Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 53 (31.12.1920)
- Date
- 1920-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 55_ 31. Dezember 1920 7. Jahrgang Warum wir für Palästina sein müssen. Argumente eines Nichtzionisten. Von Rabbitner Leo Harrison, St. Louis. U. S. A. Die folgenden Ausführungen des liberalen Rabbiners Leo Harrison sind zuerst im „Jewish Advocate“, Boston, erschienen. Ich glaube, es ist kaum nötig, darauf hinzuweisen, daß ich dieses Thema nicht als Zionist diskutiere. Ich bin kein Nationaljude und habe keine besonderen Interessen an den politischen Möglichkeiten der jüdischen Palästinasiedlung. Aber es gibt noch andere Gesichtspunkte dieser Siedlung, die ganz Israel angehen, mögen wir Zionisten sein oder nicht, mag sich der eine dem Judentum als einer Religion zugehörig fühlen, oder der andere dem Judentum als einer Nation. Die beginnende Besiedlung Palästinas ist eine Tatsache, die dem bekannten Schritte der britischen Regierung ihr Dasein verdankt. Sie eröffnet Möglichkeiten und Ausblicke von höchster Bedeutung, und zwar nicht nur den Juden, die dorthin auswandern wollen, sondern allen Juden, denn alle sind tief verknüpft mit der Tragödie von Israels Schicksal in weiten Teilen der Erde. Palästina bedeutet eine neue Hoffnung für ungezählte Tausende unserer jüdischen Brüder. Die korrupte Herrschaft der Türken in Palästina ist zu Ende und England, politisch der Herr Palästinas, hat einen jüdischen Oberkommitssar eingesetzt, hat öffentlich die Anrechte der Juden auf ihr Heimatland anerkannt, hat verheißen, dies Land zu entwickeln, die jüdische Einwanderung zu ermöglichen und den Juden Rechte zu geben entsprechend ihrem Verhältnis zur Einwohnerzahl. Schon gibt es eine Anzahl blühender jüdischer Kolonien in Palästina; neue Siedlungen erwachen. Jüdische Wehr schützt die jüdischen Kolonien. Die jüdische Universität soll eine Quelle jüdischen Geistes werden, und das reine Hebräisch der Bibel ist die Sprache der Kinder in den Straßen Jerusalems und die Sprache der Schulen. Da taucht die schwere Frage auf: Welche Vorbereitungen sind getroffen, um die neuen Einwanderer zu empfangen? Welche Industrien hat man neu errichtet, um sie zu beschäftigen, welche Vorbereitungen hjat man in der Landwirtschaft getroffen und welche im Bewässerungswesen, welche im Wege-, im Eisenbahn- und im Hafenbau? Es müssen die Grundlagen zum modernen Ackerbau und zum modernen Geschäftswesen getroffen werden. Ungeheuere Summen sind nötig, viele Millionen, um Palästina vorzubereiten für die jüdische Siedlung. Nur um den ersten Schritt zu tun, wird man wenigstens 100 Millionen Dollars nötig haben. Soll man die Schultern zucken bei der Erwähnung dieser enormen Summe? Gewiß sind 100 Millionen eine enorme Summe, aber die 30 oder 40 Millionen, die die amerikanischen Juden für das Kriegshilfswerk gegeben haben, waren auch keine Kleinigkeit. Und diese 100 Millionen sollen nicht für eine einmalige Unterstützung gegeben werden, sondern als Grundlage für eine dauernde Lösung des Problems des jüdischen Elends. Der größte Teil der Juden Mittel- und Osteuropas befindet sich in einem Elend, das aller Worte spottet. Muß ich auf die schrecklichen Verfolgungen in Polen und Rußland hinweisen? Tausende und Abertausende unglücklicher Flüchtlinge sind zusammengetrieben in den Lagern bei Danzig und anderen Plätzen und warten auf die Möglichkeit einer Zuflucht. Wo sollen sie hin? Einst war England das Land, wo das Vorurteil der Rassen und Religionen nicht bestand. Und jetzt sehen wir im freiheitsliebenden England den Beginn einer heftigen antisemitischen Kampagne, der sich große Presseorgane zur Verfügung steilen. Und täuschen wir uns nur nicht darüber, daß auch Amerika nicht immun ist. Schon hat das Echo der neuen Beschuldigungen unsere Küsten erreicht, schon wird auch hier der Versuch einer organisierten Judenhetze gemacht. Und doch müssen wir unseren unglückseligen Brüdern in ihrem Elend helfen und ich glaube, daß wir ihnen am besten helfen können, wenn wir die gesunden Grundlagen einer jüdischen Palästinasiedlung errichten. Und welches ist der Grund, daß unter den Juden so große Neigung gerade zur Ansiedlung in Palästina ist? Es ist die Macht des Gefühls, und dieses tiefe Gefühl beseelt nicht einmal nur die Zionisten, es ist ein tiefes religiöses Gefühl, ganz besonders herrschend unter unseren orthodoxen Brüdern. Denn immer noch klingt in den Herzen von Millionen Juden, im Glück wie im Unglück, jenes Wort: „Wenn ich Dein vergäße, o Jerusalem!“ Die Macht des religiösen Gefühls wird ungezählte Juden nach Palästina führen. Aber es war im Grunde das nämliche Gefühl, das in Jacob Schiff, diesem Fürsten in Israel, den Wunsch erweckte, Palästina zu einem Zentrum des jüdischen Geistes auszugestalten. Und es wird bei allen Juden die ungeheuerste Begeisterung erwecken, wenn einst die große jüdische Universität sich auf den Hügeln von Jerusalem erheben wird, und wenn wieder von dort aus „ausgehen wird die Lehre und das Wort des Herrn von Jerusalem“. Dort kann der einzigartige Intellekt und der Genius unseres Volkes sich frei erheben, dort werden unsere Philosophen, die Spinoza und Bergsen, Gottes Gedanken noch einmal nachdenken, und gewaltige jüdische Gelehrte werden dort erstehen, epochemachende Denker und Politiker. Und dort kann auch die jüdische Religion neue Blüten treiben, dort, wo der Sabbath nicht im Widerspruch steht zu den Bedingungen des ökonomischen Lebens, und wo die Religion die prophetischen Ideale von Recht und Gerechtigkeit im sozialen Leben zur Verwirklichung führen kann. Es kann keinen Juden geben, der sich nicht an dem Gedanken freut, In Palästina die höchsten Möglichkeiten unserer Rasse zu verwirklichen. Das ist kein jüdischer Nationalismus. Wir müssen das Leben unserer Brüder retten und, wie es stets die größten Führer Israels wollten, unserem zerstreuten, verfolgten Volke eine heimatliche Zufluchtsstätte öffnen.“ (Z.K.)