Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 2 (14.1.1921)
- Date
- 1921-01-14
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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22 Das Jüdische Echo Nr. 2 1. daß, wie Gutmann auch selbst sagt, die gemachten Beobachtungen noch nicht genügend zahlreich und sicher sind; 2. daß die „Spätkinder“ auch in früheren Zeiten gegenüber den anderen Kindern der gleichen Generation einen zu geringen Prozentsatz ausmachten, als daß man gerade sie für psychische Eigenheiten der ganzen heutigen Rasse verantwortlich machen könnte: doch ist hier nicht der Ort näher auf diese schwierigen Fragen einzugehen. Wir können die sehr lehrreiche Schrift jedem wärmstens empfehlen, der sich ernsthaft über diese für uns Juden wichtigen Fragen unterrichten will; von dem DuTcharbeiten des Gutmannschen Büchleins wird er mehr Gewinn ziehen als aus der Lektüre von Schülers „Rassenadel der Juden“ oder ähnlichen populär zurecht gemachten, unwissenschaftlichen Broschüren. — Der angefügte, sehr ausführliche Literaturnachweis wird vielen eine willkommene Beigabe sein. E. L. Feuilleton Die Schmuckstücke von Wilna. Von Arnold Zweig. Die Bernsteinkette. Dort wo zwei oder drei Läden voll alter schöner Sachen sich in die häßliche Front der Straße zurückziehen, hing sie im Fenster eines Antiquars. Neben neuerem Chinaporzellan, köstlich flach geschnitztem Elfenbein, kleinrussischen Bauernflakons, gehöhlt aus braunem Stein, und den zarten und banalen Gewürzbüchsen aus Siilberfiligran, hingen an einen gewöhnlichen Faden gereiht ihre zylindrischen und leicht abgeplatteten Glieder, denen eine taubeneigroße und sechs nicht viel kleinere Perlen das Schwergewicht nach unten verliehen, dies hängende Gewicht der schmückenden Kette um den Hals einer Frau. Ich sah sie auf meinem ersten Gange durch diese verwirrende und erregende Altstadt von Wilna, und sie schien mir ausnehmend schön. Ihre Farbe, tiefgelb, mit einem alten Glanze auf jedem Gliede, war der edle und reine Ton natürlicher Dinge, des Honigs, des Harzes, des Wachses und des Eies; undurchsichtig ohne die milchige Trübung, die den Bernstein gewöhnlich macht, verbargen diese durchbohrten Glieder hinter ihrer unregelmäßigen Rundung das lebendige und flüßige Geheimnils ihres Werdens, steinhaft ohne die Kälte des Steines, hart ohne seine Härte und vornehm ohne die plebejische Aristokratie der Juwelen; auch blieb dieses zarte Schimmern erhaben über die glasklare Durchsichtigkeit des allgemeinen Bernsteins, die. allzu widerstandslos, nicht fähig ist, auf lange zu fesseln. Dann nannte mir der verkaufende Jude, ein junger Mann des vornehmen Typs, den man hier trifft, wie man ihn in Uesküb traf, einen Preis, geringer als der eines russischen Pfundes Tee oder Kakao, geringer als der von drei Pfund Butter und weit geringer als der von hundert Zigaretten; ich fand sie vollkommen und nahm sie mit Drei Tage lang, drei kurze des Winteranfangs, durchstreifte ich dann die Stadt, stapfend und gleitend, weil vom dickverhängten Himmel der Schnee flockte, der untertags unermüdlich taute und der abends gefror, in einem unermüdlichen Drang und Fest des Schauens von Menschen, Straßen und Bauwerken dieser Siedelung, in der sich über dem Armseligen des Volkes und den Greueln neuer Wohnhäuser das Nordisch^Gotische und das Italienisch-Barocke der Kirchen aufreckt in der das Litauische und Weiißruthenische des Bauern mit dem Polnischen des Städters und dem beherrschenden Jüdisch des Kleinbürgers durcheinandergeht, ohne sich zu mengen, beherrscht und geleitet vom zurückhaltenden Grau unserer Waffenröcke. Vieles wollte man mir verkaufen* aber nur dreimal bat man mich um Brot, und kein Mensch unternahm, mir einen weiblichen Menschen wie einen Schlitten für Stunden zu vermieten; dies ist nicht mehr die Stadt vergangener Jahre und des letzten furchtbaren Herbstes. Nun liegt, nach dem Scheiden, die Bernsteinkette vor mir. Die zu Ende gebildete Form ihrer großen ovalen Perlen erinnert mich an die bis zu Ende durchfühlten Augenblicke, die Wilna mir für immer mitgab, Ereignisse, wie man sie ihren schönsten nordischen und südlichen Schwestern dankt, von denen beiden sie Bestandteile empfing, ohne doch aufzuhören, diese Einheit zu sein, dies einmalige Wilna. Eine rötliche Perle. Reich geschwungen erhebt sich der ungeheure hellrote Giebel der Bernharditnerkirche, ihre Fassade von spitzen Fenstern dreigeteilt und ihr gotisches Tor. Die Annenkirche neben ihr, ziseliert und durchbrochen wie eine Monstranz, hält mir ihr dunkleres Rot entgegen, das Trübe roten Weines; ihr von rechts und links herschwingendes Maßwerk ist, gebändigt wie von einer festgreifenden Faust, in einen Knauf zusammengefaßt und ihre Ziegel, biegsamer als Schmiedewerk, sind fast zu zierlich für den getragenen und tragenden Stein. In die umfassende Mauer ist, übertürmt von einem neuen, das Moderne und Nachahmende nicht verleugnenden Turme, noch schmal und sehr lang eine Kapelle gegraben, rot. nichts als eine Treppe L. Kielleuthner kgl. bayer. Hoflieferant 43 Maximilianstrasse 43!?? Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass