Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 42/43 (22.10.1920)
- Date
- 1920-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 42/45 22 Oktober 1920 7. Jahrgang Gerechtigkeit. Vor kurzem veröffentlichte die Münchener Post einen Auszug aus dem Wochenbericht des Polizeipräsidenten Pöhner. In diesem konstatiert der Hüter der öffentlichen Ordnung Münchens, daß in der betreffenden Woche von „bedeutenden Versammlungen“ die Versammlung der nationalsozialistischen Arbeiterpartei, in der Herr Ruetz sich erlaubt hatte über den Talmud zu sprechen, zu vermerken sei. Der hiesige Oberrabbiner sei anwesend gewesen, habe aber nicht zu Wort kommen können und den Saal verlassen müssen. Wir freuen uns, daß der Herr Polizeipräsident eine Versammlung, in der über den Talmud diskutiert wird, als bedeutsam bezeichnet, bedauern aber andererseits, daß sich Herr Pöhner keiner anderen Quellen für sein Talmudstudium bedient, als der des Vortrages des doch nicht ganz fachkundigen Herrn Ruetz. Leider ist uns nilcht ganz klar, ob Herr Pöhner sich über die parlamentarische Haltung der Nationalsozialisten gegen den „Oberrabbiner“ — gemeint ist Rabbiner Dr. Baerwald — gefreut hat oder ob er in seiner Eigenschaft als Polizeioberhaupt dieses nicht ganz ordnungsgemäße Gebahren verurteilt hat. Wir nehmen an, daß unsere zweite Annahme die richtige ist, denn er hat es ja verstanden, Herrn Professor Magnus Hirschfeld so gut vor dem Gesindel zu bewahren, daß der alte Gelehrte mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus transportiert werden mußte. Dieses bedauerliche Vorkommnis ist aber die Schuld von Prof. Hirschfeld selbst, der den Saal durch einen nicht ordnungsgemäßen Eingang verlassen hat, und man kann nicht verlangen, daß der Herr Polizeipräsident an nicht ordnungsgemäße Eingänge Schutzleute stellt. Wir wundern uns mit der Münchener Post über die Weitherzigkeit des Herrn Pöhner, daß er Herrn Prof. Hirschfeld kein Strafmandat wegen vorschriftswidrigen Verlassens eines Saales zugestellt hat. Im übrigen sind wir mit Herrn Pöhner einer Meinung, daß zwischen den Veranstaltern der Versammlung und dem rohen Gesindel, das Prof. Hirschfeld niederschlug, keinerlei Zusammenhang besteht. Die „M ünchener Neuesten Nachricht e n“ behaupteten neulich, daß es jetzt kein Gesindel mehr in München gäbe. Die M.N.N. müssen es ja wohl wissen, und so wird es wohl nicht an den hakenkreuztragenden Ordnungsbürgern liegen, wenn ein Vortrag des Herrn Professor Einstein, den er hier in München halten wollte, abgesagt werden mußte. Warum ist Prof. Einstein Jude? Das ist doch nicht die Schuld derjenigen braven Leute, die ihn sicher überfallen haben würden. So ist es auch ganz erklärlich, daß die M.N.N., die doch mit großer Gewissenhaftigkeit gegen jede verwerfliche Handlung oder Gesinnung protestiert sich nicht empört im Namen der Kultur und vor allem doch wohl der deutschen Kultur gegen die Zustände gewandt hat, die es berühmten und bedeutenden Gelehrten, sofern sie Juden sind, unmöglich machen, in München öffentlich zu lesen. Das entspricht auch im übrigen ganz der Haltung der M.N.N., die, seitdem sie ein wahrhaftes Demokratenblatt geworden sind, mit großer Ausführlichkeit über jede Versammlung des Ober-Hakenkreuzritters Hitt- 1 e r und seiner Genossen berichtet, und nie ein Wort des Protestes gegen die dort betriebene Pogromhetze hat. Es ist ja auch etwas anderes, ob man zu Gewalttätigkeiten auffordert als Kommunist oder als Antisemit. Diesen feinen Unterschied kann man nur begreifen, wenn man eine Demokratie vertritt, die auch den Gesinnungsgenossen des Herrn Stinnes sympathisch ist Es ist also in Bayern alles aufs Beste bestellt, doch darf man sich keineswegs einbilden, daß das kulturbringende Gewächs des Antisemitismus innerhalb des Deutschen Reiches nur noch in Bayern bis in die Reihen der „Demokratie“ hinein blühe. So entnehmen wir einen ganz ausgezeichneten Leitartikel der „Jüdischen Rundschau“ (Nr. 72 vom 15. X. 1920), daß die „Kölnische Zeitung“, das Blatt der Partei des Herrn Heinrich Rießer, Sohnes von Gabriel Rießer, wieder einmal eine lustige Ostjudenhetze entfaltet hat, indem es gegen die Tätigkeit der Jüdischen Arbeitsämter loszieht. Klar und folgerichtig entwickelt der Verfasser des Rundschauartikels, mit welcher Infamie der Antisemitismus jetzt arbeitet. Solange die Mehrzahl der ostjüdischen Einwanderer wirklich nur Händler und deren unerfreuliche Abwandlungen war, schrie man, die Juden verderben die reinen Sitten des deutschen Volkes. Jetzt aber ist ihnen das Mittel aus der Hand geschlagen, die jüdischen Einwanderer kommen als produktive Elemente, und da die Hetze sich jetzt gegen diese richte, offenbare es sich, aus welchen Quellen der Antisemitismus entsprungen sei, dem Kampf um den Futtertrog. Wir sind mit dem Verfasser einig in der Hoffnung, daß Deutschland nur ein Durchgangsland für die unglücklichen aus der Pogromhölle geflüchteten Brüder ist. Bei so unliebenswürdigen Wirten bleibt man ungern zu Gast. Nur wenn einem die bittere Lebensnot dazu zwingt. Das Elend im Osten ist in den letzten Monaten wieder auf einen für uns kaum vorstellbaren Höhepunkt gelangt. Es bleibt nur eine Rettung: Palästina. Unseren nichtjüdischen Mitbürgern aber möchten wir doch in all dem Taktgefühl, das für ein Zusammenleben unumgänglich notwendig ist, sagen, daß Deutschland nie gesunden wird, solange man nur die Fehler der anderen sieht und nicht die eigenem Wir verstehen sehr gut, daß das deutsche Volk in seiner Verzweiflung über sein trauriges Schicksal jetzt nicht die Kraft zu besonderer Gastfreundlichkeit und Ritterlichkeit gegenüber noch Unglücklicheren aufbringen kann. Wir können nicht verlangen, daß man uns liebt, aber eins können wir verlangen: Gerechtigkeit. Joseph Michael. Noch ein Münchner Dokument. „Beitrittserklärung: Unterzeichneter erklärt sich hierdurch mit dem Beitritt seines Sohnes (seiner Tochter) geb. am. in die Jugendwandergruppe des Deutsch-Jü-