Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 18 (6.5.1921)
- Date
- 1921-05-06
- Page
- Seite 225 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 18 6. Mai 1921 8. Jahrgang Hakenkreuzpöbel. Der Münchener Hakenkreuzpöbel läßt sich keine Gelegenheit entgehen, sich seiner Art und Neigung gemäß als Skandalmacher zu betätigen. Diese üblen Herrschaften, deren geistige Repräsentanz der „Beobachter“ ist, ertragen es nicht, daß irgendwo öffentlich über das Judentum anders gesprochen wird als in ihrer Manier. Den Versuch einer geistigen Auseinandersetzung über Judentum, an der sie selbst unbeteiligt sind (übrigens: Hakenkreuzler und geistige Auseinandersetzung!), ertragen sie offenbar nicht. Und so sahen sie sich genötigt, einen von der Gemeinschaft „Gnosis“ veranstalteten Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Bärwald durch Exzesse in der Hakenkreuzmanier zu vereiteln. Die Einzelheiten sind so bekannt, daß sie hier nicht wiederholt werden brauchen. Als Novum im politischen Kampf haben die Hakenkreuzler das Beschmieren von Gotteshäusern eingefühirt. Uns interessiert aber in diesem Zusammenhang nicht der Hakenkreuzpöbel selbst, sondern die Regierung Kahr-Roth-Pöhner. Es war zu erwarten, daß auch die Deutschnationalen, wenn sie an der Macht sind, soviel Verantwortungsbewußtsein aufbringen, um für die nötigste Ruhe und Sicherheit zu sorgen, wie sich auf der anderen Seite die Sozialdemokraten, als sie zur Regierung kamen, ruhig und verantwortungsbewußt erwiesen. Die Regierung Kahr- Roth-Pöhner, besonders die Rechtspflege, hat gezeigt, daß sie über ausreichende Machtmittel verfügt, um gründliche Ordnung zu schaffen, w o ihr daran liegt. Falls die ununterbrochene Kette übelster Ausschreitungen, die sich der Hakenkreuzpöbel in München erlauben durfte, nicht genügt, um Anlaß zum erforderlichen Einschreiten und zur Sicherstellung der Freiheit der Person und des Wortes zu geben, dann muß am guten Willen der Regierung gezweifelt werden, hier Ordnung zu schaffen. Wenn die Regierung und mit ihr die Münchener Polizei nicht daran geht, wo es sich um die primitivsten Begriffe von Ordnung und Freiheit handelt, Remedur zu schaffen, dann wird sie vor aller Welt an diesem Zustand mitverantwortlich sein. Wir glauben nicht, daß sie das will und hoffen, daß die Exzesse der letzten Zeit den regierenden Stellen gezeigt haben, wohin die Reise geht, wenn man gegen den Hakenkreuzpöbel weiter nachsichtig ist. Wir Juden befinden uns in einer ähnlichen Lage wie das deutsche Volk. Machtmittel stehen uns gegen die Anfeindungen nicht zur Verfügung. Wir können, da uns selbst die kleinste Möglichkeit des freien offenen Wortes sogar genommen ist, nichts anderes tun, als die Kulturschande des antisemitischen Terrors festzunageln und die Anständigdenkenden in allen Lagern daran zu erinnern, daß nicht wir es sind, die sich seiner zu schämen haben, sondern die Christen. Es genügt keineswegs, wenn einige Politiker in einer jüdischen Versammlung freundliche Worte für uns und ablehnende gegen die Judenhetzer finden. Es ist schon ihre Pflicht, in ihren eigenen Lagern, an den Stellen, wo sie Macht und Einfluß haben, dahin zu wirken, daß diesen üblen Exzessen, wie sie die Münchener Hakenkreuzler als Hauptmittel des politischen Kampfes benützen, entgegengetreten wird. Wir würden die öffentliche Auseinandersetzung selbst über die traurigsten Anwürfe nicht scheuen, aber es muß dafür gesorgt werden, daß die durch die Verfassung garantierte Freiheit der Person und des Wortes auch uns nicht durch organisierte Exzesse genommen werden darf. Dem Auftreten der Hakenkreuzler und ihrer Presse ist es zum großen Teil zu danken, wenn Deutschland heute immer noch völlig isoliert in der Welt steht, trotzdem von allem Politischen abgesehen die Sympathien nach einer alten Erfahrung immer dem schwächeren Teil gehören. Aber die Hakenkreuzler liefern ihren Gesinnungsverwandten, den Ententechauvinisten. Vorwände und Hetzmaterial in Hülle und Fülle. Nicht wir allein leiden unter dem Auftreten der Hakenkreuzler, das ganze deutsche Volk wird in ungeheuerlicher Weise von ihnen geschädigt. Nicht uns allein zu liebe, sondern im Interesse des Ansehens Bayerns und Deutschlands muß die Regierung hier Ordnung schaffen. Bolschewiken und Zionisten. Die Verfolgungen der zionistischen Organisation durch die Bolschewiken hat längst jeden Zweifel darüber aus der Welt geschafft, daß die Bolschewiken Todfeinde des Zionismus sind. Aber erst in der allerletzten Zeit ist eine umfangreiche Begründung dieser Feindschaft durch ein Geheirnziirkular der russischen Sowjetregierung bekannt geworden, das die in Prag erscheinende Zeitung der rechten Sozial-Revolutionäre „Wolja Rossiji“ veröffentlicht hat. Wir bringen hier einen größeren Auszug daraus: „In der letzten Zeit haben wir gegen die Zio>- nisten-Organisatiion energische Maßnahmen ergriffen. Die Verhaftung der allrussischen zionistischen Konferenz, die Arretierungen und Untersuchungen, die in einer ganzen Reihe von Städten bei den aktivsten zionistischen Parteimännern vorgenommen wurden .... Als nationale Organisation vernichtet sie die ganze Kulturarbeit der Organe der Sowjetregierung, in erster Reihe die der jüdischen Kommunisten, die bestrebt sind, die kommunistischen Ideen in den jüdischen Massen einzuwurzeln. Indem sie die nationalistischen Instinkte stärkt und entwickelt, stört sie die Bemühungen, welche auf die Vereinigung der verschiedenen Nationen zu einer einzigen Brudlerfamilie gerichtet sind. Außerdem hat der Zionismus eine Grundaufgabe — die Schaffung eines jüdischen Staatswesens oder (wie sie es in ihrem Programm nennen) „einer öffentlich-rechtlich gesicherten .Heimstätte4 in Palästina“. Was aber ist darin Konterrevolutionäres? Warum sollen wir sie darin stören? ♦