couneil) stehen neben bekannten jüdischen Politikern Männer, deren Namen in der Finanzwelt einen guten Klang haben und die ihr Wirken mit der jüdischen Palästina-Sache verknüpft haben, unter anderen der englische Minister Sir Alfred Mond, Lord1 Walter Rothschild u. a. Man kann sich zur Politik der Zionisten stellen wie man will, die Arbeit für das jüdische Palästina jedoch hört in diesem Augenblick auf, die Angelegenheit einer jüdischen Richtung oder Partei zu sein. Es ist eine Sache des gesamten Judentums, für welche wir nunmehr zur tätigen Mitarbeit aufrufen. Mögen die einen im künftigen jüdischen Palästina die Volksheimat sehen und von ihr die Lösung der Judenfrage erwarten, mögen die anderen sich für ein jüdisches Palästina aus rein religiösen Gesichtspunkten erwärmen oder statt der nationalen jüdisch-humanitäre Beweggründe im Auge haben. Ein Judentum, das für den Palästina-Gedanken nichts übrig hat, ist schlechterdings in keiner Form denkbar. Die Gegner des nationalen Judentums, welche im Kampfe gegen die politische Betätigung der Zionisten den Gegensatz zwischen der Palästina- Arbeit und der nationalen Propaganda im Wohnlande zu unterstreichen bemüht waren und stets darauf hinwiesen, daß ihre Gegnerschaft bloß dieser nationalpolitischen Betätigung gelte, während der Gedanke des Aufbaues eines jüdischen Palästina ihre vollen Sympathien, habe, sie werden nunmehr in die Lage versetzt, diese ihre Sympathie durch die Tat zu beweisen. Heute ist das jüdische Palästina zum Losungswort, zum Schiboleth für jeden Juden geworden und wer sich der Mitwirkung verschließt, dokumentiert damit, daß er sein Schicksal von dem seiner Gemeinschaft trennen will, daß es ihm nicht um Erhaltung und Aufbau, sondern um Untertauchen und Auflösung geht. Die Arbeit für den Palästina-Aufbaufonds, den Keren Hajessod. hat in vielversprechender Weise in allen, auch den entferntesten Teilen der von Juden bewohnten Welt eingesetzt. Worauf es nunmehr ankommt, sind nicht Spendensamm-