Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 26_ 25. Juni 1920 7. Jahrgang DRÄHT-BERICHTE Berlin, 23. Juni. Gemeindewahl. Von insgesamt abgegebenen 14 442 gültigen Stimmen erhielt die Liste der vereinigten Liberalen und Konservativen 8662, die nationale „Jüdische Volkspartei“ 4521, die nationale Poale Zion 940, die „Unparteiischen“ 269, die Orthodoxen 50. Die nationalen Parteien haben also weit mehr als die Hälfte der Stimmen erhalten, die die vereinigten Reformer und Konservativen gewinnen konnten. Es ist dies nach der Sachlage ein außerordentlich erfreulicher Erfolg, der zeigt, daß der national-jüdische Gedanke in der größten und maßgebenden Gemeinde Deutschlands stark Boden gefaßt hat und daß es mit der Vorherrschaft der Assimilation in Deutschland vorbei ist. In der künftigen Repräsentantenversammlung der Gemeinde werden von 12 Sitzen die Angehörigen der Volkspartei 4 innehaben, und von 7 Stellvertreterposten 3. Wir werden in unserer nächsten Nummer dieses. Wahlergebnis seiner Bedeutung entsprechend ausführlich würdigen. Berlin, 23. Juni. 16. Zionistischer Delegiertentag. Am Sonntag, den 20. Juni abends erfolgte die Eröffnung des Delegiertentages im überfüllten Blüthnersaale in Berlin. Es waren über 250 Delegierte aus allen Teilen des Reiches erschienen. Der Vorsitzende d. Z.V.f.D., R.-A. Dr. Alfred Klee eröffnete die Tagung mit einer bedeutsamen Ansprache, in der er besonders darauf hinwies, daß die Mitarbeit Aller am Aufbau Palästinas nötig sei. daß man aber nicht gewillt sei, den Begriff der ..nationalen“ Heimstätte verwischen zu lassen. Nach ihm begrüßte im Namen des E.A.C. Prof. Warburg den Delegiertentag unter Hinweis auf eine Reihe praktischer Aufgaben, die ihm vorliegen. Nach Verlesung einer Reihe von Begrüßungstelegrammen und Zuschriften zionistischer Verbände der verschiedensten Länder wurde das Referat von Dr. Soskin über den Aufbau Palästinas verlesen. Wir werden in unserer nächsten Nummer auf die bedeutsame Tagung ausführlich zurückkommen. München — Budapest Zwischen diesen beiden Städten scheint eine starke geistige Verbindung zu bestehen. Als die Räterepublik in Ungarn schon ihrem Zusammenbruch nahe war, hatte sie doch Kraft genug, den Rätegedanken in München so zu propagieren, daß wir hier eine Räterepublik erleben mußten. Und in dem Augenblick, in dem der weiße Terror in Budapest dem Zusammenbrechen nahe ist, schickt man sich in München an. seine Methoden immer stärker anzuwenden. Die Methoden der Polizeidirektion München bei Ausübung der Fremdenpolizei finden ihre Vorbilder durchaus in den Horthy-Methoden und es scheint, daß man alle Anstrengungen machen will, sich um den Rest aller Sympathien in der Welt zu bringen, deren Wert offenbar völlig verkannt wird. Daß sich die Tendenz, die die Ostjuden zu spüren bekommen, in Wirklichkeit gegen alle Juden in gleicher Weise richtet, begreifen nun allgemach auch die meisten deutschen Juden. Hoffentlich bewirken diese Polizei-Methoden, daiß die uns — leider — immer fälschlich nachgesagte jüdische Solidarität auch einmal Wirklichkeit wird. — Wir entnehmen der „Münchner Post“: Amtliche Judenmißhandlung. Sehr geehrte Redaktion! Da der Landtag nicht versammelt ist, wende ich mich auf diesem Wege an den Teil der Öffentlichkeit, der noch genügend Empfinden dafür besitzt, daß der Inhalt deutscher und bayerischer Kultur nicht in der Mißhandlung wehrloser jüdischer Ausländer durch die Organe des Münchener Polizeipräsidenten bestehen kann. Ich wende mich an den Teil der Öffentlichkeit, der sich in der Zeit einer von der Staatsregierung geduldeten antisemitischen Gossenpolitik noch so viel Verstand bewahrt hat. um zu wissen, daß eine solche Politik wahrscheinlich sehr bald! vor der diplomatischen Intervention der Heimatstaaten mißhandelter Juden am Ende ihres Lateins angelangt sein wird. Heute vormittag mußte sich ein ehemaliger Österreicher, heute Pole (Jude), zu einer ärztlichen Untersuchung im Polizeigebäude einfinden. Dortselbst erfuhr er von Anzeigen der derzeitigen bayerischen Nebenregierung, dem Schutz- und Trutzbunde, gegen ihn. Der Vorgeladene, ein kranker Mensch, geriet hierüber in berechtigte Erregung und fing zu weinen und schreien an. Daraufhin setzte in den Amtsräumen der Polizeidirektion der bayerischen Hauptstadt eine Mißhandlung eines wehrlosen Juden durch eine Mehrzahl tapferer Staatsorgane ein. die in Knebeln des Mundes. Schlagen mit Fäusten. Treten mit Füßen. Schleifen in eine Arrestzelle mittels Zange. Beschimpfungen wie „Sauiud“. „Den Sauiud erschlagt man am besten“. „So gehörts den Juden“ bestand. Am Nachmittag wurde der Ausländer dann mit den Worten „Raus mit dem Juden“ entlassen. So bayerische Amtsorgane! Ich habe den Mann soeben in meiner Anwaltskanzlei vor mir gesehen. Er wies zahlreiche Spuren viehischer Mißhandlung auf. Der Herr Staatsminister des Innern war. wie ich) telefonisch feststellte, verreist. Ich hätte ihm persönlich sonst dieses Produkt neuerer Staatskunst vorgeführt. An die Vernunft und Einsicht des von den Liberalen gehaltenen derzeitigen Polizeipräsidenten zu appellieren, ist angesichts seiner Maximen sinnlos. Um dem zu erwartenden amtlichen Verschönerungs- und Ableugnungsversuch. den das Äußere des mißhandelten Juden schon Lügen straft, von vornherein jede Bedeutung zu nehmen, lasse ich folgenden ärztlichen Bericht sprechen: Ärztliches Zeugnis. Habe heute abends 7 Uhr den Herrn Leib Tider, 44 Jahre, aus Bochnia, Ga'lizien, in meiner Wohnung untersucht. Er gibt an, heute vormittag zwischen 10 und