Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 5 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 57 Phitokratisches Wahlrecht in Gotha. Aus Gotha wird uns geschrieben: Die Gothaer Gemeinde darf sich rühmen, die reaktionärste jüdische Gemeinde Deutschlands zu sein. Hier beschließt der Vorstand über die Aufnahme in die Gemeinde: selbstverständlich nimmt er nur Leute auf, die tüchtig Steuern zahlen. Zu allem Überfluß werden in den Satzungen die Rechte noch besonders von der Steuerzahlung abhängig gemacht. Da die echte jüdische Religion anscheinend mit der deutschen Staatsangehörigkeit unablöslich verbunden ist, werden Ostjuden nicht aufgenommen — es sei denn, daß sie durch die Fähigkeit, besonders reichlich Steuern zu zahlen, ihre Glaubenstreue beweisen können. Die Steuergesetzgebung weist das interessante Kuriosum auf, daß der Prozentsatz mit dem höheren Einkommen fällt; über einer gewissen Höchstgrenze bleibt das Einkommen steuerfrei. Das ist, weil die glaubensstarken Reichen erklärten, sie würden sonst austreten. — Ist es nötig hinzuzufügen, daß die Führer der Gemeinde selbstverständlich „Demokraten“ und Mitglieder des Zentralvereins sind? Feuilleton Winterlied Von Ch. B i a 1 i k. (Auls dem Hebräischen übertragen von Israel Auerbach.) Vom Himmel warf der Herr felsstarken Tag, Krafttag, von Reif und Eis und Frost ein Schlag. Die Wölbung hoch, der Erdball unterm Fuß, Das Licht, die Luft, das All ein einz’ger Guß. So war’s: zur Nacht, schlaff lag dlie Welt gespreitet. Hat auf den Ambos sie der Herr gebreitet — Der Himmel flog, ein Donnerkrachen gellt’. Die Kraft rief Gott und hauchte: „Stark sei, Welt!“ Die ganze Nacht schlug zwischen Erz und Erz Der ATlgewalt’ge Wucht ihr in das Herz. Nun liegt ein Tag in Sonne, strahlumflossen. Urweltenstärke fest in ihn gegossen. Noch hängt in Lüften flimmerweißer Rauch Vom Odem Gottes, seines Mundes Hauch. Die Strahlen siebt er, da sie durch ihn sinken, Und ihre Glut verfliegt — was bleibt ist Blinken. O, endlos Schimmern! Glänzen ohne Saum Vom Grund zur Höhe, über Haus und Baum! Der Schnee, geklärt in Filtern dreizehnfalt. Deckt weißen G'last auf jegliche Gestalt. Die Dächer rings gleich Marmorhelden sitzend. Halb glühendweiß, halb silberbläulich blitzend. Dem Sonnengleißen frisch entgegenfunkeln. Die Raben einzig über ihnen dunkeln; Auf dem Kristalltuch gleiten sie und kreischen, Zerkritzen. 'löchern es und — husch! entfleuchen. Der Hütten Rauch, ein greiser Silberbart. Hebt ringelnd sich empor zur Höhenfahrt. Es brennt der Frost! In alle Poren dringt Er nagelscharf, und Stahl wird, was ihn trinkt. Wie klar und fest die Welt! Das ist die Kraft, Die, sich bezähmend, Macht in sich erschafft! Aus langverhalt’ner Stärke überfließen, Zerspell’n im Walde krachend Eichenriesen. Als brächen, aus dem Kerker sich zu retten. Die Erdgewält’gen klirrend ihre Ketten — Rüttelten und rissen sich empor und drängen — Ein Ruck noch — und der Erdball muß zersprengen! Und stolze Macht blüht auf in Mannesbrust: Auch er heut’ kalt und klar und kraftbewußt. Sie schwillt und wächst und steigt, die Stärke, und Wird mächtiger in ihm von Stund’ zu Stund’. Eng wird ihr seines Busens Kerkerhaft — Wie pocht an Herzens Wand verhalt’ne Kraft! Die Muskel bebt gestrafft, das Antlitz glüht. Wie Tritt der Riesen sicher ist sein Schritt. Tieftiefen Zug des Frostes Hauch er trinkt. Wie Erz durchs Blut es in die Arme dringt. Sieh! Seine Hand ballt sich zur Eisenfaust — Und wild Verlangen durch sein Inn’res braust: Zerhämmern und zerschmettern allzumal Den Himmel droben und den Erdenball! Ihn stickt die Kraft, sein Busen faßt sie nicht. Sie ringt sich los, und ihre Fessel bricht — Wirft er sich einem Schlitten in den Schoß: „Dem Adler gleich ins Weite! Fuhrmann, los! Dahin, dahin, wo Wangen glühend sind. Wo Kraft und Jugend stürmt, wie Spreu im Wiind! Dahin, wo noch kein Pflug ging! Dort sei weit. Wie Asche, Kraft und Lust umhergestreut!“ literarisches Echo Dr. L. Weinberg: „Das Jüdische Palästina“. Verlag „Jüdische Rundschau“. Berlin 1919. Die soeben erschienene Schrift gibt, von der englischen Deklaration vom 2. November 1917 ausgehend, ein Bild von den politischen Zielen des Zionismus, wie sie durch die umwälzenden Ereignisse dieser Zeit Gestalt gewonnen haben und durch die Arbeit für den Aufbau des jüdischen Palästina in die Wirklichkeit sich umzusetzen beginnen. Die Bedeutung der jüdischen Arbeit der letzten 30 Jahre in Palästina wird in das rechte Licht gerückt und die Entwicklung der palästinensischen Verhältnisse in der Kriegsperiode, besonders nach der englischen Besetzung, zum Ausgangspunkt genommen für eine Darlegung der großen Möglichkeiten und der daraus sich ergebenden Aufgaben in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Beziehung, die in absehbarer Zeit zu einem starken jüdischen Volkszentrum führen müssen. Die Schrift orientiert über die großen Probleme, die durch den bevorstehenden Aufbau des Landes aktuell geworden sind. Probleme, die dais Land stellt und die durch die Besonderheit des künftigen Menschenmaterials aufgeworfen werden und weist auf die besonderen Lösungen, die aus der Zusammenstimmung von Volk und Land sich ergeben, hin. Hervorgehoben seien in dieser Hinsicht die Abschnitte über die palästinensische Landwirtschaft und über die Rolle, die voraussichtlich diie intensive Gartenwirtschaft in der Entwicklung des jüdischen Palästina spielen wird, wobei die besondere Bedeutung berührt wird, die den Gartenbau für die Schaffung einer gesunden Verbindung städtischen Lebens mit ländlicher Betätigung zukommt. In dem Abschnitt über den kulturellen Aufbau wird die Tätigkeit des neuen nationalen Unterrichtsausschusses (Waad hachinah) als eines Wahrzeichens für die kommende Entwicklung herausgehoben und auf die Vorarbeiten aufmerksam macht, die der Schaffung der jüdischen Universität in Jerusalem gewidmet sind.