Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 16 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 16 16. Hpril 1920 7. Jahrgang Deutsche u. amerikanische Juden Angesichts des Verhaltens, das die deutsche Judenheit gegenüber der Einwanderung aus dem Osten an den Tag legt, ist es nicht unnütz, sich klarzumachen, wie die Judenschaft eines andren Landes, das sich vor dem gleichen Problem, nämlich der Absorption einer Schiar von Einwanderern befindet, sich zu ihm gestellt hat. Wa*s heute in Deutschland im Kleinen vor sich geht, hat sich jahrzehntelang in A m e r i k a im Großen abgespielt. Auch dort gab es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine an das Land und seine Eigenart angepaßte Schicht von Juden (übrigens zum größten Teil aus Deutschland stammend), welche sich nachi Kräften dem Lande a*nzupassen strebte und vielleicht ziemlich unbemerkt in der Gesamtbevölkerung verschwunden wäre, hätte nicht nach den Jahren der russischen Pogrome plötzlich ein gewaltiger Zustrom von ostjüdischen Einwanderern eingesetzt, die von der amerikanischen Bevölkerung sofort als zusammengehörig mit jenen früher gekommenen deutschen, nun bereits amerikanisierten Juden betrachtet wurden. Nur eine sehr kleine Weile lang blieben die Neuankömmlinge eine Anzahl von zusammenhanglosen Einzelexistenzen. Bald machten sich in ihren eigenen Reihen Organisationsbestrebungen geltend: aus den kleinen Synagogengemeinden, zu denen sie sich Zusammenschlüssen, erwuchsen die Anfänge jüdischer Jugenderziehung und einer Art von Gemeindehälfe. Die Bestrebungen der meistens unbemittelten und an Organisation nicht gewöhnten Einwanderer wären aber ganz unwirksam geblieben, wenn nicht von Anfang an bei den ansässigen Westjuden ein starkes Gefühl der Solidarität und Verantwortlichkeit für ihre östlichen Stammesgenossen geherrscht hätte. Der amerikanisierte Jude sah durch die Einwandererwelle seine gesellschaftliche Stellung genau so sehr berührt, wie etwa heute der deutsche Jude. Nichtsdestoweniger veranlasste ihn ein tiefes jüdisches Gefühl, besonders für die Pogromflüchtlinge eine ganze Reihe von Fürsorgemaßnahmen im voraus zu treffen. Als die Einwandererwelle immer mehr anschwoll, wuchs in den amerikanischen Juden zwar eine gewisse Mißstimmung über ihre gefährdete soziale Position. Trotzdem nahmen alle großen jüdischen Gesellschaften augenblicklich eine erhebliche Wohlfahrtsarbeit in die Tand. Sowohl die BneBrith- Logen wie das American Jewish Committee begannen mit sozialer Arbeit. Daneben bildeten sich, großenteils durch die Initiative derselben Persönlichkeiten, die in jenen Verbänden führend waren, neue Gesellschaften mit dem ausgesprochenen Zweck der Fürsorge für die hilfs- und erziehungsbedürftigen — fast durchweg östlichen — Juden, so Immigration and Distribution League, Jewish Ladies Aid Society. Young Men’s Hebrew Association, Young Women’s Hebrew Association, Educational League usw. In enger Zusammenarbeit von West- und Ostjuden entstanden in den jüdischen Einwanderervierteln eine ganze Reihe von Instituten, deren Aufgabe darin bestand, einerseits die Eingewanderten an Sprache, Sitten und Bedingungen des Landes zu gewöhnen und ihnen solide Berufe zu erschließen, andrerseits ihren allgemein-menschlichen Wert durch Vertiefung ihrer jüdischen Bikdüng zu erhöhen. Dem erstgenannten Zweck zuliebe wurden gegründet: Abendkurse, Handwerksschiulen, Lehrfarmen, Stellenvermittlungen. Rechtsvertretungsstellen, Volksbanken, Hospitäler, Altersheime und ähnliche Institute. Dem zweiten Zweck diente die Einrichtung von Kindergärten, Religionsschulen. Ferienheimen, Settlements, würdigen Unterhaltungsstätten. Bibliotheken, jüdischen Volksbildungskursen. Manche dieser Institute wurden geradezu in Konkurrenz mit staatlichen und privaten nichtjüdischen Einrichtungen zum Besten der jüdischen Einwanderer gegründet. Für diese Aufgaben wurden Hunderttausende von Dollars flüssig gemacht und das ganze Fürsorgewerk immer systematischer gestaltet. Als Beispiel für diese Systematik sei erwähnt, daß besonders im letzten Jahrzehnt die Organisationen sich bemühten, schon vor dem Eintreffen von Einwandererströmen Vorbereitungen für die Stillung ihrer materiellen und geistigen Bedürfnisse zu treffen: so wurden z. B. schon vor der Eröffnung des Panamakanals längs der Küste Einrichtungen zum Wohle der jüdischen Einwanderer getroffen. Ein weiteres Beispiel ist die New Yorker Kehillah, die sich in von Jahr zu Jahr steigendem Maße bestrebt, auf alle Zweige sozialer Fürsorge ihr Wirken zu erstrecken. Diese jüdisch-amerikanische Volksfürsorge soll nun keineswegs als ein vollendetes Idea'l hingestellt werden, zwei Übel machen sich in ihrer Auswirkung geltend: Das erste ist eine häufig in die Erscheinung tretende Tendenz der Assimilation auf Kosten der Jüdischkeit. Häufig war die Triebfeder für die Gründung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen nicht der ungetrübte Wille zur Hilfe an jüdischen Stammesgenossen und zur Erhaltung jüdischen Geistes, sondern vielmehr der Wunsch, die Eingewanderten möglichst schnell und gründlich zu amerikanisieren — selbst wenn dies zum Schaden der Jüdischkeit geschehen mußte. Zum andern hat diese Fürorge ällzusehr den Charakter der Wohltätigkeit von der Höhe einer Weltanschauung herab, die ein für allemal die Menschheit in Besitzende und Besitzlose einteilt, dem Besitzlosen keinerlei Mitbestimmung über die für ihn geschaffenen Einrichtungen gewährt und damit wahrer Demokratie feindlich im Wege steht. Ungeachtet dieser Mängel ist die amerikanischjüdische Einwanderer-Fürsorge in vieler Beziehung vorbildlich. Sie ist zu einer Aufgabe des öffentlichen Lebens geworden, der fast kein Jude in gehobener soz. Stellung sich entzieht. Mag die Art, in der die Schiff u. Krauß mWarburg und wie sie alle heißen, wirkten, auch durchaus nicht immer mustergültig sein — immerhin dient ihre intensive mitunter Tag und Nacht ausfüllende