Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 14 (8.4.1921)
- Date
- 1921-04-08
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 14 8. Äpril 1921 8. Jahrgang Hochschule und Judenfrage. Von Konrad Haenisch, Preußischer Kultusminister. Niemals war der Antisemitismus in Deutschland so stark, wie er heute ist, niemals war er so verbreitet, vor allem unter der studierenden Jugend. Es nützt gar nichts, darüber nur zu lamentieren, man muß auch hier versuchen, den Ursachen ohne Zorn und Leidenschaft nachzuspüren. Denn wo so viel Rauch ist, muß auch natürlich ein Feuer sein. Aus dem leeren Nichts heraus ist das gewaltige Anschwellen der antisemitischen Strömung auf unseren Hochschulen nicht zu erklären. Ebenso wie die jahrzehntelang geübte Methode, den Sozialismus aus der „Verhetzung“ der Arbeiitermassen durch eine Handvoll „gewissenloser Agitatoren“ herzuleiten, sinnlos war, so ist auch der studentische Antisemitismus der Nachkriegszeit nicht ohne weiteres mit dem Schlagwort von der „Verhetzung“ abgetan. Eine so traurige Rolle die gewissenlose und ordinäre Demagogie zweifellos gerade auf diesem Gebiete spielt — sie allein reicht zur Erklärung des erschreckenden Umfanges der antisemitischen Bewegung in unserer Studentengeneration nicht aus. In erster Linie sind auch hier sicherlich wirtschaftliche Triebkräfte bestimmend. Der junge deutsche Student sieht sich umgeben von einer großen Menge jüdischer Kommilitonen, deren Heimatländer zum großen Teil im östlichen Europa liegen. Diese jungen Juden, die meist durch die mangelhaften Bildungsmöglichkeiten und durch die Rassenverfolgungen in ihren Heimatländern — besonders kommen Ungarn, Rumänien und Polen in Betracht — nach Deutschland getrieben worden sind, zeichnen sich im allgemeinen durch ihre außerordentliche Bedürfnislosigkeit ebenso aus wie durch ihren zähen Fleiß. Daß viele von ihnen daneben auch allerlei weniger erfreuliche Eigenschaften mitbringen, besonders einen gewissen — sagen wir einmal vorsichtig — Mangel an Takt und Bescheidenheit, das wissen wir alle. In manchen Kollegs und Seminarien, in manchen Abteilungen der technischen Hochschulen machen die jüdischen Studenten in* der Tat einen übermäßig großen Prozentsatz der Teilnehmer aus, und es ist schon zu verstehen, wenn das unter den anderen Studenten eine gewisse Mißstimmung auslöst. Zumal, wenn sie sehen, daß als logische Folge dieses Zustandes dann, auch in einzelnen Berufen, wie z. B. unter den Ärzten und Rechtsanwälten bestimmter Großstädte, besonders Berlins, ferner im großstädtischen Preß- und Theaterwesen, die Juden in einem Maße überwiegen, das zu ihrem prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung in keinerlei Verhältnis steht. Es ist also — teils bewußt, teils unbewußt — die Furcht vor dem gefährlichen jüdischen Wettbewerb auf wirtschaftlichem Ge- *) Aus dem sehr lesenswerten Buch „Staat und Hochschule“, zu haben in Ewer-Buchhandlung, München. Wagmiiüerstr. 19. biet, der den geeigneten Nährboden für die antisemitische Agitation auf den Hochschulen abgibt Soweit die Beschwerden der deutschen Studentenschaft in diesen Dingen berechtigt sind, hat das Unterrichtsministerium nicht gezögert ihnen Rechnung zu tragen. Es hat unmittelbar nach der Revolution Vorsorge getroffen, daß die deutschen Studenten, die am Kriege teilgenommen und außer ihrer Gesundheit dem Vaterland zum großen Teil sechs oder acht Semester ihrer besten Jugendzeit geopfert hatten, unter allen Umständen denen, die nicht im Felde gewesen waren, insbesondere den Ausländern gegenüber, vorangehen. Es hat bei der Überflutung aller deutschen Hochschulen mit Ausländern, insbesondere aus dem europäischen Osten, die sofort nach der Beendigung des Krieges einsetzte, eine gewisse Kontingentierung in der Zulassung dieser Ausländer angeordnet. Es hat ferner verfügt, daß die Vorbildung der zugelassenen Ausländer auf das sorgfältigste geprüft wird. Kein Ausländer wird an einer deutschen Hochschule immatrikuliert, dessen Vorbildung nicht mindestens den Anforderungen entspricht, die wir an die Vorbildung unserer deutschen Studenten stellen. Diese Ausländer müssen sich auch einer Prüfung ihrer Fertigkeit in der Beherrschung der deutschen Sprache unterziehen. Noch weiter zu gehen und, wie es ihr vielfach zugemutet wurde, die Zulassung von Ausländern, insbesondere von Ausländern jüdischen Stammes, zu unseren Hochschulen überhaupt zu versagen, mußte die preußische Unterrichtsleitung in voller Übereinstimmung mit den Unterrichtsverwaltungen der anderen deutschen Länder jedoch ablehnen. Sie durfte keinen Augenblick vergessen, in wie hohem Grade diese ausländischen Studenten, und vornehmlich auch die Juden unter ihnen, in der Vergangenheit dazu beigetragen haben, den Einfluß deutscher Kultur und deutscher Wissenschaft in der Welt zu stärken. Darüber hinaus sind z. B. die ausländischen Studierenden unserer technischen Hochschulen vielfach auch die besten Pioniere deutscher Wirtschaft, deutschen Gewerbefleisses geworden. Und heute, wo wir das alles erst ganz mühselig wieder vom Fundament aus aufbauen müssen, wäre es gerade vom nationalen Standpunkte aus mehr als ein Verbrechen, es wäre eine Dummheit, uns diese einzigartigen Möglichkeiten zur Wiedergewinnung kulturellen und wirtschaftlichen Einflußes in der Welt selbst zu verscherzen durch brutale Schließung unserer Hochschulen gegen die Ausländer. Gerade wer mit mir davon überzeugt ist, daß politisch und ökonomisch die Zukunft Deutschlands aufs engste verknüpft ist mit der wirtschaftlichen Erschließung des Ostens, insbesondere Rußlands, muß auf das sorgfältigste alle Beziehungen pflegen, die von Deutschland nach dem Osten führen. Wie aber die Dinge heute liegen, sind unsere Hochschulen mit ihren zahlreichen Studenten aus jenen Ländern nahezu die einzigen, jedenfalls aber die tragfähigsten Brücken zwischen Deutschland