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Das jüdische Echo · 1920-09-24 · 38/39 (24.9.1920) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
38/39 (24.9.1920)
Date
1920-09-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 38/39 24. September 1920 7. Jahrgang Das vergangene Jahr. Von Fritz Schiff. Das Jahr 5680 hat dem jüdischen Volk die Konferenz von San Remo und die Welthilfskonferenz gebracht. Über den Wert oder den Unwert der Ergebnisse von San Remo wird noch diskutiert. Die Bedeutung der Welthilfskonferenz, die in fast völliger politischer Stille getagt hat, steht fest. Sie verhält sich zu San Remo etwa so, wie die „Internationale der Gewerkschaften“ zu den lärmenden politischen Internationalen. Wie die Gewerkschaftsinternationale arbeitete die Welthilfskonferenz in der geistigen Sphäre, nach der die politischen Organisationen meist vergebens streben. Was Theoretisieren, was Resolutionen niemals erreichen konnte, wurde hier zur Wirklichkeit: die gegenseitige Hilfe, das Zusammenwachsen zu einer Gemeinschaft, die Verwirklichung der nationalen Idee. Wird doch heute selbst in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ auf Grund der Erfahrungen von Karlsbad ein jüdischer Weltkongreß gefordert. Die „International e“ der Gewerkschaften und nicht die der politischen Parteien ist es auch gewesen, die begonnen hat, die Ideen des Völkerbundes in die Tat umzusetzen, indem sie eine internationale Aktion gegen die weißen Mörderbanden der Horty und Friedrich durchführte, die sich die Vernichtung aller ungarischen Juden gelobt hatten. Das ist das andere Ereignis des Jahres 5680: die antisemitischen Exzesse. Sie sind der schattentreue Begleiter des jüdischen Volkes durch seine Geschichte, und wir wissen sehr wohl, daß es noch lange so sein wird. Die Hauptzentren des Antisemitismus befanden sich in diesem Jahre in B u d a p e st und nach wie vor in Warschau. Wenn die Öffentlichkeit in diesem Jahre nicht so viel von diesen Scheußlichkeiten erfahren hat, so lag das nicht daran, daß sie abgenommen haben, sondern daran, daß im Gegenetil ihre Anzahl und die Systematik, mit der sie betrieben wurden, so gewachsen ist, daß es nicht mehr möglich war, alle einzelnen Fälle zur Kenntnis zu bringen. In Mitteleuropa ist das stärkste antisemitische Zentrum heute Bayern, wohin sich die gesamten Überreste der mitteleuropäischen Reaktion geflüchtet haben und als geeignetstes Kampfmittel natürlich den Antisemitismus benutzen. Daß es hier, wie im übrigen Deutschland trotz der militaristisch-schwerindustriellen Hetze noch nicht zu einem Pogrom gekommen ist, ist wohl weniger dem Bürgertum als der verständigen und energischen Haltung der Arbeiterschaft zu verdanken. Allen denen, die nicht von der positiven Idee des Zionismus erfüllt sind, müßte die antisemitische Bewegung, die doch nichts weiter als eine pervertierte nationale ist, beweisen, daß eine reinliche nationale Scheidung notwendig ist. Der einzige Staat, in dem man diese Notwendigkeit bis jetzt begriffen hat, ist die Tschecho-Slovakei, die das jüdische Schulwesen staatlich anerkannt hat, ein Ziel, das auch bei uns in Deutschland mit noch größerem Nachdruck erstrebt werden sollte. Die Frage der Ausgestaltung des Lebens der Juden in der Galuth ist in der zionistischen Bewegung im Augenblick hinter dem Palästina- Problem zurückgetreten. Mit vollem Recht. Denn Palästina ist und bleibt die einzige und wirkliche Lösung für die materielle und moralische Not, die im letzten Jahre unter den Massen des Ostens zu einer ungeheuerlichen Größe angewachsen ist. Gewisse äußere Bedingungen für eine Einwanderung nach Palästina sind jetzt gegeben, und diese müssen nach Kräften ausgenutzt werden. Die englische Militärverwaltung ist der Zivilverwaltung mit Sir Herbert Samuel als Oberkommissar gewichen. Diejenigen, die nicht ohne Schuld der zionistischen Organisation meinten, nun könne die Einwanderung ohne weiteres in großem Stile beginnen, müssen noch ein wenig Geduld haben. Bei der Jahreskonferenz in London hat sich herausgestellt, daß die Vorbereitungen nicht ganz so waren, wie sie sich die Massen des jüdischen Volkes gedacht haben. Teilnehmer der Jahreskonferenz berichten, daß Professor Weizmann alles getan habe, was in seinen Kräften stand, daß es uns aber zwar nicht an ausgezeichneten Theoretikern, wohl aber an Praktikern mangle. Hier werden wir viel von den amerikanischen Zionisten, die für Konzentrierung der gesamten zionistischen Arbeit auf die Praxis der Palästina- Kolonisation eintreten, lernen können. Noch ist in Palästina selbst alles erst im Stadium des Beginnens und die hingehendsten Kräfte unserer Paiästinapioniere werden sich umsonst verbrauchen, wenn nicht das gesamte jüdische Volk mit materieller Hilfe, mit Geld, und noch einmal Geld sie unterstützt. Die Stellung der Juden zu den Arabern, wohl das wichtigste politische Problem in Palästina, ist auch noch ungeklärt. Es gehört in jenen großen Komplex der asiatischen und sozialen Fragen hinein, deren Verknüpfung in den nächsten Jahrzehnten die gesamte Menschheit wohl noch recht heftig in Atem halten wird. Vorläufig herrscht in Erez Israel, wie wir aus Briefen und Berichten entnehmen können, ein kleinbürgerlicher, nicht immer von unangenehmem nationalistischen Beigeschmack freier Geist. Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir Palästina niemals mit den Mitteln und Werkzeugen einer morschen und verfaulenden Welt aufbauen können. Wir müssen uns bewußt sein, daß wir keinen Stein auf den anderen bekommen werden, wenn wir nicht im Geiste jenes Sozialismus bauen, der den gesamten Materialismus des 19. Jahrhunderts, offenbare er sich nun in Kapitalismus oder Sozialdemokratie, überwunden hat. So und nur so wird sich d'as jüdische Volk die Heimat schaffen können, die es braucht, um leben zu können.

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