Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 36/37 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- Seite 376 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102977-9141230--03663-9076488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
376 Das Jüdische Echo Nr. 36/37 Station mitten in der Wüste. Es ist die erste Station unseres Landes. Mitten in der Nacht schleppen wir unser Gepäck in die Halle. Da durchrieselt es uns freudig. Wir sehen dort die ersten hebräischen Buchstaben — die offiziellen Verlautbarungen der Bahnverwaltung wie aller Behörden sind englisch, arabisch, hebräisch. In Rechoboth-Ludd müssen wir umsteigen. Irgendein Bocher mit lockigem Haar, den wir um Auskunft baten, hat sich uns angeschlossen. Wir sind selbstverständlich voll Interesse den ersten Palästinensern gegenüber und fragen ihn aus. Er ist im Lande geboren. „Aber sind nicht Geschäfte hier für mich, ich gehe ins Ausland. Ha, Deuschland, Poi'len. dort sind Geschäfte für mich.“ Wir sind ein bißchen enttäuscht und fragen: „Womit handeln Sie denn?“ „Ich bin Sänger, Opernsänger.“ Na, denke ich, dann nur ins Ausland. Solche Ware können wir ja exportieren. Dann fahren wir an den Kolonien vorbei. Es ist etwas ganz Wunderbares, was hier entstanden ist, etwas ganz Großartiges und der Traum von der Verwirklichung bekommt Gestalt. Die Orangengärten sind so üppig, die Häuser mit den roten Dächern freundlich und als wir an einem Schomer zu Pferde vorbeifahren, da rufen wir ihm ein freudiges herzliches Schalom zu und er winkt und grüßt zurück. Wir kommen in Jerusalem an. Es ist Freitag abend und die jüdischen Kutscher sind nicht vor der Bahn. Wir suchen uns zwei Wagen aus und wollen unserer Wohnung zufahren. Ja, aber das geht nicht so einfach, wie man es sich vorstellt. Wir haben schon unser ganzes Gepäck aufgeladen, nachdem wir uns mit Mühe und Not verständigt haben, da werfen uns unsere semitischen Brüder alles Gepäck auf den Boden und verlangen mehr. Nachdem ein Polizist gerufen wurde, haben sie sich erst einverstanden erklärt und nun geht es in wilder Fahrt unserer neuen Wohnstätte zu. Der erste Morgen, den wir in Jerusalem verleben. Die Sonne lacht immer gleich und bis zum märchenhaft schönen, farbenprächtigen Sonnenuntergang ist der Himmel gleich blau, wie ein seidenes, schillerndes Zelt. Jerusalem! Nicht umsonst haben wir Jerusalem als Königin preisen gehört. Jerusalem! Du wunderbares Jerusalem! Du märchenhafte, Du sonnige, Du farbenreiche, Du heilige Stadt, Jerusalem. Du einzige Stadt, die Du doch keine Stadt bist. Man kann denen, die Dich nicht kennen, kaum etwas von Dir erzählen, man kann ihnen nicht schreiben, wie rein und klar die Luft hier ist und man kann ihnen nicht jenes Gefühl klarmachen, jenes hohe, dauernde, tiefe Gefühl der reinen Freude, das Du hervorzurufen vermagst. * Ein Freund führte uns in die Küche der „Achduth haawodah“. Es ist dies eine, erst seit nicht langer Zeit hier bestehende Arbeiterküche, die von hiergebliebenen Soldaten der jüdischen Legion errichtet wurde. Es waren zumeist Amerikaner, die hier ihr organisatorisches Talent verwerteten. Das Zimmer, in dem wir essen, ist hell und groß, einfach, aber freundlich. Drei Bilder hängen an den Wänden. Eines von Herzl, eines Karl Marx und das dritte von Jabotinsky. Kommt man hinein, so fühlt man sich plötzlich mitten in das Tatenleben versetzt, man sieht hier direkt einen neuen Geist, denn die zumeist jungen Leute, die um den Tisch sitzen, das sind unsere Poalim, es sind unsere Arbeiter, denen ein neues Feuer aus den Augen strahlt. Es sind große, kräftige junge Juden, zumeist gewesene russische Studenten, und man empfindet es direkt, daß ein Geist alle erfüllt, daß sie für etwas leben, daß sie für eine Sache leben, deretwillen wir ja herkamen. Wenn wir kommen, so pflegen wir immer noch wie Träumende dazusitzen, vor denen etwas geschieht, wovon man irgendwann, irgendwo, immer nur beim grünen Tisch gesprochen hat. Hier ist es nun zur Wirklichkeit geworden und sonderbarerweise — man spricht nicht viel dabei. Wie man es empfindet und wie es einem schmeckt, wenn man von einem Menschen mit leuchtenden Augen das bekommt, kann man sich nicht vorstellen, denn wir von Europa kennen etwas ähnliches nicht, Wie gesagt: Wir sitzen jeden Tag von Neuem wie Träumende vor einer Sache, die wirklich ist. Humoristische Ecke Berel und Schmerei. Berel: „Sag mal Schmerei, warum geben die Christen ihren Kindern jetzt so vielfach biblische Vornamen?“ T?airlhallmaier München Thßatinevttr.tö.!j&vzeüanj!3.