Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 49 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 598 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Mitteilungen des Daniel-Bundes. Gartenarbeit und Berufswahl unserer Jugend Von Nathan C h a v k i n . München. * Die Judenheit erlebt gegenwärtig: in der ganzen Welt eine ernste Krisis, nicht nur infolge der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen, sondern auch infolge der inneren Aufrüttelung der jüdischen Persönlichkeit, der notwendig gewordenen Besinnung auf sich selbst und der sich aufdrängenden Sorge für die Zukunft des Judentums. Wir müssen Mittel ausfindig machen, die unsere Stellung unter dem Wirtsvölkern nie hi t nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch moralisch heben könnten. Mit der Forderung völliger Gleichberechtigung der Juden als Bürger tritt an uns die Pflicht heran, die bisherige Einseitigkeit der Berufsübung aufzugeben. Eine größere Zuwendung der Juden zu produktiver Betätigung, wenn auch nur im Nebenberuf. ist aus mannigfachen Gründen das Gebot der Stunde. Die volkswirtschaftlichen Verschiebungen, die der Weltkrieg mit sich gebracht hat. die allgemeine Knappheit der Lebensmittel, die eine Einschränkung der Luxusindustrie und des Welthandels zugunst en einer intensiveren Bodenbearbeitung und Höherwertung des inneren Marktes zur Folge haben wird, kann auch für die zukünftige Lebensgestaltung des jüdischen Volkes nicht ohne Einfluß bleiben. Rückkehr zur produktiven Arbeit und möglichste Abwendung von den überfüllten kaufmännischen und gelehrten Berufen muß die vornehmste Aufgabe der für ihre wirtschaftliche Existenz besorgten Judenheit wrerden. Auch aus hygienischen, ethischen, religiösen und nationalen Gründen istdieBerufsumschichtung derJuden eine gebieterische Notwendigkeit. Bekanntlich fallen Kaufleute, besonders die in den Büros beschäftigten, häufiger Krankheiten anheim und weisen eine höhere Sterblichkeitsziffer auf. als die übrige werktätige Bevölkerung. Indem die Juden Handel und geschäftliche Spekulation, die leider mit übermäßiger Profitsucht verknüpft sind, bevorzugen, geben sie den Antisemiten die willkommene Veranlassung, das jüdische Volk als eine Rasse von minderer ethischer Qualität zu bezeichnen. Der Vorliebe der Juden für kaufmännische und geistige Berufe ist es zu verdanken, daß sie sich mehr in den Großstädten konzentrieren, wo die Irreligiosität und Immoralität viel mehr ausgebreitet sind, als auf dem Lande. Schließlich sind — auch in den großen jüdischen Zentren — die Juden infolge ihrer einseitigen Berufstätigkeit zu sehr auf die niehtjüdische Bevölkerung angewiesen. Dies gefährdet ihre nationale Eigenart und die gute Sitte der Väter. In der jüngsten Zeit werden immer mehr Vereinigungen zum Zwecke der Verbreitung von Handwerk und anderen produktiven Berufen unter den Juden gegründet. Fast in allen Städten mit ansehnlicher jüdischer Bevölkerung werden Berufsberatungsstellen zum Teil auch von jüdischen Frauenvereinen errichtet. Auch der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat eine Hauptstelle für Berufsberatung der Juden in Berlin und eine Reihe örtlicher Beratungsstellen in verschiedenen Städten Deutschlands gegründet. die eine rege Tätigkeit entfalten. So bringt „Im deutschen Reich“, Organ des Zentralvereins, vom September 1918 Adressen von 15 solcher Berartungsstellen, ferner die Verkündigung eines Beschlusses des Kuratoriums der Hauptstelle für Berufsberatung, wonach die Leiter der örtlichen Be^ ratungsstellen zu einr Konferenz nach Berlin einberufen werden, um die von ihnen bisher auf diesem Gebiete gesammelten Erfahrungen gegenseitig auszutauschen und für die Zukunft nutzbar zu machen. Gemeinsam mit dem jüdischen Bodenkultur verein gibt der Zentralverein Jugendmerkblätter über die Aussichten in den verschiedenen produktiven Berufen heraus, setzt sich mit vorurteilslosen jüdischen und nichtjüdischen Landwirten, die bereit sind, jüdische Lehrlinge in der Landwirtschaft aufzunehmen, in Verbindung uswr. In Düsseldorf hat der „Verein zur Förderung der Handwerke und technischer Berufsarten unter den Juden“ ein Lehrlingsheim errichtet, wro die Zöglinge volle rituelle Verpflegung und jüdische Erziehung genießen, die das Elternhaus ersetzen soll. In München wurden von der Loge Bne-Brith unter Mitwirkung der i üdischen Lehrerschaft Kurse für Handfertigkeiten errichtet, die sich zeitweise eines guten Besuches erfreuten u1. ä. m. Die Ergebnisse der obenerwähnten Berufsberatungsstellen und ähnlicher Einrichtungen sind leider verhältnismäßig sehr gering. Die eingeborenen Juden nehmen höchst selten den Rat dieser Institutionen in Anspruch, da sie ihre Kinder z. T. in ihren eigenen Geschäften verwenden, z. T. zu ihren Bekannten und Verwandten in die Lehre, geben, oder sie lassen sie „studieren“. Somit g e h t diese Jugend beruflich durchwegs in den Fußstapfen ihrer Eltern. Die Kinder der eingewanderten Juden, die sich der Beratungsstellen bedienen und von denen manche, dank der Bemühung der Berufsberater, sich dfem Handwerk oder anderen technischen Berufen zugewandt haben, verlassen oft diese Berufe, um sich schließlich doch kaufmännisch zu betätigen. Es ist bezeichnend, daß sogar jüdische Eltern, die selbst jahrelang mit gewissem Erfolg einen Handwerksberuf ausüben, ihre Söhne zumeist in kaufmännische Geschäfte in die Lehre schicken, wenn diese auch keine besondere Lust zum Kaufmännischen verspüren und keine ausgesprochene Befähigung hiefür aufweisen. Die Ursache der Vorliebe der Juden für Handei und Vermittlertätigkeit liegt nicht nur in ihrer durch die mittelalterliche Gesetzgebung erwirkten Sonderstellung unter den Wirtsvölkern, sondern auch —- wir wollen es offen zugeben — in ihrem Bestreben, sich möglichst schnell und auf leichte Weise zu bereichern. Den altväterlichen Spruch, daß Handwerk einen goldenen Boden hat. erkennen die Galuthijuden fast gar nicht an, weil sich ihnen die Aussicht des materiellen Aufstiegs in kaufmännischen viel mehr als in den technischen Berufen zu bieten scheint. Allein die Verelendung der zumeist Handel treibenden Juden in ihren Massensiedlungen und die infolge des Krieges eingetretene Umwertung der Berufe, die Monopolisierung vieler Gegenstände des täglichen Bedarfs wird eine Höherschätzung der technisch-produktiven Tätigkeit mit sich bringen. Auch die Juden müssen für den sich vollziehenden wirtschaftlichen Umschwung gerüstet sein. Die richtige Berufswahl der Jugend ist erfahrungsgemäß äußerst schwierig und die wissenschaftliche Pädagogik