Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 12 (25.3.1921)
- Date
- 1921-03-25
- Page
- Seite 149 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 12 25. März 1921 8. Jahrgang Gemeinsame Arbeit? Offener Brief an Herrn Rabbiner Dr. Max Freudenthal-Nürnberg. Sehr geehrter Herr Doktor! ihr Aufsatz „Religion nicht Politik“ in der Märznummer der Zeitschrift „Liberales Judentum“ mag manchem Liberalen eine bedenkliche Annäherung an den Zionismus scheinen. Wir verzichten darauf, so falscher Auffassung Boden zu bereiten. Wir stellen vielmehr fest, daß Ihre Anschauungen weder zionistisch noch philozionistisch sind. Sie zeugen freilich von jüdischem Fühlen und von Verständnis für die zionistische Idee. Daraus kann Ihnen nur derjenige Liberale einen Vorwurf machen, der allem Jüdischen fern, nicht begriffen hat, daß die Widerstandskraft des Liberalismus dem stets verstärkten zionistischen Ansturm gegenüber letzten Endes davon abhängt, ob die Liberalen die freiwillige Selbstbeschiränkung im Jüdischen aufgeben wollen oder nicht. Steht es nun für uns außer Zweifel, daß Ihr Aufsatz das Gegensätzliche Ihrer und unserer Auffassung klar zum Ausdruck bringt, so übersehen wir doch nicht, daß aus ihm ebenso klar die Möglichkeit gemeinsamen Aufbaus hervorgeht. Wir verkennen gewiß nicht, daß Sie mehrfach grundsätzlich „jede Opferwilligkeit für die völkische Politik des Zionismus“ ablehnen. Witr stellen aber mit Befriedigung fest, daß der gemeinsame Gedanke, der trotz aller Gegensätze Zionismus und Liberalismus in der Palästinafrage verbindet, Ihrer Meinung nach stark genug ist, „um auch einer gemeinsamen Arbeit für das gemeinsame Ziel den Weg zu bahnen.“ Eben darum, meine ich, ließe es sich vermeiden, diese augenblicklich noch schwache Möglichkeit durch theoretische Auseinandersetzungen zu gefährden. für die beinahe alle Voraussetzungen fehlen. Wäre es doch zunächst nötig, an den Beginn der Erörterung eine Klärung der Begriffe zu setzen und sich z. B. über die Bedeutung der Worte „Religion“ und „Politik“ zu einigen. Es würde dann betont werden müssen, daß uns Religion in Ihrem Sinne durchaus als Sache des Einzelnen und seines Gewissens erscheint. Politik ist uns im Gegensatz dazu die Bildung eines Gemeinschaftswillens und seine Durchsetzung in der Realität gleichgültig, auf welchem Gebiet, wie denn Religionsgemeinschaften und Kirchen zu jeder Zeit ihre Politik getrieben haben, ohne daß man berechtigt wäre, diese naturgemäße Erscheinung als ein Zeichen des Verfalls religiösen Geistes zu werten. Sieht man die Dinge so an, so würde eine Rechtfertigung der zionistischen Organisation oder der Jüdischen Volkspartei oder schließlich jeder anderen Gruppe wegen „Politisierung“ des Judentums keine Schwierigkeiten bieten, ja sie wäre nicht einmal nötig. Die Erweckung der jüdischindifferenten Masse zu jüdischem Leben — unser aller Ziel — ist ein politischer Vorgang. Das wird auch Sie, sehr geehrter Herr Doktor, nicht hindern, darauf hinzuarbeiten, auch wenn Ihnen die Wege, die dazu führen, manchmal nicht Zusagen sollten. Gleichviel. Wozu die Erörterung, wenn die beiderseits gewollte praktische Arbeit darunter leiden müßte? Wir Zionisten erkennen an, daß es einen jüdischen Liberalismus und eine liberale Anschauung gibt. Wir mögen das bedauern, werden sie in unserer Machtsphäre bekämpfen — können aber nicht umhin, auch in ihr das Jüdische zu sehen. Et hic dii sunt! Für uns nehmen wir Gleiches in Anspruch. Man sehe endlich ein, daß sehr wohl sein kann, was — vom Standpunkte des Liberalismus aus — nicht sein darf. Man gewöhne sich daran, im Zionismus eine aus dem Lebenswillen der jüdischen Gemeinschaft geborene Bewegung zu sehen. Der jüdische Liberalismus bekämpfe uns, so viel er mag; er erkenne aber unser Recht an, zu sein und so zu sein, wie wir sind. Mit ein paar Worten: die unerfreulichsten politischen Vorbildern nachgeahmte Gewohnheit, im Zionismus eine Art inneren Feindes zu sehen, muß fallen. Fallen muß gleichfalls die vielfach betonte Forderung, daß der Zionismus auf Teile seines Programms oder deren Propaganda zu verzichten oder Konzessionen der Überzeugung oder deren Vertretung und Betätigung zu machen habe, wenn man ihm helfen solle, Palästina aufzubauen. Palästina darf nicht Objekt eines Kuhhandels werden. Die Liberalen haben am Aufbau von Erez Israel das gleiche jüdische Interesse wie wir. So schlimm es wäre, wenn z. B. die bayerischen Gemeinden wider bessere Überzeugung ausländischen Glaubensgenossen die Gleichberechtigung deswegen dauernd versagen würden, weil sie „den furchtbaren Haß, der seit der Revolution gegen die Ausländer in der Bevölkerung herrscht“, scheuen, so schlimm wäre es, wider sein jüdisches Gewissen das Palästinawerk abzulehnen, weil inan von der Entwicklung irgendwelche imaginäre Gefahren für sich selbst fürchtet. Palästina kann nur um der Sache selbst, um seiner selbst willen aufgebaut werden, niemals als Kompensationsobjekt für zionistisches Wohlverhalten im Galuth. Wir Zionisten werden gewiß nicht fragen, ob die Liberalen aus religiösen, humanitären oder sonstigen Gründen mittun. — Schon jetzt bietet ja der Keren Hajessod, der Grundfonds für den Aufbau Palästinas, alle Sicherheiten, daß der Standpunkt auch dem nichtzionistischen Zeichner gewahrt bleibt. Erez Israel soll nicht am politischen Egoismus einer Richtung, am wenigsten der zionistischen, scheitern. Der Aufbau unseres Landes ist eine Angelegenheit, die dem Kampf der Parteien entrückt sein wird. Man wird ihn neutralisieren, wird — alle Juden guten Willens — sich verbünden, um dites eine Ziel zu erreichen. Wer sollte ein solches Bündnis brechen? Man muß ihm treu bleiben, denn ungerechtfertigter Bruch würde mit dem Rücktritt des Vertragsgegners eine ungeheure Gefährdung des Werkes und schließlich die endgültige Diskreditierung des Schuldigen bedeuten.