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Das jüdische Echo · 1919-11-21 · 47 (21.11.1919) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
47 (21.11.1919)
Date
1919-11-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 41 21. November 1919 6. Jahrgang Rage de la vdritg Die Presse des Auslandes wirft der deutschen Revolution vor, sie wäre nichts als Trug und Täuschung und selbst die deutschfreundlichen Ostschweizer Zeitungen klagten, daß die deutsche Republik nicht das Interesse an der Aufdeckung der Wahrheit, nicht jene „rage de la verite“ besitze, die allein zu seelischer Erneuerung und zum Beginn des Wiederaufstiegs führen könne. Es ist nicht jüdische Sache, sich solche Verallgemeinerungen zu eigen zu machen. Als bemerkenswert aber buchen wir die Feststellung, die in einer ganzen Reihe von Blättern wiederkehrt, daß es gerade jüdische Politiker in Deutschland sind, die noch am ehesten den unbeirrbaren „Drang nach Wahrheit“ zeigen, den man bei der Mehrzahl der führenden Männer und Parteien so schmerzlich vermißt. Wir sind nicht geneigt das für Zufall zu halten. Den Willen, die Dinge um und in uns unerbittlich klarzustellen, furchtlos auszusprechen, was ist, die „Zivilcourage“, wie es Bismarck nannte, haben seit den Tagen der Propheten die Besten unseres Volkes stets besessen. Unzählige Juden haben bis heute ihre „rage de lä verite“ mit ihrem Leben oder ihrer Freiheit bezahlen müssen. Leider scheint der jüdisch^ Drang nach Wahrheit. der sich sonst auf allen4 Gebieten des öffentlichen Lebens so stark bemerkbar macht, zu erschlaffen, wenn Juden jüdische Dinge beurteilen. Es gibt Parteien im Judentum, die nichts so sehr scheuen als Klarheit und volle Aufrichtigkeit in jüdischen Fragen. Es ist gewiß das gute Recht eines jeden, unerbittlich alles zu bekämpfen, was er für falsch und den Interessen des Judentums für schädlich hält. Aber niemand hat das Recht, im Dienste solchen Kampfes Tatsachen zu verdrehen, Behauptungen zu erfinden, die nie aufgestellt wurden, Versprechungen zu fingieren, die nie jemand gemacht hat — lediglich um so die Erfolge und die Arbeit ihnen unbequemer Richtungen zu hemmen. Das aber geschieht täglich in dem Kampfe, den die Agudasorthodoxie im trauten Verein mit allen Richtungen der Assimilation gegen den Zionismus führt. Wir haben die Taktik, die dabei angewandt wird, schon mehrfach beleuchtet: einerseits bezweifelt man den Willen der englischen Regierung ihre dem jüdischen Volke gemachten Zusagen halten zu wollen, andererseits schiebt man dem Zionismus Pläne unter, die er nie gehabt hat, und die freilich keine Macht auf Erden erfüllen könnte — alles offenbar zu dem Zweck, um auch dann von einem Scheitern der zionistischen Absichten sprechen zu könnnen. wenn diese noch so offenbar der Verwirklichung entgegen gehen. Einige dieser Lügen haben freilich recht kurze Beine gehabt. Anläßlich der Deklarationsfeier in London konnte Lord Rothschild einen Brief des neuen englischen Außenministers Lord Curzon verlesen, worin gesagt wird, daß die englische Regierung nach wie vor bei ihrer dem jüdischen Volk gegebenen Zusage verharre. Zu gleicher Zeit wird aus Palästina gemeldet, daß die strikten Anweisungen der englischen Centralinstanz eine sichtbare Änderung in der Haltung der nunmehr sehr zuvorkommenden englischen Okkupationsbehörden den Juden gegenüber herbeigeführt hätten. Wenn schließlich der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Dr. Hantke. auf der Sitzung des Zionistischen Zentralkomitees am 2. November zu Berlin erklären konnte, daß er von seiner Reise nach London die Gewißheit mitgenommen habe, daß das Mandat Englands gesichert sei und mit der Auflage erteilt werden würde, „in Palästina die nationale Heimat des jüdischen Volkes zu errichten“, — so läßt sich die politische Lage mit Recht als so günstig bezeichnen, wie sie in Anbetracht der schwierigen Verhältnisse im vorderen Orient nur sem kann. Aber eben weil diese Erfo’ve bestehen und nicht zu leugnen sind, ist es gut. daß gerade von zionistischer Seite auf immer entschiedenere Weise davor gewarnt wird, sie zu überschätzen. Es wird jetzt häufig darauf hingewiesen, daß nichts gefährlicher wäre, als das Pochen auf „diplomatische Siege“ zur Grundlage der zionistischen Propaganda zu machen. Man hat freilich oft genug auf die englische Erklärung und die Zustimmung der Mächte verweisen müssen, um jüdische Kreise, die unbelehrbar die Arbeit des nationalen Judentums als „Utopie“ abtun zu können glaubten, von der Ausführbarkeit der zionistischen Ideale zu überzeugen. Das war nötig, denn es war von vornherein klar, daß alles Erreichte kaum mehr als ein „Fetzen Papier“ sein würde, wenn nicht der Wille der Volksmehrheit es aufgreifen und zur unabänderlichen Forderung der jüdischen Nation machen würde. Das ist gelungen. Die Mehrheit des jüdischen Volkes, weit über die Kreise der zionistischen und nationalen Bewegung hinaus, will Erez Israel, und ist bereit für das Ziel der jüdischen Heimstätte Opfer zu bringen. Aber der Erfolg ist fast zu groß geworden. Die Massen, die gar zu oft von dem „jüdischen“ Palästina als sicherem Geschenk der Großmächte reden hörten, glaubten bereits zu besitzen, was erst erworben werden muß. Diese Menschen, die kaum der Szylla der Pogrome entgangen sind, um desto sicherer der Charybdis des überall im Osten einsetzenden Boykotts zu verfallen, nahmen die frohe Botschaft mit glücklicher Inbrunst auf. Hunderttausende sollen in dem von Fieber geschüttelten Rußland und seinen Randstaaten ihre Sachen gepackt haben und eigentlich täglich zum Abmarsch fertig stehen. Greise und Frauen und vor allem junge, zukunftsfrohe Chaluzim, die zu Fuß, ohne Mittel, Führung, Erfahrung nach dem Lande der Väter aufbrechen möchten. Sind die Tage des Sabbathei Zvi wieder gekommen. Wehe, wenn auch diesmal die Enttäuschung folgen sollte! Der Niederbruch all der hochgespannten Hoffnungen müßte die schwersten Folgen haben. Sie sind, wie die Dinge liegen, nur zu vermeiden, wenn die Massen selbst die Wahrheit über Zionismus und Zion erfahren, wenn die zionistische Leitung die Kraft besitzt, dem zionsbegeisterten jüdischen Volk absolute Klarheit über das Er-

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