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Das jüdische Echo · 1919-10-15 · 42 (15.10.1919) · p. Seite 507

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 507 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 507 Feuilleton Der Libanon. Aus Schalem Asch’s „Palästinareise“. Übertragen von Siegfried Schmitz. Das Meer ist in dunklen, geheimnisvollen Schlaf versunken und über ihm lagert die Nacht, ein schwarzes Ungeheuer, das sich auf die unendliche Fläche hinabgesenkt und sie ganz bedeckt hat mit schwärzlichem Gefieder. Das Meer hat sich wie ein Kind an die Brust des Riesentieres gelegt und schlummert still; manchmal regt es sich, als wollte jetzt und jetzt das Riesenkind aus seinem Schlaf emporfahren und ungeberdig alles Dunkel von sich abschütteln; dann wird es wieder ruhig und still. Da und dort glitzert ein wässeriger Lichtstreif über seiner unendlichen Weite hin oder ein glänzender Himmelsstern spiegelt sich schelmisch auf seinem mächtigen Rücken. Von fern tönt das ernste, tiefe Brausen der Brandung, als wäre es der schwere Atem des schlummernden Meeres; schreckhaft klingen die geheimnisvollen Töne. Doch furchtlos und sicher, auf Gottes Gnade bauend, zieht unser Schiff seines Weges dahin, über sich den sternbesäeten Himmel, unter sich die dunklen Wasserweiten; es zieht dahin wie ein stiller, geheimnisvoller Sendbote, der die ganze Welt durchwandert, um irgendwo seine ungekannte Sendung auszuführen; langsam, gleichsam tastend sucht es den Weg durch die Unendlichkeit. Wenig Menschen sind auf unserem Schiffe in dieser Nacht. Die letzte ist es für das Schiff, das von den griechischen Gestaden herzieht, um in Syrien die Anker ausizuwerfen. Da und dort sieht man einzelne Gestalten auf dem Deck umherwandeln oder nachdenklich-reglos auf Bänken sitzen; sie erwarten die Morgensonne, die emporstrahlen soll über dem Libanon. Unruhvolles Sehnen hat alle ergriffen, die auf dem Schiffe weilen; sie sollen das heilige Land sehen. Dort im Winkel kauern die alten Juden, welche nach Frez-Israel ziehen, um den Tempelberg und die anderen heiligen Stätten zu sehen und bei ihnen zu sterben. Beim Schein ärmlicher Lichtlein beten sie Psalmen; ihre Weiber stehen beiseite —. ach! arme, sündige Judenweiber, die an dem frommen Chor nicht teilnehmen können—; verlegen reiben sie die Hände an den Schiffsplanken, die vollgesogen sind mit Meeresfeuchte. Sie beten, was ihr altes Gedächtnis noch behalten hat: die eine murmelt ein paar Stellen aus dem Weibergebetbuch, eine zweite hat sich mühsam an einige längst vergessene Gebetbrocken erinnert, eine dritte sagt ohne Zusammenhang Segenssprüche vor sich hin; eine gar. ein uraltes eingeschrumpftes Mütterchen kennt nichts mebr was Gebet sein könnte, und aus ihrem welken Munde dringen in inbrünstigem Ton immer wieder die gleichen Worte hervor: „Die heiligen Erzväter“ und „Das verheißene Land“ und „Mutter Rahel“ und wieder „Mutter Rahel“... Ernst und ehrfürchtig schauen all die alten Weiblein auf ihre Männer, die Psalmen singen. In einem anderen Winkel des Schiffes hat der Pope die Bauern und ihre Weiber um sich geschärt, die zum heiligen Grabe pilgern. Sie singeft einen wehmütig-frommen Kirchenchor; der Wind trägt die Töne in den andern Winkel, und dort mischen sie sich unter den Gesang der Psalmensager. So mengen sich die Gebete und ziehen vereint über die Meeresfläche dahin. Mitten auf dem Verdeck stehen Burschen und Mädchen aus Plonsk, einem jüdischen Städtchen in Polen. Die jungen Leute fahren nach Erez-Israel, um die heißgeliebte Erde des Landes zu pflügen; hebräische Lieder singen sie. Die Mädchen haben sich zu ihnen gesellt und begleiten den Gesang mit ihren sametweichen Stimmen, den Stimmen jüdischer Mädchen, — Auf dem Deck spaziert ein „Gelehrter“; er kennt Palästina von früheren Reisen her. Die Gruppe der Jungen blickt er liebevoll an. als wären sie seine Schützlinge: „Die Kinder da, die freuen sich nach Erez-Israel zu kommen.“ Dann bleibt er in einer Ecke stehen und lauscht dem neuen Lied, das sie begonnen haben. — Weithin leuchtet zitternd das Licht aus dem Zelt, das der Pascha von Damaskus für seinen Harem hat aufstellen lassen. Alles ist in unruhiger Erwartung; nur der Kapitän steht ruhig auf seinem Posten und beobachtet den Kurs des Schiffes; und der Mastbaum wirft seinen gespenstisch-reglosen Schatten auf das dunkle Meer.... Ich und sie alle, wir haben das Gefühl, als wären wir verirrte Kinder, die irgendwo in fremdem Land gefangen waren und nun nach langem, langem Fernsein wieder in Mutters Stube zurückkehren sollen.... und ich — ich kenne meine Mutter noch gar nicht. So harren wir alle, jedes Volk und jeder Glaube in einem anderen Winkel, auf die Sonne, die uns aufgehen soll über den Bergen unseres Heimatlandes. Schon merkt man, wie der nahe Tag den Himmel bleicht, und des Himmels Widerschein bleicht auch das Meer. Doch im Hintergrund ragt etwas Dräuendes, wie der schwarze Schatten eines Riesen, empor und zitternd spiegelt das Meer das dunkle Bild ab. Der Tag wird heller und scharf tritt des Riesen Bild aus dem Schatten, mit mächtigen, spitzen Zacken — und jetzt beleuchtet der Tag riesige Schneeberge, die hoch in die Wolken ragen. Der junge Tag badet sich in dem Bergschnee und goldiger Glanz glitzert auf dem Firn. — Ich weiß nicht, aus wessen Brust es sich zuerst entrang: „Der Libanon!“ Groß und Klein, Jude und Christ, alle stürzen hastig an den Bordrand; die einen breiten die Hände aus, andere neigen das Haupt, dort bekreuzen sich einige Christen — und alles schweigt versunken im Anblick des Libanon. Die Sonne badet sich in seinem Schnee, als wollte sie sich durch ein Sühnbad heiligen, bevor sie ihre große Reise antritt. Der Bergschnee erglitzert von ihrem Strahl und sein Licht vereinigt sich mit dem Glanz des Morgenhimmels in brünstigem Kusse zu hellem Schein, der sich über den Abhang ergießt. Wie eine einzige mächtige Wolke erscheint der weiße Berg; denn sein Gipfel taucht in die Wolken und sein Schneekleid ist so weiß wie der Wolken Gewand. Jetzt durchdringt die Sonne mit glühenden Strahlen die Wolken und den Schnee zugleich; und beide werden zu einem Flammenteich, feurigwogend und goldig schimmernd. Die rosigen Wogen dieses Lichtes stürzen über den Bergrücken hinab und vermengen sich mit den Meereswellen. — Das Meer erwacht, geblendet vom Lichtglanz, und liegt jetzt leuchtend und freudig zu Füßen des Berges. Fort ist das schwarze Nachtungeheuer, frei atmen die Wellen im Scheine des Tages und der Sonne.... Und wir stehen auf dem Deck und schauen hinüber zu Dir, Berg Libanon! Sei gegrüßt Sonne meiner Heimat! Heimat, sei gegrüßt, sei gesegnet! Libanon, Heil dir. ich bin (Fortsetzung Seite 510.)

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