Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 44/45 (5.11.1920)
- Date
- 1920-11-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 44/45 5. November 1920 7. Jahrgang Heut oder nie. Man sollte die Schmach täglich in die Welt hinausschreien. Judenelend wie nie in der von Judenblut besudelten Geschichte Europas bringt jede Stunde. Kein Hahn kräht danach. Was in der Ukraine, in Polen, in Ungarn geschieht, ist zu scheußlich, um es in Einzelheiten wiederzugeben. Die große, vielfach von Juden geleitete Presse schweigt. Die Banden Petljuras schlachteten 138 000 Menschen. Ist es unopportun davon zu laut zu reden? In Ungarn schändet man in den überfüllten Gefängnissen rottenweise jüdische Frauen, gegen die keine Anklage stichhält, sucht jüdische Männer zu zwingen das Abscheuliche zu vollziehen und verstümmelt die sich Weigernden. Übertreibung? Die britische Arbeiterabordnung unter Oberst Wedgwood hat’s nachgeprüft, in einer Broschüre „Der Fall der Frau Hamburger“ veröffentlicht. Unsere „demokratischen“ Blätter schweigen: Das christliche Bayern bündelt mit dem christlichen Ungarn. Wer Genaueres wissen will, lese Maximilian Hardens „Zukunft“ nach, der mutig das von anderen gern Überhörte, Unerhörte zur Kenntnis bringt. Was bezweckt die Stumpfheit der west jüdischen Öffentlichkeit? Es ist ein Selbstbetrug zu glauben durch Verschweigen sich Ruhe erkaufen zu können. Lauscht in bayerische Schulklassen, in die untersten, wo Buben und Mädel noch keine Zeitungen lesen, nicht die Hetze der Parteien kennen. Der Einfluß des Elternhauses, der jungen Mutter zumeist, ist hier mächtig. Die sollte in fraulicher Zartheit dem Kinde alles Häßliche fernhalten? Das schimpft im Ton der Eltern hinter dem kleinen Levi, Cohn, Rosenblatt, den Klassengenossen her: Judenstinker! Fragt nicht nach Ost-, nicht nach Westjuden. Der Judenbub, das schüchterne jüdische Mädel klagen weinend zu Hause ihr Leid. „Überhören. Tu, als ob du nichts merkst.“ Bestenfalls eine wirkungslose Beschwerde in der Schule ist die Antwort der Erwachsenen, denen die Sache peinlich ist. Der Stachel bleibt, vielleicht für immer, in der jungen Seele. Was sonst der Tag bringt, weiß jeder in München, in Bayern Beheimatete. Keine Woche ohne antisemitische Schmähzettel an den Säulen. In den Zeitungen aller Parteien ellenlange Berichte über die deutschvölkischen Versammlungen. Eine Fülle von Anklagen, die einander widersprechen und zu unsinnig sind, um widerlegt zu werden. Der harmlose Spießer, der nichts als seine Ruh, sein Achtprozentiges, seine Weißwürscht will, glaubt’s und meint nur die Juden, nicht Niederlage, Wirtschaftsnot, Zwang der Verhältnisse verkümmerten ihm die Gemütlichkeit. Die bayerische Regierung veröffentlicht eine scharfe Verordnung gegen Schieber und Wucher. „Da schaut’s her“, sagt der Arbeiter hinter mir in der Elektrischen, „da gehen’s den Juden aber tüchtig zu Leib.“ Der Jude glaubt’s schließlich selbst. Etwas muß doch dran sein, denkt er verärgert, denn er will wie sein christlicher Mitbürger seine Ruhe und, wenn vielleicht kein Bier, so doch eine ungestörte Tasse Kaffee und einen von Beängstigungen freien Abendskat. Die Juden haben Schuld, daß alles so arg schlimm ist? Nun ja, es gibt jüdische Schieber und Wucherer. Vor allem unter den Ostjuden. . . . Schuld haben ja immer die anderen: in der Meinung einen sich Antisemiten — und jüdische Reichsangehörige. Es sind Viele, die so denken. Wenigere, die zugeben so zu denken. Das Judentum beugt sich vor dem Antisemitismus. Es wirft Würde und Selbstachtung in den Staub, ohne die Aussicht zu haben, sie je wieder aufheben zu können. — Es wäre noch eher verständlich, wenn unter den Schrecken seiner Geschichte das jüdische Volk geworden wäre, was man es beschuldigt zu sein: ein Feind des Menschengeschlechtes. Welchen Haß erzeugt der Friede von Versailles, die Schmach, die, meist geahndet und jüdischer Not nicht zu vergleichen, in der Pfalz, im Saargebiet an Deutschen geschieht! Hätten wir, zerstreut, waffenlos, rohen Schurken ausgeliefert, im Mittelalter die Brunnen vergiftet, wie man es uns vorwarf, es wäre nur ein Verzweiflungsakt eines zum äußersten getriebenen Volkes gewesen. — Wir aber hassen nicht. Wir vergiften keine Brunnen. Wir morden und schänden nicht. — Wir sind kaum zornig, kaum traurig. Wir verbergen unsere Wunden, damit sie nicht auffallen, wir verkriechen uns und suchen die gehetzten Zeugen äußerster Schande, die Ostjuden, recht bald los zu werden. Will ich Haß predigen wie der Psalmist gegen Babel? Es wäre verzeihlich. Aber wir sind, scheint’s, zu schwach, um zu hassen. So rufe ich zur Abwehr auf? Gewiß. Aber nicht zu der Abwehr in Zeitungen, vor Gericht, in Versammlungen. Zur Abwehr bei uns selbst, in der eignen Brust. Das sei Aufgabe von Zionisten und Nichtzionisten, dafür zu sorgen, daß wir im Sturm des Judenhasses nicht zerbrechen, wie jener Maximilian Spaeth zerbrach, der sich, man weiß es noch in München!, erschoß, weil ihn der Kreis der deutschen Freunde ausstieß! Daß unsere Kinder ungeschädigt den Schmähungen trotzen, stolz auf ihr Judentum. Daß in Blut und Schande immer mehr Juden das Jüdische als die leuchtende Sonne erkennen, um die sich ihr Leben dreht. Wie kann das geschehen? Es ist Aufgabe der Erziehung im Elternhaus und in den Jugendbünden. Die jüdische Familie hat in den letzten Jahren viel von ihrer Macht auf die jüngere Generation verloren, die „Kinder entfremdeten sich den Eltern“. Es war die notwendige Reaktion auf die Entjudung des Elternhauses. Ein erfreulicher Zustand ist das nicht. Die jüdische Familie, die den Kindern jüdischen Stolz, jüdisches Wissen, Liebe zu jüdischem Menschentum und ein Verbundensein und Verantwortungsgefühl für die jüdische Zukunft ins Leben mitgibt, die allem Schönen und menschlich Großem zugänglich, die Dinge unter jüdischem Aspekt betrachten lehrt, wird die Jugend wieder gewinnen. Sie wird eine stolze Jugend erziehen, die den Umgang mit Juden nicht als Folge gesellschaftlichen Ausschlusses, also als traurigen Zwang, sondern als Ergebnis freudiger Wahl hinnimmt. Sie wird an Stelle scheuer, gedrückter, mißmutiger und skeptischer Menschen eine offene, ihres