Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Das Jüdische Echo 19 literarisches Echo Das jüdische Buch. Die in den nächsten Tagen erscheinende Sondernummer der „Neuen jüdischen Monatshefte“ ist dem jüdischen Buch gewidmet. Sie stellt eine ausführliche und überaus interessante Monographie des jüdischen Schrifttums in Einzeldarstellungen bewährter Autoren dar, von denen hier Ch. N. Bialik, Prof. Pick, Prof. Loewe, Prof. Freimann, Dr. Elias Hurwicz, Horodezki, Nachum Goldmann genannt seien. Zum ersten Male wird auch hier eine Übersicht über die Arbeit der modernen jüdischen Verlagsunternehmen geboten. Preis des 80 Seiten starken Heftes M. 2.10. Feuilleton Das Letzte Eine Dorfgeschichte. Aus der Sammlung „Vor dem Sturm“ von Micha Josef bin Gorion. Ist ein Jude in einer Stadt ansässig, so ist er von Juden umgeben und kann sich nie verlassen fühlen. Unter den Seinigen ist ein Mensch heimisch und weiß sich zu bewegen. In der Stadt gibt es einen Markt, auf dem Handel getrieben wird; es gibt ein Bethaus, in das man einkehrt, und in dem man immer etwas zu hören bekommt. Die Stadt hat ihren Rabbiner, ihren Schächter und ihren Vorbeter; gelehrte Männer sitzen bei der Schrift, junge Leute sprechen über jüdische Angelegenheiten und über das, was neues in der Welt vorgefallen ist. Die Juden des ganzen Erdreiches sind e i n Stamm und jeder Einzelne ist ein Glied vom Ganzen. Horcht aber, ob es einem Juden, der in einem Dorfe wohnt, eben so geht? Ein solcher, mag er auch irgendwo Vater und Mutter am Leben haben, wird sich stets verwaist Vorkommen. Mit einer Seele, die eigen geartet ist, und mit Kleidern angetan, wie sie nur seine Stammesbrüder tragen, lebt er jahrelang' unter einer andersgläubigen Bevölkerung. Lauter Bauern sind um ihn. Keine Verkaufsläden, keine richtigen Gasthäuser. Die Hütten sind alle gleich und haben alle dieselben kleinen Fenster; die Wände sind aus Lehm, die Dächer aus Stroh. Das einzige Gebäude, das anders ist, ist die blaue Holzkirche auf dem freien Platz. Der Jude sitzt des Vorabends vor seinem Laden und geht seinen Gedanken nach, und im Dorfe erschallt das Geläut der Kirchenglocken. Bim, bam, bim, bam, — die Rufe gelten aber nur denen, die diesem Gotte dienen. * In einem Dorfe, unweit der Stadt Talna, wohnte 20 Jahre lang ein Jude mit Namen Benjamin. Er hielt da einen Kramladen und hatte davon sein leidliches Auskommen. Mit seiner Frau lebte er in Eintracht; die Leute waren kinderlos, aber sie hatten sonst alles, was zu ihrer Notdurft gehörte, und konnten sich über nichts beklagen. Hat doch der Mensch den Schöpfer zu loben, wenn er nur irgend ein Eckchen sein eigen nennt, und wenn er das tägliche Dankgebet — der da speist und ernährt — nicht ungesättigt hersagt. Eines aber bedrückte das Gemüt Benjamins, und das war, daß er in einem Dorfe wohnen mußte. Er verging vor Sehnsucht nach der Stadt, und all sein Sinnen und Trachten galt dem Leben in der Stadt. Ach, könnte auch er ein Jude wie die anderen sein, an den gemeinschaftlichen Gebeten teilnehmen, die Wonne des Bethauses genießen! Gewiß kann man'auch in der Einsamkeit den Schöpfer um Hilfe anflehen und vor ihm das schwere Herz ausschütten; was ist aber der Ruf des Einzelnen gegenüber dem Ruf einer ganzen Gemeinde, und was ist das „Höre Israel“, das Einer in der Stile ausstößt gegenüber dem Schrei, der aus hundert Kehlen zu den Toren des Himmels dringt? Tag für Tag jammerte Benjamin über sein Los. Glich doch sein Leben, so dachte er bei sich, einem Leben in der Wüste. Er hatte keinen Menschen, mit dem er ein Wort sprechen konnte über das, was ihn am meisten anging, über sein Volk. Er kam sich wie ein ausgebrochener Zahn eines Rades vor. Versuchte aber Benjamin an einen Umzug in die Stadt zu denken, so kam ihm gleich in Erinnerung, wie schwer es ihm seinerzeit war, den jetzigen Erwerb zu finden. Es ist nichts Einfaches, seinen Unterhalt zu gewinnen, und wie verläßt man das, was man nach vieler Mühe errungen hat? Spann aber Benjamin den Gedanken weiter, so sagte er sich: Was habe ich davon, daß ich mich ernähren kann, wenn ich in der Fremde mein Dasein friste und nur ein halber Jude bin? Benjamin versuchte es mit Nebenbeschäftigungen und arbeitete Tag und Nacht, um sich etwas abzusparen und so seinen Wunsch in Erfüllung zu bringen. Aber was kann einer, der nicht hartherzig ist, großes ersparen? Fährt ein heruntergekommener vornehmer Sprößling durch, so muß man ihn beschenken; einen Stammesbruder, der nach dem Dorfe kommt, muß man gastlich aufnehmen. Und überhaupt, geht einer in dieser Welt nicht auf Betrug aus, so bringt er es nicht zu Reichtümern. Also blieb er weiter auf dem Lande wohnen. Traf es sich aber, daß Benjamin in die Stadt kam, womöglich einen Sabbath dablieb, die Juden am Rüsttage aus dem Badehause eilen oder eine ganze Schar das Bethaus verlassen sah, so stellte er sich immer von neuem die Frage: Wird es mir denn nie vergönnt sein, ein Leben wie die anderen zu führen? Werde ich wenigstens nicht sterben unter dem fremden Volke? Und wiewohl Benjamin ein frommer Mann war, regte sich in ihm der Neid und er konnte ausrufen: Herr der Welt! Du läßt in der Stadt Talna 400 Juden wohnen und für jedermann ist hier Platz; warum muß gerade mein Schicksal sein, in einem Dorfe meine Tage zuzubringen, warum muß ich, Benjamin, der sein, der hier nicht bleiben konnte und in die Verbannung geschickt wurde? Allmählich wurde das Dorf für Benjamin zu einem Gefängnis. Und nun wurde er mit sachtem fünfzig Jahre alt und weilte noch Immer in der Fremde, fern von den Seinen .... Ein Vierziger, der erwartet noch etwas von der Zukunft; er steigt sozusagen den Berg hinan, er hat eben den Gipfel erreicht; wird man aber fünfzig Jahre alt, so klimmt man den Berg langsam herunter. (Schluß folgt.) Gemeindenu.Vereins-!cho Die Talmud - Thora - Schule veranstaltete am 6. Chanuka-Abend eine Schülerfeier. Sie wurde mit einem Violinterzett eingeleitet, worauf mehrere die Chanukabedeutung hervorhebende Ansprachen und Deklamationen folgten. Diesem ernsteren Teil fügte sich ein heiterer an in der Darbietung zweier theatralischer Vorführungen, die je mit einem Reigen, von den Schülerinnen