Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1921-03-11 · 10 (11.3.1921) · p. Seite 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
10 (11.3.1921)
Date
1921-03-11
Page
Seite 130 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103024-9144807--03963-9076788
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

130 Das Jüdische Echo Nr. 10 Feuilleton Paradies-Äpfel. (Schluß.)*) „Also an einen Vergleich ist nicht zu denken?“ sagte Bandmann bedauernd. „Schade! Die Sache eignete sich doch in hervorragendem Grade dazu. — Es handelt sich um Gegenstände des israelitischen Rituals; da sollte doch den Parteien, welche beide mosaischer Konfession sind, daran liegen, solche Streitigkeiten nicht bis zum Äußersten kommen zu lassen, wenn sie schon nicht umhin gekonnt haben, sie gerichtlich anhängig zu machen. — Was meint denn der Beklagte dazu?“ „Na — nun machen Sie mal den Mund auf!“ sagte Wenzel und schob seinen Klienten, der trotz des milden Frühlingswetters einen dicken Pelz trug, vor den Richtertisch. „Herr Präsident!“ sagte Boruch. „Ich bin ein friedlicher Mensch, — aber mit der Sache habe ich so viel Ärger gehabt; soll ich da noch Geld zuzahlen? — Man kann doch die Früchte nicht im Tempel gebrauchen, wenn die Stengel fehlen —“ „Na ja!“ sagte Bandmann. „Ich persönlich verstehe zwar nicht recht wieso gerade die Integrität d-es Stengels die rituelle Verwendbarkeit so beeinträchtigen soll. — Am Ende hat im Paradies damals der Apfel auch keinen Stengel mehr gehabt als Adam anbiß, — aber da werden wir uns ja wohl der größeren Sachkunde des rabbinatlichen Gutachtens fügen müssen. Immerhin liegt rechtlich die Sache nicht so ganz klar. — Wollen Sie da nicht lieber aus freien Stücken dem Kläger die Hälfte bezahlen?“ „Wofür? — Für die abgerissenen Stengel?“ „Habe ich Stengel verkauft?“ rief auf einmal Herr Pfeffer, ein schmales blasses Männchen mit dünnem Spitzbart und großer Brille. „Ich habe Früchte verkauft! — Wenn ich Birnen kaufe und die Birnen sind gut, kann ich nicht sagen, die Stengel sind nicht in Ordnung, — und dann nicht zahlen!“ „Habe ich Birnen gekauft?“ rief Boruch. „Ist ein Ethrog eine Birne? — Sie haben doch gewußt, daß ich mir die Ethrogim nicht einmachen will!“ „Was geht mich an, wozu Sie gekauft haben! Meinethalben können Sie sie mit Schlagsahne essen!“ „Herr Direktor!“ Tief Hank. „Die Vergleichsverhandlungen haben wirklich keinen Zweck.“ „Aber wieso denn?“ sagte Bandmann, der sich bequem zurückgelehnt hatte und behaglich der Diskussion der streitenden Parteien folgte. „Sie sind doch auf dem Wege zur Verständigung. Lassen Sie die Leute sich nur aussprechen, Herr Rechtsanwalt Kahn!“ „Hank!!“ schrie der kleine Anwalt außer sich. „Hank?“ sagte Bandmann, scheinbar aufs äußerste verwundert. „Aber diesmal irren Sie sich! Sie haben ja vorhin selbst zu Protokoll gegeben, daß Sie mit allerhöchster Genehmigung Ihren Namen geändert haben und jetzt Kahn heißen!“ Hank schnappte nach Luft. „Sehen Sie doch bitte nach, Herr Referendar Lehnsen!“ sagte Bandmann besorgt. „Wie war es doch?“ *) Anfang siehe Nummer 6. Heinz beugte sich tief über das Protokoll; er mußte zweimal ansetzen, ehe er antworten konnte. „Rechtanwalt Hank, — früher Kahn“ sagte er dann in möglichst amtlichem Tone. „Ach, wirklich? — Also doch! — Dann muß ich um Entschuldigung bitten. Nicht wahr, — ein begreiflicher Irrtum? Es konnte ja ebenso umgekehrt sein. — Hank! Jetzt werde ich mir den Namen aber merken!“ „Darum möchte ich aber auch dringend bitten!“ sagte Hank zornig. „Aber warum denn so gekränkt?“ fragte Bandmann unschuldig. „Ich habe mich eben geirrt und erkenne das an. — Jetzt erinnere ich mich auch ganz genau, daß Sie Hank.sagten: Sie setzten ja noch hinzu: von Ihrer Taufe an bis heute!“ „Na, das sagte wohl ich!“ schmunzelte Wenzel. „Auch möglich!“ sagte Bandmann. „Damit ist der Zwischenfall wohl erledigt! — Also nun wieder zu besagten Paradiesäpfeln. — Sie, Herr Boruch, hätten also religiöse Bedenken gegen die Verwertung der stengellosen Früchte?“ „Ohne Stengel sind die Früchte nicht zu gebrauchen! — Kein Mensch würde sie mir abkaufen, weil man doch niclrt mit ihnen beten kann!“ „Was sagt der Kläger dazu?“ „Es kommt auf diesen Punkt gar nicht an“, sagte Hank, der das Bedürfnis verspürte, eine etwas weniger passive Rolle zu spielen. „Ich will darauf gar nicht eingehen; ich persönlich verstehe ja davon nichts, aber —“ „Was?“ fuhr Boruch dazwischen. „Sie verstehen nichts davon? Und dabei ist doch der alte Leiser Kahn selig Vorbeter gewesen im Tempel in Wongrowitz!“ „Ich bitte, mich gegen Insulten zu schützen!“ rief Hank. „Herr Boruch!“ sagte Bandmann ernst. „Unterlassen Sie die Unterbrechungen und lassen Sie Ihre ungehörigen Bemerkungen gegenüber dem klägerischen Herrn Prozeßbevollmächtigten. — Der selige Leiser Kahn aus Wongrowitz geht weder das hohe Gericht etwas an, noch den Herrn Rechtsanwalt Hank. — Verstanden?“ „Aber der Rechtsanwalt Kahn — Hank — weiß doch ganz gut — jeder Jude weiß doch —“ „Ich bin Protestant, — wenn Sie nichts dagegen haben!“ sagte Hank scharf. Boruch sah ihm ins Gesicht und wurde auf einmal ganz ruhig. „Ich habe nichts dagegen!“ sagte er dann und trat zurück. „Ich habe nicht gewußt, daß der Anwalt von dem Herrn Pfeffer getauft ist!“ „Dafür kann ich doch nicht!“ rief Pfeffer eifrig. „Er hat sich erst während des Prozesses taufen lassen! Da hatte ich schon den Vorschuß gezahlt!“ „Das ist eine Unverschämtheit!“ begehrte Hank auf. „Ich werde das Mandat niederlegen, wenn Sie noch ein Wort sprechen!“ „Aber Herr Rechtsanwalt!“ sagte Bandmann sanft. „Nicht gleich so erregt! Etwas mehr christliche Milde!“ „Ich muß gegen diese fortgesetzt gegen mich gerichteten antisemitischen und verletzenden Bemerkungen seitens des Herrn Vorsitzenden protestieren!“ rief Hank jetzt außer Rand und Band. „Antisemitisch? Verletzend?“ rief Bandmann im Ton höchsten Erstaunens und sah wie entgeistert

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.