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Das jüdische Echo · 1919-10-24 · 43 (24.10.1919) · p. Seite 519

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
43 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
Seite 519 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43 Das Jüdische Echo 519 und Verständnisses in die Abhängigkeit von Machtfaktoren, die nicht immer uneigennützig das Wohl der Bilu-Bestrebungen suchten. Osman Pascha, der als russischer Kriegsgefangener in Charkow gelegen hatte, gab den Delegierten ein zweifelhaftes Empfehlungsschreiben an den Großvezier. Der Berliner Rabbiner und Palästinafreund Israel Hildesheimer unterzog sich der undankbaren Aufgabe, den Fürsten Bismarck gelegentlich des Gratulationsbesuches zu seinem siebzigsten Geburtstage für eine Intervention bei der Hohen Pforte zu gewinnen. Der abenteuerliche Politiker und Palästina-Schriftsteller Lord Laurence Oliphant versprach durch seine Beziehungen am Goldenen Horn den Wortführern goldene Berge in Palästina und warnte vor jedem übereilten Schritt der wanderbegierigen russischjüdischen Jugend, der die schönsten Erfolge vereiteln könne. Schon sei ein Firman des Sultans, der 300 jüdischen Familien staatlichen Grundbesitz in Palästina und Syrien Zusage, unterwegs. Außerdem trat die „kleine Volksarbeit“ mit ihrer „Einzelagitation“ wieder in den Vordergrund. Eine Bilu-Gruppe von 14 Köpfen irrte bereits an der palästinensischen Küste, nahe der Stadt Jaffa, umher, eine andere war unterwegs. Inzwischen hatte ein Prediger in der Wüste, David Levontin aus Orscha, voll tollkühnen Mutes Heimat, Wohlstand, Weib und Kind verlassen und sich zur Arbeit „auf die Berge Zions im Lande unserer Väter“ begeben; ihm war dieses Tun. „zur Wahrheit des Herzens und der Vernunft“ geworden. Auf einer wüsten, vertrockneten, nur dem Namen nach ein Feld darstellenden Bodenfläche weihte er feierlich die Kolonie Rischon le Zion (Anhub von Zion) ein, und unter der Pflugschar der Heimatliebe wandelt sich mit finanzieller Unterstützung des Barons Rothschild in Paris das Ödland in eine fruchtbringende Siedlung. Da klopfen eines Morgens 12 jener Biluenser an die Pforten seiner Kolonie, und mit Freuden nimmt Levontin sie als Feldarbeiter auf; er erblickt in der Tatsache, daß gerade „junge Leute von höherer Intelligenz und Energie endlich dazu kommen, sich dem geweihten Boden unserer Vergangenheit und Zukunft zu widmen, eine vielverheißende Epoche“. Auch in der nahen jüdischen Ackerbauschule Mikweh-Israel finden die Nachkommenden nach einigen Bedenklichkeiten Arbeit und die Erlaubnis zum Bau von Wohnhäusern. Nun hebt auf dem steinigen Boden ein hoffnungsvolles Schaffen an. „Das waren fleißige Arbeiter,“ so berichtet ein schriftstellernder Zeitgenosse, „die mit Gesang zur Arbeit gingen und singend vom Felde zurückkehrten. Allabendlich veranstalteten sie Lese- und Unterhaltungsstunden für hebräische Sprache, Literatur, Naturwissenschaft und Agronomie. Die Bilu wurden bald zum Mittelpunkt der Kolonie. In ihre Zelte, wo es stets lebhaft und fröhlich zuging, kamen alle, die Stärkung ihres trüben Mutes nötig hatten, um Freude und Lebenslust zu schöpfen. Die Bilu vereinigten sämtliche junge Männer der Kolonie zu einer gefestigten Garde, um die oft vorkommenden räuberischen Überfälle kraftvoll abzuwehren. In kurzer Zeit gelang es der organisierten Koloniejugend, den kampfeslustigen Arabern Respekt einzuflößen. Inzwischen wurde die Schaffung einer besonderen Bilu-Kolonie ins Auge gefaßt, denn man war allmählich ernüchtert worden. Für dieses Unternehmen bedurfte es aber der Zusammenfassung aller im heiligen Lande tätigen Kräfte. Die Biluenser von Rischon le Zion legten daher — nicht ohne daß ihr Vorgehen eine Reihe innerer Konflikte zur Folge hatte — die Arbeit nieder und warteten auf die Weisungen des Vorstandes. Dem war es gelungen, in der Nähe des Fellachendorfes Katra ein passendes Stück Land ausfindig zu machen, das nun nach zehnmonatlichen Bodenkauf-Formalitäten in den Besitz der Bilu überging. Katra oder mit dem biblischen Namen Chederah, so nannten die Söhne Bilu ihre erste eigene Errungenschaft. Was dort an einem trüben Novembermorgen des Jahres 1884 sich zutrug, schildert ein authentischer Bericht aus jener Zeit mit folgenden Worten: „Die Kolonie wurde am ersten Tage des Makkabäerfestes eingeweiht. Sie bestand eigentlich aus einem kleinen Häuschen, das weder vor Regen noch vor Kälte schützen konnte. Die neun Bilu-Mitglieder fühlten sich aber sämtlich sehr wohl in diesem Häuschen. Während sie zwecks Beschleunigung der Kolonisation die Bearbeitung eines Teils des Bodens den Arabern übergaben, machten sie sich selber daran, einen Hügel für den Weinbau zu kultivieren. Da sie weder Pferde, noch Ochsen, noch Werkzeuge besaßen, so mußten sie mit eigenen Händen den felsenfesten Hügel bearbeiten, was für sie eine ungeheuerliche Mühe war. Aus Raummangel mußten sie ihre Esel und Hühner in ihrem Wohnhäuschen halten. Außerdem durften sie sich auch des Nachts, nach schwerer Tagesarbeit, keine Ruhe gönnen, da sie sich vor den Arabern hüten mußten. Obwohl die Araber es nicht mehr wagen, einen Juden oder dessen Gut in der Kolonie anzugreifen, nachdem die Söhne Bilu sie durch tätliche Belehrungen dazu erzogen haben, ist sicherheitshalber die Nachtwache auf das strengste eingeführt. Die Kolonisten von Chederah ertragen jedoch alles mit leichtem Herzen, froh, daß ihnen das Los zugefallen ist, den heiligen Boden unserer Väter zu beleben, in der Erwartung einer schönen lichten Zukunft. Bis jetzt (1886) ist es ihnen bereits gelungen, etwa 450 Dunam (ca. 40 ha) zu bearbeiten, 800 Olivenbäume zu pflanzen und eine ganze Reihe von Feldzäunen zu errichten. Der Gott Israels möge ihnen hilfreich beistehen.“ Diese Zeilen lassen nur einen kurzen Blick in die Leidensgeschichte jener Idealisten tun, die unter ungeheuren Opfern und Entbehrungen aus Wüste und Steinen eine blühende Siedlung geschaffen haben. Die Schwierigkeiten, die ihnen erwuchsen, waren freilich zum Teil durch ihre eigene Unerfahrenheit verschuldet. Der angekaufte Boden erwies sich als unfruchtbar und reichlich klein, er erforderte für das Entsteinen, das Düngen und Bestellen eine Arbeitskunde und Arbeitsleistung, zu der die durch Generationen hindurch erworbene Tüchtigkeit alter Bauerngeschlechter gehörte. Diese jungen, frischgebackenen Kolonisten aber waren bis gestern Männer der Feder, ihr Schauplatz der Hörsaal, ihre Lebensansprüche die der höheren Schichten gewesen, und diese Elemente sollten nun die gröbste und schwerste Arbeit verrichten, bei der schon der unvermeidliche Schmutz die Nerven peinigen kann! Dazu stellte auch die Hauswirtschaft ihre Forderungen an sie, da es an weiblichen Arbeitskräften in der Kolonie natürlich völlig fehlte. Endlich kamen noch die Schikanen der türkischen Verwaltung, in der allein der Bakschisch regierte, und der für die erste jüdische Kolonisation in Palästina typische Geldmangel hinzu. Aber in dem bitteren Kampf des Idealismus mit der herben Wirklichkeit bewiesen diese

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