Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 52 (24.12.1919)
- Date
- 1919-12-24
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 Das Jüdische Echo 633 und seine geistige und politische Auswirkung kennen zu lernen, ist dafür um so besser gegeben. Dem jüdischen Politiker werden die beiden Bücher, jedes in seiner Art, ebenso wertvoll sein, wie einem jeden, der sich über Wesen und Ziele aller Richtungen im Judentum, besonders aber über das alles beherrschende nationale Problem unterrichten will. G—. Das Jahrbuch der Vereinigung Jüdischer Exportakademiker, das soeben erschienen ist, enthält Beiträge aus der Feder hervorragender Autoren auf dem Gebiete der jüdischen Wirtschaftsgeschichte wie auch jüdischer und allgemeiner Wirtschaftspolitik. Aus dem Inhalt: Prof. Dr. Wilh. Stein (Wien): Der Handel bei den Juden im Altertum; Dr. Alfred Nossig (Berlin): Kollektivismus oder Kommunismus; Dr. Emil Stein (Wien): Wirtschaftliche Zukunft Palästinas; Prof. Dr. Karl Ballod (Berlin): Produktions- und Aufnahmsfähigkeit Palästinas; Dr. Arthur Ruppin (Jaffa): Existenzmöglichkeiten in Palästina; J.. Oettinge (Haag): Die Bodenkultur bei den Juden; Dr. Siegfried Sternberg (Berlin): Gedanken über Handel ud Industrie in Palästina; Prof. Dr. Jakob Wetzler (Nürnberg): Palästina im Weltverkehr. Zu beziehen zum Preise von K. 10.— durch die Vereinigung Jüdischer Exportakademiker, Wien II, Taborstraße 1, wie auch durch alle Buchhandlungen. Feuilleton Jerusalem*) .Die jüdische Frage Palästinas und damit auch Jerusalems ist durch den Zionismus in ein ganz neues Stadium der Entwicklung getreten. Der Zionismus ist geboren aus der alten Sehnsucht nach der Heimat, die — eingestanden oder geleugnet — in diesem über die ganze Erde zerstreuten Volke wohnt. Theodor Herzl. der große Idealist der zionistischen Bewegung, hat dieser Sehnsucht sein Leben geopfert. Ausgelöst durch empörende Formen des Antisemitismus und begründet in erwachendem Selbstbewußtsein, ist die Bewegung mit ihrem Programm, dem Judentum in Palästina eine rechtlich gesicherte Heimstätte zu geben, jahrzehntelang den Menschen ein Spott gewesen. Daß sie von den nichtzionistischen Juden am allergiftigsten bekämpft wurde, wird den nicht wundern, der jüdische Geschichte kennt und von dieser hysterischen Sucht der gegenseitigen geistigen Zerfleischung bei gleichzeitigem festen Zusammenhalten gegen Andersgläubige, die beide ein Merkmal jüdischer Psyche sind, an zahllosen Beispielen Kenntnis genommen hat. Die Lage der Juden war in Jerusalem geradezu entsetzlich, bevor der Zionismus sein großes kolonisatorisches Werk begonnen hat, das erst in den letzten Jahren einen beachtenswerten Umfang angenommen hat. Die Juden in Jerusalem lebten zum größten Teil von den Almosen ihrer Glaubensgenossen im Abendland. Die größten Opfer reicher Juden, namentlich des Pariser Barons Rotschild, vermochten die Lage nicht wesentlich zu bessern. Erst das Motiv des Zionismus, Arbeit zu schaffen, zu organisieren und ethische Momente in das jüdische Leben Palästinas zu tragen, hat die Entwicklung dort auf eine andere Grundlage gestellt und wirklichen Segen gestiftet. Wer vor dem Weltkrieg die jüdischen Viertel und Bevölkerungsteile besucht hat, in die der Zio- ■■) Aus: Major a. D. Franz Karl Endres: Die Ruine des Orients. nisrnus noch nicht vorgedrungen war, wird schaudernd an die Szenen von Jammer und Elend, an die Atmo'sphäre von Schmutz und tiefster, traurigster Verwahrlosung zurückdenken, deren er ansichtig wurde. Das Los unserer Stalltiere in Deutschland ist glänzend gegenüber dem dieser halbverhungerten, von Schmutz bedeckten, von Ungeziefer zerfressenen armen Juden. Der Zionismus hat heute in ganz Palästina blühende Kolonien von hohemwirtschaftlichem Werte geschaffen, und nicht nur das, er hat Stätten reicher Kultur gegründet. Krankenhäuser modernster Art, Schulen. Bibliotheken, Lesehallen sind über das Land verstreut, die hebräische Sprache ist in zionistischen Kreisen aus einer toten zu einer lebendigen geworden, in der die Kinder bei ihren Spielen sprechen, der Arbeitsimpuls hat das Leben von Tausenden mit ethischem Gehalt erfüllt. Ordnung und Reinlichkeit, Verdienstmöglichkeit und Lebensfreudigkeit sind da eingezogen, wo vordem ein stumpfes Hinbrüten, ein viehisches Vegetieren Mitleid und Ekel in gleichem Maße wachriefen. Unendlich viel bleibt noch zu tun. Der Weltkrieg hat Palästina der türkischen Mißwirtschaft auf immer entrissen. In den Tagen, in denen diese Zeilen geschrieben werden, weiß man noch nicht, wer Palästina besitzen wird. Jedenfalls aber steht zu erwarten, daß das jüdische Volk eine Heimstätte in seiner Heimat finden wird und hier durch den Zionismus, der im Kriege auch in Deutschland an Anhängern gewaltig gewonnen hat. kultureller und nationaler Arbeit zugeführt werden kann. Das Klagen an der Klagemauer wird darum doch nicht aufhören. Durch winklige Gäßchen und über stinkende Höfe muß man wandern, bis man an einen Teil der Mauer des Tempelhofes kommt, an dem man menschliche Gestalten, namentlich an jüdischen Feiertagen, seltsame Bewegungen ausführen sieht, die sie durch lautes Klagen oder auch durch eine im Kllageton gesungene, gemeinsame Litanei begleiten. An den Quadern der 18 m hohen Mauer klagen die elendesten Kinder Jsraels ihre bald zweitausendjährige Klage um den zerstörten Tempel. Bettler umringen sie. um sich auf den neugierigen Fremden zu stürzen. Bettler sind sie zum großen Teile selbst, die unter dem weiten Mantel die blecherne Bettelbüchse bergen. Aber auch reichere Juden sieht man-hier in fanatischer Wehklage. Die Weiber küssen die Steine, die Männer reiben ihre Wangen dahin, wo seit undenklichen Tagen undenklich viel schmutzige Wangen hingerieben wurden und beten dabei aus ihren Büchern. Namentlich an Wallfahrtsfesten strömen Juden von allen Erdteilen herbei, um an der Tempelmauer zu klagen. Da sind neben den elenden Moghrebinern, nordwestafrikanischen Juden, die in der Nähe der Tempelmauern in düsteren Hütten wohnen, stolze sephardische (spanische) und aschkenasische Juden, Chassiddim und Yemeniter, sowie Juden aus Buchara, Ägypten, Persien und Marokko zu sehen. Und alle vereint die gleiche Klage. Es hat etwas Rührendes und ist ein Teil von dem' ganzen Jammer der Menschheit, der hier sichtbar wird. Doch läßt es sich verstehen, wenn Juden, die gebildet und ernst über das Schicksal ihres Volkes nachdenken, wie Davis Trietsch das tut, in erster Linie das Groteske und Deprimierende in diesen Szenen vordringlich sehen. Das Ruinenhafte des Orients spricht aus den grauen Quadern der Mauer, wie aus den Jammergestallten der Klagenden. Aber sie wollen nicht erkennen, daß das hoffnungsreiche Wort „tröste, die da trauern über Jerusalem“ im Zionismus seine Erfüllung finden kann. Und so geht es jeder reinen Klage! Wohl ist der Schmerz berechtigt und tra-