Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 46/47 (19.11.1920)
- Date
- 1920-11-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 46/47 19. November 1920 7. Jahrgang Erste Voraussetzungen. Von Berthold Feiwel. Es ist der 2. November, der Deklarationstag, an dem diese Zeilen über den Keren hajessod geschrieben werden. Unwillkürlich fliegt die Erinnerung zurück zum geschichtlich gewordenen Datum. Welch eine ungeheuere Flut des Enthusiasmus! „Die jüdische Gasse“ schäumte über. Manifestationen, Straßenumzüge, Fahnen und Musik. Der inbrünstige Lebensschrei eines Volkes, elementar und mystisch zugleich, wie der erste freie Atemzug eines Totkranken, der sich der Krisis entringt. Und dann — ein Abebben und allmählich wieder die dumpfe Agonie des Alltags. Und später, nach Jahr und Tag, noch einmal dasselbe exstatische Aufbrausen nach San Remo. Und wieder allmählicher Rückfall und Versinken in die große Not des Augenblicks mit seinen Hilfsmitteln, zurück in das Düster des Golus, dessen unendliche Dauer sich in die Monotonie grauer Tage auf löst, die sich schleppen wie nachschleifende Sklavenketten. Was für ein Volk sind wir? Sind wir ein Volk? Sind wir wirklich, was wir fühlen, sind wir wirklich, was wir sein wollen? Jedenfalls — die einfache Kunst des Schmiedes, der die Weißglut entfacht, um sein Eisen daran zu schweißen, die organische Funktion nationaler Völker, die den Brand nationaler Begeisterung nutzen, um ihn in nationale Energie umzusetzen, wir haben sie verloren — wenn wir sie überhaupt im Golus bisher jemals gekannt haben. Wir sagen Keren hajessod. Wir nennen eine gewaltige Ziffer: 25 Millionen Pfund. Wir sprechen von der Grundlegung unseres nationalen Heims in Erez Israel. Ein Flitterwort der Name, eine Phrase die Losung, ein Ziffernrausch die Millionen, wenn wir nicht in tiefem, heiligem Ernst, in letzter Ehrlichkeit, in strengstem Verantwortungsgefühl uns vor allem sagen: Keren hajessod heißt zuerst die ganze Mentalität, die angewöhnte Psychologie des jüdischen Volkes mit einer ungeheueren Anstrengung in Belehrung, Aufklärung und Überredung von Grund aus umzuwandeln. Keren hajessod heißt zuerst das jüdische Volk aus seiner Neigung zu periodischem Gefühlsüberschwang mit darauffolgender Passivität oder Depression, zum Erfassen der Wirklichkeit, zum zweckbewußten Handeln in der Wirklichkeit zu erziehen, die „Träumer des Ghetto“ aus der Irrealität ihrer Gefühlswelt herauszureißen und jeden einzelnen, jeden einzelnen vor die Arbeit in der Werkstatt zu stellen, in der die Zukunft seines Volkes geschmiedet wird. Keren hajessod heißt amorphe Bereitschaft in lebendige Gestaltung umzusetzen, heißt nationale Wärme, deren wir genug haben, in nationale Energien umzuwandeln, deren wir nie genug haben können. Es geht um jeden einzelnen. Denn das gehört mit zur Irrealität unseres Golusdaseins, daß bisher das Verhältnis gerade umgekehrt war. Eingehüllt in messianische Vorstellungen von berückender Größe und Schönheit, oder verloren in der Kulturlosigkeit zahlloser Kulturen, haben die Millionen jüdischen Individuen sich zur breiten Masse, jüdisches Volk genannt, geformt, die von einem großen Mann oder einem großen Geschehen, das wirken würde, außerhalb von ihnen und ohne ihr Zutun, das Heil erwartet. Die Geschichte der letzten Jahrzehnte, in allem übrigen grausam genug, hat diesem so passiven und darum so gefährlichen Wunderglauben der Massen dreimal Recht gegeben — und das sind wahrhafte Glücksfälle und unverdiente, würde man hinzusetzen, hätten nicht lange Geschlechter vor uns und unsere Generation für ihre unmeßbaren Leiden auch einmal eine große Gunst verdient. Das Schicksal hat ihnen Theodor Herzl, hat ihnen mit den Führern der letzten Jahre die Balfour-Deklaration und San Remo gebracht. Das jüdische Volk hat Männer und Ereignisse begleitet, kaum anders als der Chor in der griechischen Tragödie die gewaltigen Peripetien im Drama. Man muß es in alle Hirne hämmern: Es ist keine Zeit mehr, keine Aussicht mehr, ein viertes Wunder zu erwarten. Das Verhältnis hat sich jetzt umgekehrt, mußte sich umkehren. Kein einzelner, und sei er noch so groß, kein Geschehen, und sei es noch so epochal, kann ein Land aufbauen. Die Führer sind hilflos, di^ San Remo- Deklaration ist ein Blatt Papier, das jeder Windstoß verwehen mag, wenn das Volk jetzt nicht Axt, Hammer, Pflugschar und Spaten in die eigenen Hände nimmt, wenn es nicht buchstäblich und wirklich Besitz ergreift von seinem Lande. Keren hajessod, das heißt: den Grund legen durch das Volk, durch die Leistung, durch den Tribut, durch die Wirkung jedes einzelnen. Auch die Tat, die wirklich hingebungsvolle Tat, hat das Volk verlernt. Wir wissen und bezeugen es dankerfüllt, daß es an opferwilligen Pionieren unseres Landes, an todbereiten Verteidigern unserer Ehre nicht gefehlt hat, und kein Volk hat eine erhabenere Martyriologie als unseres von Geschlecht zu Geschlecht. Und dennoch: Das kollektive Individuum des Volkes hat die große Tat verlernt. Es ist eine abergläubische Vorstellung und auch ein Brauch mancher Urvölker, von dem wir nicht ohne Schauder hören, daß in den Grund irgend eines Baues, der ewigen Zwecken dienen soll, ein lebendiges Menschenkind mit eingemauert wird. Ein grausiger Brauch, aber wie oft, so auch hier, verbirgt sich hinter der fetischistischen Form eine tiefe, urmenschliche Wahrheit: daß der Grundbau zu etwas Ewigem und Geheiligtem aus mehr als nur totem Gestein gefügt sein muß, daß unendlich kostbareres Material, etwas von Blut und Leben der Erbauer, mit einströmen muß. Keren hajessod heißt den Grund legen für das heilige Land mit Hand, Vermögen und mit der Seele. Keren hajessod heißt für jeden Juden herzugeben von dem, was er hat, was er kann, was er lebt. Der Golus hat auch eine Irrealität der persönlichen Hingabe geschaffen: sie heißt Barmherzigkeit. In ihr schwelgt das Volk wie in seinen Ekstasen von Hoffnung und Verzweiflung. Wir sind „ein Volk der Barmherzigkeit“. Das ist ein großer Ehrentitel sicherlich, aber ist ein Golus-Ehrentitel. Normale Völker sind nicht „barmherzig“. Sie