Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 46/47 (19.11.1920)
- Date
- 1920-11-19
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46/47 Das Jüdische Echo 437 während dieses Jahres muß er zu jeder Stunde vor jedes Juden Augen stehen, als die große Schicksalsfrage seines Volkes: Sein oder Nichtsein ist in ihm beschlossen. Der Keren hajessod heißt nicht nur 25-Millionen-Fonds — Keren hajessod heißt die Erfüllung eines historischen Auftrages, heißt jüdische Geschichte bauen. Zur Judenfrage. Altes und Neues. Von Rechtsanwalt Justizrat Leo Oppenheimer, München. I. Wenn ich Nachstehendes zur Veröffentlichung bringe, so geschieht dies nicht deshalb, weil ich mich am öffentlichen Kampfe gegen diejenigen beteiligen müßte, die zur Zeit, meist aus egoistischen Motiven, nichts besseres zu tun wissen, als ihren Unmut über die schlechten Zeiten auf die Juden als Sündenbock abzuladen, am Kampfe gegen solche Leute, die selbst, gedankenarm bis zur Bewußtlosigkeit, immer und immer wieder nur die gleichen, Jahrhunderte alten Lügen, allerdings bisweilen in moderner Aufmachung Vorbringen können. Vielmehr will ich nur einen Beitrag dazu geben, daß vor Jahren schon bedeutendere Männer als die jetzigen Macher der Judenhetze und im Gegensätze zu diesen — mit aufrichtigem Bemühen um die Wahrheit über die Judenfrage nachdachten, besonders darüber, warum die Juden „unbillig und unverdient gefaßtem Hasse“ ausgesetzt seien, und es wagten in einer Zeit, in der noch nicht wie der heutigen, Freiheit, Bürger- Gleichbeit und Humanität Grundgesetze der staatlichen Gemeinschaft waren, dem Gedanken Ausdrucke zu geben, daß die Juden auch Menschen seien. Dabei bedauere ich es lebhaftest, daß wir zur Zeit überhaupt eine „Judenfrage“ haben, wo es doch wahrlich für die deutsche Politik Wichtigeres zu behandeln gäbe und alle geistigen Kräfte wetteifern sollten, zu helfen, daß wir alle aus dem „erbarmungswürdigen Zustand“ herauskämen, in dem wir in vieler Hinsicht uns befinden. Ich empfinde es ferner schmerzlich, daß die derzeitigen Judengegner in Deutschland hauptsächlich München die gemütliche gastfreundliche Stadt, zum Tummelplatz ihrer nicht immer edlen Tätigkeit auserkoren haben und von hier aus durch ihr Gebahren das ganze deutsche Volk ungestraft blamieren und diskreditieren dürfen. II. Vor einiger Zeit kam mir ein Buch aus dem Jahre 1730 in die Hand. Verfasser ist der Professor an der Universität Altdorf (Mittelfranken), an der auch Wallenstein studierte, Johann Jodokus Beck, ein Mann, der dem Geiste der Zeit entsprechend vielleicht selbst noch nicht alle Vorurteile gegen das Judentum abgestreift hatte, der aber bemüht war, bei der Abfassung dieses Buches über „Das Recht der Juden“ dem Judentum als solchem, ferner Religion und nicht zuletzt denjenigen gerecht zu werden, die (entgegen unsern heutigen Widersachern) Toleranz für keine Untugend hielten. Dabei darf nicht verkannt werden, daß der Zweck des Buches nicht die Apologetik war, sondern die „Zusammentragung“ des damals geltenden Rechts. — Ein Studium dieses alten Buches ist daher von mehr als antiquarischem Interesse. Wir selbst müssen uns hier auf einige kurze Hinweise beschränken. Gleich zu Beginn (§ 2) betont der Autor, daß schon 120 Jahre vor Christi Geburt Juden in Deutschland ansäßig gewesen seien. Es ist nicht ganz gleichgültig, sich dieser Tatsache bewußt zu sein. Vielleicht sind manche unserer derzeitigen Widersacher hiernach landfremder in Deutschland als viele Juden! Nach dieser Einleitung kommt der Verfasser (in den §§ 31 ff.) zur Hauptfrage, ob die Juden in einem christlichen Staate zu dulden seien. Zuerst spricht er davon, wie sie früher vielfach gehaßt und in grausamer Weise verjagt worden seien, erwähnt aber dann, daß zu diesem Hasse, wie nicht zu leugnen sei, beigetragen habe, „daß man wider selbige auch offtenmahls viele Lügen und Unwarheiten ausgesonnen, um sie nur destomehr verhaßt zu machen“ — wie heute! „Allein dessen allen ohngeachtet halten wir dafür, daß die Juden von dem Christen mit gutem Gewissen aufgenommen und toleriert werden sollen. Denn da Gott der Herr Selbsten die Juden bisher mit grosser Langmuth erduldet, so sollen auch wir hierrinnen seinem Exempel nachfolgen und da er überdiß gewollt, daß die Juden in alle Welt zerstreut seyn sollen, so will auch uns nicht geziemen, durch Verjagung und Ausrottung derselben seinem Willen freventlich zu widerstreben.“ — „Es kommt denen Juden das natürliche Recht zu statten, als welches keinen Menschen von der Menschlichen Gesellschafft ausschließt, und ist die toleranz das eigentliche Kennzeichen aller sitt- ILLUSTRIERTE WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND LEBEN ffÖNCHNER J&NZmmMMm 1J1K-80 VERLAG DEQ/JUGEND'MtflNCHENi Samroelstelle München Sammeistelle Nürnberg Sammels!elle Stuttgart Elisabeth Mahler S. Heinemann S. Friedrich Postscheckkonto 10121 Karolinenstr. 42 Hirschstr.24 Gedenk) des Indischen Nationnllonds