Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 11 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- Seite 137 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 11 18. März 1921 8. Jahrgang Epilog. Die Wahlschlacht ist geschlagen. Die feindlichen Koalitionen haben ihre Armeen gegeneinander aufmarschieren lassen. Und es ergab sieb, daß iin München die zahlenmäßige Stärke der Koalition der Orthodoxen und Zionisten sich zu der Koalition der Liberalen und Indifferenten an Quantität wie 1:2 verhielt. Mit ihrem doppelt so starken Heer haben die letzteren zwei Drittel der Sitze erobert. Wie konnten die Liberalen doch „so tapfer schmähen“ über das „unnatürliche Bündnis“ der Orthodoxen mit den Zionisten, der Schwarzen mit den Blau-Weißen, über die „Mesalliance“, die zur alsbaldigen Scheidung führen werde, usw. Und nun waren sie doch „selber der Sünde bloß“, ■-einer viel ärgeren Sünde .... Ist denn überhaupt ein Wahlbündnis eine Sünde? Die liberalen Herren, die doch bedeutende Staats¬ und Stadtpolitifcer unter sich haben, tun so, als wüßten sie nicht, daß eine Zweckvereinigung von Minderheiten gegen eine zahlenmäßig übermächtige Majorität eine im politischen Leben alltägliche Erscheinung ist. Die Herren werden aber, wenn nun nach Abschluß des Wahlkampfes die positive Arbeit beginnt, erleben, daß die Volkspartei — über einen Wahlbund hinaus — eine dauernde Arbeitsgemeinschaft ist. Nichts Wesentliches trennt in Fragen der Gemeindepolitik die Zionisten und Orthodoxen. Die Herren, die sich auf das Schauspiel der Scheidung schon gefreut haben, werden noch recht unliebsame Enttäuschungen erleben. Um im Beireich der von der liberalen Partei gewählten bildlichen Ausdrücke zu bleiben: Vernunftehen sind oft die glücklichsten. Juden aller Richtungen haben diese Lebensweisheit erprobt. Es dürfte aber schwer fallen, aus dem Bereich der erotischen Beziehungen eine treffende Bezeichnung zu finden für das illegitime Verhältnis der Libetralen mit den Indifferenten. Die charakteristischen Merkmale sind heimliche Leidenschaft bei geheuchelter Kühle; Verführung, Betörung, Einschüchterung, der in unschuldvoller Unberührtheit lebenden Schönen; Verheimlichung der Buhlschaft vor der Welt- Sind wirklich zwei Drittel der Juden Münchens überzeugt liberal, d. h. überzeugte religiöse Juden reformierender Richtung? Der liberale Generalstab, die Herren von der liberalen Wahlvereinigung wußten sehr gut und wissen es noch, wie klein die Zahl ihrer wirklich überzeugten Anhänger ist. Noch bis im die späten Abendstunden des Wahltags hinein war eine Anzahl von ihnen bereit, die höchsten Wetten einzugehen, daß die Volkspartei mit ihrer geschlossenen Phalanx, deren Straffheit weniger beruht auf mechanischer Organsiation, als auf der organischen Zusammengehörigkeit gemeinsamen Strebens, die Hälfte der Sitze erobern würde. Hand in Hand mit diesem geringen Selbstvertrauen in die Kraft der eigenen Sache, mit diesem Schwächegefiihl ging die große Angst vor der Macht der Volkspartei. Und so paradox es klingt: mit beidem, mit dem Schwächegefühl und mit der Angst haben die Liberalen „gesiegt“, d. h. die zahlenmäßige Majorität errungen. Nicht mit einem positiv liberalen Programm — ein solches ist während des ganzen Wahlkampfes trotz der Neugier von Freunden und Gegnern nicht zum Vorschein gekommen — haben die Liberalen Anhänger geworben, sondern sie haben die zerstreuten Massen der gleichgültigen Juden, die große Schar der noch nicht Getauften und Halbjuden aufgestöbert und aufgestört, umworben, umschmeichelt, eingeschüchtert mit der Angst vor dem volksparteilichen Ghettoprogramm, mit der Angst vor der drohenden Herrschaft der vereinigten Ultramontanen. Polacken und Zionisten, mit der Angst vor Erhöhung der Gemeindesteuern — — kurz, sie haben duirch Aufrühren der menschlichen, allzu menschlichen Instinkte — weiß Gott nicht durch Erwecken der schlafenden jüdischen Herzen — die jüdischen Spiößer mobil gemacht — zu eintägiger jüdischer Begeisterung. Nun schlaft wohl, ihr jüdischen Herzen, bis zur nächsten Wahl! In den offiziellen Wahlreden der liberalen Führer klang es anders. Da hat man die von der Volkspartei erhobenen Vorwürfe, die bisherige liberale Gemeindeverwaltung sei die Repräsentanz der Indifferenz gewesen, sei intolerant gewesen gegen alles positiv Jüdische, besonders gegen alles Ostjüdische, gegen alle überzeugt Religiösen und Nationalen, scharf zurückgewiesen. Da klang es so, als seien es bloß taktische Gründe von vorübergehender Geltung, die insbesondere gegen die Verleihung des Wahlrechts an die Ausländer sprächen, ln der Kleinarbeit der Wahl aber, von Person zu Person, da klang es anders. Und bei aller Heimlichkeit — es ist so manches in volksparteiliche Ohren geklungen und haftet da und — es wird von dem künftigen Verhalten der Herren abhängen, ob sie ihre Zweideutigkeit uns vergessen machen. W o sprachen sie die Wahrheit? Und haben sie das jüdische „Lew“, das sie zu besitzen beteuerten, so müssen sie es durch Tate n beweisen. Es ist nicht gleichgültig, nach Schluß der Wahl noch einmal auf all dies zurückzublicken, besonders auf die beiderseitige Kampfesweise. Bei der Volkspartei: das aufrichtige Bekennen gemeinsamer Ziele, die Zuversicht bezüglich des Ausgangs, der Verzicht auf den billigen Gewinn wertloser Mitläufer, Verzicht auf populäre Schlagworte wie das Versprechen der Niedrighaltung der Steuerbelastung. Bei den Liberalen: jene Zeichen der Schwäche, jenes mangelnde Vertrauen in ihre eigene Sache, jene Angst vor der Gegenpartei und — jene Überraschung über den eigenen Sieg. Dies alles festzuhalten ist wertvoll, denn dieser Wahlepilog ist zugleich Prolog für die künftige Gemeindearbeit; dieselben Parteien stehen sich nun in der gewählten Körperschaft gegenüber und — es ist immer gut, einander zu kennen. Ein schon von den Römern erprobter Satz der politischen Weisheit lautet: „Herrschaften werden mit denselben Mitteln erhalten, mit denen sie errungen sind.“ Die Liberalen haben d i e Herrschaft errungen, die auf der zahlenmäßigen Überlegen-