Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 12/13 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 12/13 26. März 1920 7. Jahrgang An unsere Leser! Die neuerdings gesteigerten Herstellungskosten zwingen uns, gleicht allen anderen Zeitungen und Zeitschriften, ab 1. April d. J. den Abonnementpreis für unser Blatt zui erhöhen. Er wird nunmehr Mk. 3.— im Quartal betragen exklusive Bestellgeld. Wer noch nicht abonniert oder sein Post- Abonnement noch nicht erneuert hat, hole dies sofort nach. Verlag u. Redaktion d. „Jiid. Echo“ München, Herzog Maxstraße 4 Pogrom Von Jakob Koppel. Dieses Wort aus dem russischen Sprachschatz und dem russischen Leben hat für die Juden in Deutschland eine Realität erhalten, die nie für denkbar gehalten wurde. Seit der November-Revolution hetzen die Reaktionäre aller Art zu sehr durchsichtigen politischen Zwecken so skrupellos und so erfolgreich gegen die Juden, daß seitdem immer wieder in erregten Zeiten, an denen es uns wahrhaft nicht fehlt, die Möglichkeit von Pogromen besteht. In diesen Tagen aber steht die Katastrophe so drohend vor uns wie noch nie. Immer mehr zeigen sich Sturmzeichen und entwickeln sich Zustände,, die vordem nur im dunkelsten Halbasien denkbar schienen. Große Teile der Reichswehr bilden sich zur Pogrom-Garde aus und sind im Zeichen des Hakenkreuzes eine furchtbare Bedrohung der jüdischen Bevölkerung. Daß sich diese Hüter der Ordnung Mißhandlungen an Juden erlauben, ist schon jetzt nichts besonderes mehr. An die skandalösen Zustände an den Hochschulen, wo eine Hetze ohne gleichen betrieben wird, hat man sich schon fast gewöhnt und sich sozusagen damit abgefunden, daß Studenten, die „geistigen Führer des Volkes“, die Kerntruppen dter Pogromgarden innerhalb und außerhalb der Reichswehr bilden. Die verbrecherischen Hetzer sind ihrer Sache so sicher, da'ß sie mit immer größerer Frechheit Vorgehen und neuerdings kann der „Völkische Beobachter“, dieser Hort der Lüge und des Volksbetrugs, ungestört zum Mord auf fordern. Alle einzelnen Übergriffe und ungesetzlichen Vorfälle aufzuführen ist nicht möglich. Schon vor dem Berliner (und Münchener) Putsch kam es so weit daß ein — sozialistischer — Minister vor der Drohung antisemitischen Pöbels Zusagen mußte, dessen Forderungen im Ministerrate zu vertreten. Seit der neue Ministerpräsident sich in seiner allerersten Rede — es gab in jenem kritischen Augenblick offenbar nichts wichtigeres — auf den Boden antisemitischer Forderungen stellte, seit die Polizeiminister „versehentlich“ die skandalösesten Hetz-Flugblätter abgestempelt und so die Agitation der Gewalt sanktioniert muß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen. Wir Juden müssen damit rechnen, daß ein wirksamer, energischer Schutz der OrdUung und des Gesetzes keineswegs mit Sicherheit zu erwarten ist; sobald es dem Pöbel aller Art einfallen sollte, die Drohungen zu verwirklichen, welche die Stadt durchschwirren. Aber trotz all dieser unleugbaren Tatsachen, trotzdem selbst an den zuständigen behördlichen Stellen von der Möglichkeit gesprochen wird, daß „Ereignisse eintreten könnten, denen gegenüber unsere Macht nicht ausreicht“, trotz alledem vermögen wir nicht daran zu glauben, daß das Fürchterlichste Ereignis werden könnte, daß die von den antisemitischen Verbrechern erzeugte Massenpsychose wirklich in Mord und Raub ausarten könnte, womit der deutsche Na'me mit unauslöschlicher Schande in aller Welt bedeckt wäre. W ir können es nicht für möglich halten, daß die Kreise, die schon bisher so viel Unglück über Deutschland brachten, wirklich noch immer so viel Macht haben, Missetaten zu begehen, die das deutsche Volk aus der Reihe der Kulturnationen ausscheiden und die dem Vorwurf der Barbarei — von den Feinden in der Kriegspropaganda mißbräuchlich erhoben — Berechtigung verleihen würden. Ob wohl die Behörden und die verantwortlichen Politiker sich der Verantwortung bewußt sind, die sie durch Duldung der Volksverhetzung durch die Antisemiten auf sich laden? Gleichviel! ob sich die Hetze — unter dem gleichen Aufwand von Lügen — gegen die Juden überhaupt oder gegen die Ostjuden als die schwächsten und widerstandslosesten wendet. Es wäre noch viel Notwendiges über die Haltung der Behörden, der verantwortlichen Politiker und der Zeitungen, nicht zuletzt über die Demagogie selbst großer Blätter, zu sagen, doch erscheint es uns wichtiger, uns an dieser Stelle mit der Haltung der Juden in der gegenwärtigen Situation zu befassen, denn wichtiger als alles andere erscheinen uns die seelischen Wirkungen der Hetze a'uf die Juden. Es muß gesagt werden, daß allzu viele nicht die innere Würde aufbringen, die gerade den erbitterten Feinden gegenüber notwendig wäre. Vor allem fehlt es an der so dringend nötigen Selbstbesinnung und1 dem erforderlichen festen inneren Zusammenhalt. Ein großer Teil der Juden ist weiter lau1 und indolent, ohne Interesse für die gefährdete jüdische Gemeinschaft, meist nur besorgt, eine eventuelle Gefahr von sich selbst abzulenken. Aus solchen Gründen erfolgt auch — bewußt oder unbewußt —. das Abrücken von den besonders heftig angegriffenen Ostjuden, wird der berühmte dicke „Strich“ zwischen diesen und den einheimischen Juden gezogen. Man hört in allen jüdischen Kreisen von der antisemitischen Hetze, aber ganz wenige sehen sich veranaßt, angesichts der in ganz Deutschand verbreiteten Judenfeindschaft ihre eigene Stellung im deutschen Volk und innerhalb des Judentums nachzuprüfen und zu revidieren. Während alle Ereignisse in einem be-