Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 20 (20.5.1921)
- Date
- 1921-05-20
- Page
- Seite 255 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 255 sein, dort, wenn auch erst nach schweren Geduldsproben, irgendwie festen Fuß zu fassen, sei es als Beamte, Richter, Lehrer oder Ärzte, sei es in privaten Stellungen, als Rechtsanwälte, Sekretäre in Vereinigungen, im Dienste verschiedener Organisationen oder als freie Sclhiriftsteller oder Journallisten. Gegenwärtig sind freilich die Berufe der Ärzte, einschließlich der Zahnärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Beamten und Lehrer einigermaßen überfüllt, aber das kann sich natiir* lieh bald ändern, wenn die Einwanderung schnell zunimmt. An Tierärzten soll zwar noch Mangel sein, aber es ist wiederum fraglich, ob sich ohne Zuschüsse noch weitere Veterinäre dort ernähren können. Für Künstler aller Art ist in dem kleinen Ländchen vorläufig noch wenig Bedarf, wenngleich manche dort Platz finden, indem sie ihren Hauptberuf als Lehrer, z. B. für Zeichnen und Musik, ausüben oder kunstgewerblich arbeiten oder lehren, z. B. am oder im Anschluß an den Bezalel. Auch der Beginn eines ständigen hebräischen Theaters wird woih'i nicht mehr lange auf sich warten lassen. Auch speziell die weiblichen Berufe sind im allgemeinen augenblicklich genügend, wenngleich nicht immer erstklassig, vertreten; dies gilt z. Bfür Lehrerinnen, Kindergärtneinnen, Krankenpflegerinnen, Beamtinnen für soziale Fürsorge usw. Ärztinnen, Zahnärztinnen und Apothekerinnen sind schon im Lande vorhanden. Natürlich findet auch hier, wie in Deutschland, durch Verheiratung und Umsatteln ein häufiger Wechsel in der Besetzung der Stellten statt, wenn auch vielleicht dadurch etwas gemildert, daß viele Frauen auch nach ihrer Verheiratung sich durch die ungenügende Bezahlung ihrer Ehemänner gezwungen sehen, noch weiter verdienen zu müssen, ebenso sollen augenblicklich genügend Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Friseurinnen im l^ande sein, doch kann' sich das mit zunehmender Bevölkerung schnell ändern, auch werden wirklich hervorragende Kräfte sich gewiß dennoch durchsetzen. Dagegen fehlt es noch an Stenotypistinnen, die sowohl Hebräisch als auch Englisch genügend meistern, ebenso soll es an gut geschultem Haus personal mangeln, auch an Mäd* chen, die in ländlichen Haushaltungsschulen vorgebildet sind, und außer dem Haus auch Hof und Garten zu besorgen verstehen. Gerade hierauf sei ganz besonders aufmerksam gemacht, denn ohne einen Stamm solcher Mädchen ist das Gedeihen ländlicher Siedlungen aufs ernsteste gefährdet; der Unterschied in der Schnelligkeit der Entwicklung und im Aussehen der deutschen und der jüdischen Dörfer beruht im wesentlichen darauf, daß die jüdischen Fra'uen mit wenigen Ausnahmen noch nicht den Typus einer Bäuerin besitzen. Deshalb ist auch absolut notwendig, däß wir jetzt endlich wenigstens eine ländliche Haushaltungsschule in Palästina begründen, wozu wir ja in Frau Schochat-Maisel eine vorzügliche Vorsteherin haben. Diese Schule, die hoffentlich bald eröffnet werden wird, genügend auszustatten und vielleicht auch pekuniär zu unterstützen, halte ich für eine der wichtigsten Aufgaben des Verbandes jüdischer Frauen. Nur zögernd möchte ich den ausschließlichen Beruf als Gärtnerin für die deutsche Jüdin im Hinblick auf Palästina empfehlen. Da es weder Landgüter größeren Stiles in Palästina geben wird, noch wahrscheinlich ist, daß in absehbarer Zeit dort Juden Villen mit großen Gärten besitzen werden, so hat eine jüdische Gärtnerin als gärtnerische Beamtin keine rechte Existenzberechtigung daselbst. Natürlich kann sie ebenso gut wie männliche Gärtner in städtischen Handels¬ und Ziergärtnereien, vielleicht später auf Fried* höfen oder bei Parkanlagen als Arbeiterin Verwendung finden, ebenso in Konkurrenz mit den Arabern in Gemüsegärtnereien zur Versorgung der Städte beitragen oder auch, falls die von Dr. Soskin empfohlenen Exportgärtnereien erfolgreich sein sollten, dort mit den Männern zusammen arbeiten. Aber hier wird sie überall wegen ihrer schwächeren Körperkonstitution mehr Gehilfin sein als selbständig arbeiten. Es ist daher mehr anzuraten, daneben noch die verschiedenen Formen der Hof- und Hauswirtschaft zu lernen, besonders die Geflügelzucht und die Pflege der Kühe, auch Bienenzucht; wenn sie außerdem noch kochen, einmachen, waschen, plätten, nähen und vielleicht noch etwas schneidern kann, so hat sie außerordentlich viel größere Möglichkeit, sich eine Existenz zu schaffen, als wenn sie als einseitige Gärtnerin nach Palästina kommt. In Deutschland gibt es leider, seitdem die Haushaltungsschule in Ahlem aus Mangel an Mitteln eingegangen ist, keine Stelle, wo sich jüdische Mädchen eine genügende Vorbildung für Palästina erwerben können. Es ist ein dringendes Desiderat, daß in Ahlem oder anderswo in Deutschland wieder eine solche Stätte eingerichtet werde. Daß manche Mädchen jetzt als Arbeiterinnen an den Chausseen Steine klopfen, halte ich für einen Unfug, wenn er auch als auf heroischer und romantischer Grundlage erwachsen, einigermaßen zu entschuldigen ist. Auch als Feldarbeiterinnen im Hauptberuf halte ich die jungen Mädchen nicht für geeignet, eher in den Pflanzungen beim Pfropfen und Beschneiden der Bäume, ferner natürlich auch als Gehilfin beim Ernten. Ihre Dienstpflicht für das jüdische Volk können die Mädchen, wie es glücklicherweise auch die Mehrheit tut, in Haus. Hof und Garten viel besser a'bleisten, als im freien Felde; auch wäre es sehr zu begrüßen, wenn sie sich in größerer Anzahl) herbeiließen, als Hausgehilfinnen, sei es als Stütze, Mädchen für alles, Hausmädchen, Köchinnen oder Kindermädchen, Stellung zu nehmen. Ich glaube, dieser Dienst am jüdischen Volke würde die Mädchen mindestens ebenso ehren, wie dter als Land- oder Chäusseearbeiterin und ihre Tätigkeit würde weit bessere Erfolge aufweisen. Freilich bin ich nicht ganz sicher, daß viele deutsche Jüdinnen bereit sein werden, diese Ratschläge zu beherzigen, wenngleich ich sicher bin. daß sie theoretisch mir durchaus Recht geben werden. Leider ist es etwras ganz anderes, den Dienst am Volke im Munde zu führen, als ihn auch praktisch unter wirklichen Opfern für längere Zeit zu betätigen. Daß wahre Religiosität solche Opferwilligkeit zef tigt, wissen wir, ob auch nationale Begeisterung das gleiche vermag, wird erst die Zukunft lehren, hoffentlich aber in. bejahendem Sinne entscheiden. Hn unsere Leser! ln Anbetracht der Bedeutung, die der XVII. Delegierten tag der Z. V. f. D. für die künftige Palästinaarbeit der deutschen Juden hat, haben wir uns entschlossen, allen sonstigen Nachrichten, vor