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Das jüdische Echo · 1920-01-16 · 3 (16.1.1920) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
3 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 3 16. Januar 1920 7. Jahrgang Der gelbe Fleck Man brandmarkte im Altertum häufig die Sklaven wie heut Pferde und Vieh; man prägte ihnen ■die Unfreiheit ins Fleisch und zumeist auch in die Seele. Denn dem Sklavenzeichen entsprach oft die Sklavengesinnung; der Knecht gewöhnte sich an den Stock des Herrn und vergaß die Auflehnung. Selbst wenn die Gnade des Eigentümers einmal die Fesseln löste, wenn sich das Haupt des Unfreien mit dem Hut des Freien bedecken durfte, wenn es mit Säuren und Salben gelang, das Brandmal zu tilgen: die Sklavenseele blieb. Und je mehr man sich der geschenkten Freiheit rühmte, je höher man äußerlich das Haupt zu tragen und die Gebärden der Freien pachzuahmen suchte, je protziger man auf das Pergament der Dienstentlassung und die Gleichberechtigung mit den Vblilbürgern pochte, desto weniger wußte man es zu verbergen, daß man blieb, was man war: ein Knecht. Denn in Wahrheit fühlte man immer noch den Stock über dem Buckel, und während der stolzesten Tiraden flog unwillkürlich ein scheuer Blick nach der Stirn des ehemaligen Gebieters, ob sie sich nicht im Zorne runzelte. Ja. man lernte es schnell1 Ungebundenheit zu markieren. man gewöhnte sich bald statt des Lendenschurzes Sammet und Seide zu tragen und Ringe und goldene Ketten. Aber man kuschte immer noch, wo der Freie getrotzt hätte, man lenkte ein, wo der Freie auf Gedeih und Verderb seine Meinung vertreten haben würde. Man fuhr vielleicht wohl dabei, lebte in Ruhe und erwarb ein Vermögen; aber die Leute lächelten und Viele zuckten die Achseln: Freige'llassene, ehemalige Sklaven, sagten sie verächtlich. Das Mittelalter sperrte die Juden ins Ghetto, machte sie zu kaiserlichen Kammerknechten, zu Objekten schamlosester Ausbeutung, heftete auf ihre Achseln, dem Brandzeichen der Sklaven vergleichbar. „den gelben Fleck“, um sie von den Vollberechtigten und Freien zu scheiden. Gewiß ist längst das Schandmal von den Judengewändern verschwunden, gewiß rissen die Revolutionen der „Aufklärungsepoche“ die Ghettomauern nieder, verbürgen seit 1848 die Verfassungen der deutschen Staaten die Gleichberechtigung der Juden und zweifellos haben es vor und namentlich seit 1918 zahllose Juden in Deutschland zu Einfluß und Würde gebracht. Und doch möchte man beinahe glauben, daß der Geist des Ghetto standhafter ist aJl's das Ghetto selbst, wie bei den Sklaven des Altertums die Sklavengesinnung die Sklaverei überdauerte. Wie wäre es sonst zu erklären, daß heute in jüdischen Kreisen eine geradezu hysterische Angst vor jeder noch so berechtigten Äußerung jüdischen Lebens herrscht? Nur nicht auffallen, ist die Parole, um nicht „Rischus machen“. Man berät darüber, ob man mit uneingewickelten Gebetbuch über die Straße gehen soll und ob man den Schabbeszylinderhut nicht lSieber einmotten soll; man perhoresziert die Ankündigung jüdischer Versammlungen an den Anschlagssäulen und die Mitteilung einer harmlosen Chanukkahfeier in der Zeitung, Wenn man jüdische Frauen warnt, sich in widerwärtiger Weise mit Schmuck zu behängen, wenn man gegen üble Elemente innerhalb des Judentums Stellung nimmt, geschieht es gewiß aus innerem Ekel vor derartig häßlichem Treiben; 'leider spielt aber auch der Gedanke dabei keine nebensächliche Rolle: wir als Juden dürfen uns derartiges nicht leisten; die anderen könnten es uns verübeln. Der freie Mann nimmt seine Stellung nach sachlichen Gründen, er tut und muß tim, was er als recht und gut erkannt hat; der Unfreie richtet sein Verhalten nach der Wirkung auf für ihn maßgebende Dritte ein. „Und sie bewegt sich doch!“ rief Galilei, trotzdem ihm für dies Bekenntnis der Scheiterhaufen drohte. „Schema Jisroel“ jubeln verachtete Ostjuden ihren Henkern entgegen: sie sind frei! Die jüdische Assimilation verlangt vom nationalen Judentum Verleugnung seiner Überzeugung, weil das Bekenntnis vom jüdischen Volkstum den Antisemiten Waffen in die Hand! geben und die Wucht des Kampfes gegen den Judenhaß hemmen könne. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens versichert ein paar Tage vor der Revolution Kaiser und Reich seiner unwandelbaren Treue und stellt sich mit der Revolution prompt auf das neue Deutschland ein. Vorläufig freilich ist er eifrig damit beschäftigt, seine nationaldeutsche Überzeugung auszubauen und widmet dieser edlen Aufgabe und dem damit verbundenen Kampfe gegen Zionismus und bewußtes Judentum das Dezemberheft seiner Zeitschrift „Im deutschen Reich“. Gilt es doch für ihn nicht mehr und nicht weniger als die .,Wiederbelebung des Judentums auf dem Boden deutscher Kultur“, die Verbreiterung und Verewigung der Kluft zwischen Wiest- und Ostjudenheit, den Ostjuden, die, wie man zugibt, „eine jüdische Nationalität besitzen“, den Westjuden, „deren Angleichungsprozeß soweit vorgeschritten ist. daß eine jüdische Nationalität nicht mehr vorhanden ist. daß sie Glieder des Volkes geworden sind, unter denen sie leben.“ Wir sind nicht empfindlich genug, um durch die zahllosen Schimpfwörter, die neben den Zionisten, Nationaljuden und deilei bösen Geistern auch das „Jüdische Echo“ treffen sollen, sehr gekränkt zu sein. Trotzdem tut es weh. diese Nummer der doch auch sonst nie sehr erfreulichen Zeitschrift zu durchblättern. Denn kaum je wurde mit derartig schamloser Deutlichkeit ausgesprochen, daß dem Kampfe gegen den Antisemitismus alles, aber auch alles, jüdische Werte der Überlieferung und des Gefühls, die Fähigkeit unbeeinflußt zu sehen und zu urteilen, die Überzeugung, die Seele selbst geopfert werden müsse. Nicht genug, daß die nationaldeutsche Mimikry als das probate Mittel empfohlen wird, um den skrupellosen Angriffen der gefährlichen Gegner zu entgehen, wir sollen noch an ihre sittlichen und sonstigen Vorzüge glauben: denn, so wird gesagt „es muß daran erinnert werden, daß ohne den festen unerschütterlichen Glauben an die Vortrefflichkeit der Sache nichts zu erreichen ist“. Muß das sein, soll der Kampf gegen den Antisemitismus wirklich ausschließlich Mittelpunkt und Inhalt des neuen

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