Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 19 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Das Jüdische Echo 215 Studien zu der Überzeugung, daß der Bolschewismus als eine Art religiöser Bewegung, als ein neuer Chiliasmus zu werten sei. Nachdem er im ersten Teil die Systeme des modernen Kommunismus darstellt, schildert er im zweiten die praktischen Wirkungen desselben, insbesondere in Rußland und die enttäuschten Hoffnungen der russischen Marxisten, welche Schritt für Schritt von dem Ideale zurückweichen und so viele Konzessionen vor der Wirklichkeit machen, daß von der bolschewistischen Idee kaum mehr als die Phrasen übrig bleiben. Gerlich geht aber noch weiter und stellt im dritten Teil seiner Schrift die deutschen Grundlagen des philosophischen Chiliasmus dar. Aus Lessing, Kant, Fichte und Hegel zeigt er die Grundgedanken auf, um dann über Weitling zu Marx und Engels überzugehen. Er weist hier nach, wie die kommunistischen Grundgedanken durchaus nichts Fremdes, dem Deutschtum Aufgepfropftes sind, wie sie sich vielmehr logisch in der deutschen Geistesgeschichte entwickelt haben, auch hier von religiösen Stimmungen ausgehend, und wie demnach auch die ganze Lehre des Kommunismus etwas Grunddeutsches sei. All das überrascht umso mehr, als hier viele Dinge in Parallele gestellt werden, deren geistige Zusammengehörigkeit bisher nicht aufgezeigt war. Von dieser Erkenntnis aus gewinnt man ganz andere Gesichtspunkte für die Beurteilung des Bolschewismus und so wird Gerlich, indem er das Wesen des Bolschewismus erforscht, zu dessen wirksamstem Vorkämpfer. Es zeigt sich aber auch weiter aus diesen rein wissenschaftlichen Forschungen, daß die Verquickung von Bolschewismus und Judentum geradezu absurd ist. In knapper Form geht Gerlich auf diese Frage besonders ein und äußert seine Überzeugung dahin, daß in der kommunistischen Bewegung in Deutschland gerade deshalb Juden zu Führertum gelangten, weil die Juden seit je sich in ihrer Geistesrichtung an die stärksten geistigen Tendenzen des Volkes angelehnt hätten, zu dem sie gehörten und weil gerade der Kommunismus solch eine besonders starke urdeutsche Bewegung sei, die als solche naturnotwendig auch Juden in ihren Bahn ziehen müsse. Ohne uns mit dieser Meinung eingehender auseinander zu setzen, möchten wir betonen, daß in der Flut von Schmutz und Lüge, die uns heute umbrandet, die Art, wie Gerlich dies Problem behandelt und zu lösen sucht, wie eine Erfrischung wirkt. Er hält sich vor allem von jeder ungerechten Verallgemeinerung frei. Man hat das Gefühl: Endlich ein Mann, dem es ehrlich um die Sache zu tun ist, der wacker und aufrecht seine Meinung vertritt und sich dadurch allein schon selbst all dem Unflat aussetzt, unter dem das öffentliche Leben heute so schwer leidet. aha. Feuilleton Von einem Schwimmer, einem Dachdecker und einem porzellanenen Mädel Drei traurige Geschichten. Aus den Allegorien von J. L. P e r e z. Unseren hausbackenen Zeitungsschreibern, das heißt allen, die zu viel reden und zu wenig hören, muß ich drei traurige Geschichten erzählen: Von einem merkwürdigen Schwimmer auf unserem Teiche daheim, von einem Spängler, besser gesagt einem Dachdecker, der niemals sein Auge vom Dache lassen wollte und von einem Stückchen Porzellan, das man aus einem hohen Fenster warf. Zunächst war der Schwimmer ein außergewöhnlicher Schwimmer. Eine Freude ist es zu schauen, wie er seine Hände auf dem Wasserspiegel bewegt. manchmal nur die Finger der Hände, wenn er z. B. auf dem Rücken schwimmt, manchmal nur mit den Zehen der Füße. Manche politische Menschen schaukeln sie geheimnisvoll in den Stiefeln, aber dieser da bewegte sie frank und frei auf dem Teich daheim, der still und bescheiden unterhalb der Gemeindestube mit dem Bade, der Synagoge und dem Lehrhause sich hinzieht, immer weiter und weiter, bis alles wie schwarze, zitternde Pünktchen aussieht. Aber nicht um die Pünktchen dreht es sich, es handelt sich um den Schwimmer, den großen außergewöhnlichen Schwimmer, über dem Spiegel des heimischen Teiches, unter dem Spiegel des hohen Himmels! Ein fettes Menschlein war er. Und bekanntlich ist Fett leichter als Wasser; deswegen schwimmen auch Fette so leicht obenauf, und wenn er gar volle Lungen mit Luft zu nehmen pflegte, konnte er still ausgestreckt auf dem Spiegel des Teiches liegen; er rührte sich sogar dann mit den Zehen nicht. So still, so friedlich und ruhig, daß man von weitem dachte: ein Toter wiegt sich still auf dem Wasser .ein Ertrunkener schwimmt zum Ufer. erst in der Nähe sah man, daß er lebt und offene Augen hat; offene, blaue, wenn a*uch nicht tiefe Augen, die aufwärts blicken, gerade in den Himmel hinein,.... aber nicht nur auf dem Rücken schwimmt er! Berühmt ist auch sein „weitausholendes Schwimmen“: eine Hand nach der anderen, ohne Geräusche ohne einen Spritzer, kaum, kaum, daß er die Oberfläche des Wassers streichelt! Oder patsch, patsch, geschwind, eilig! Nur so pflegt er es zu machen, wenn er weit wegschwimmt, weit weg von der Gemeindestu.be, dem Bade, der Synagoge und dem Lehrhaus, wohin er auch schließlich auf „weitausholende Art“ zurückkommt. um seine Kleider zusamme.nzusuchen und in die Gemeinde zurückzukehren.... Mit einem Wort, schön schwimmt er immer; einmal weit aber keinmal tief! Unterzutanchen, oder wie man cs nennt, unter Wasser zu schwimmen, das liegt nicht in seiner Natur! Es ist, als ob er über dem Teiche hingleitet.... obenauf, obenauf. Was sieb unten tut. wie es sich unten lebt zwischen Sand und Schlamm und ohne hellen Strahl. — das beschäftigt ihn nicht einmal.... unten ist es nicht schön, aber vielleicht — zu tief. Während er aber immer oben her umschwamm, gab es unten keine Ruhe! Weiß Gott, wann einmal auf den Sand ein Samen fiel... Ein lebendiger Samen, aus dem eine Wasserpflanze hervorbrach .... keine Zitrone, keine Pomeranze, kein Esrog — die müssen in fetter Erde stecken und sich in der Luft baden —, sondern eine bettelarme, armselige Wasserpflanze, die an dem grünen, zitternden Wasserschein genug hat und in der nassen Finsternis von Stunde zu Stunde wächst. Wachsend breitet sie sich aus. verwickelt sich und zittert bei jeder Bewegung des stillen Wassers; doch arbeitet sie sich langsam herauf, eine gemeine, aber fruchtbare Wasserpflanze .... in die Länge und in die Breite wächst sie.Davon wußte aber der außergewöhnliche Schwimmer nichts. Woher auch? Er pflegte nicht unterzutauchen, sich tiefer hinabzulassen. So wuchs denn und vergrößerte sich die Wasserpflanze ohne sein Wissen. Und - als sie der außergewöhnliche