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Das jüdische Echo · 1919-10-03 · 40 (3.10.1919) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
40 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 40 München / 6. Jahrgang 3. Oktober 1919 Wichtige Äufgaben.! Von Doz. Dr. Harry Torczyner.*) Der jüdische Student hat in Bezug auf die Kultur eine große Aufgabe. Die Aufgabe, zur jüdischen Kultur ein Verhältnis zu gewinnen, sich selbst zu bilden. Diese Bildung geht in verschiedener Richtung: Sie betrifft erstens den Menschen an sich. Der jüdische Student hat, wie jeder Jude in besonderem Maße die Pflicht. Vollmensch zu sein. WÜr können also von den Forderungen an allgemeiner Kultur, die man an jeden Menschen und an den Studejiten im allgemeinen richten muß, in keiner Weise etwas nachlassen. Im Gegenteil: der jüdische Student hat die Pflicht, darin über das, was für die Anderen selbstverständlich ist, hinauszugehen. Es gilt dies auch im Bezug auf den Charakter des Juden. Es ist begreiflich, daß wir in dieser Beziehung weit mehr zu bessern haben als andere. Wenn wir unser eigenes Volk betrachten, so wissen wir, daß wir vielfach in anormalen Verhältnissen gelebt haben, die auf unseren Charakter in abträglicher Weise gewirkt haben. Ich meine das nicht als absolutes Werturteil über den Charakter des jüdischen Volkes, sondern ich meine das relativ: der Charakter des Juden ist heute nicht so hoch, ist heute nicht so fest entwickelt, wie er es auf Grund seiner eigenen natürlichen Anlagen sein könnte; man hat vielmehr die, Widerstände, die Eindrücke von außen in Ab- ^ug zu bringen, die auf ihn infolge der Geschichte gewirkt haben, die eine Geschichte des Leidens und keine aktive Geschichte gewesen ist. Es ist unsere Sache, unsern Charakter von allen diesen fremden Einflüssen freizumachen und alles aus ihm herauszuentwickeln, was wir sonst als ideale Forderung aufgestellt haben. Ein alter talmudischer Satz versteht die Eigenschaften Gottes in der Weise, daß sie die Verpflichtungen für den Menschen bedeuten. Ideale in sittlicher Beziehung hat das Judentum oft genug aufgestellt und es ist auch hier nicht nötig, feste Programmpunkte diesbezüglich zu nennen. Es handelt sich aber darum, daß man einsieht, daß die Forderungen keine Ideale sein dürfen, sondern daß es Pflicht ist, an ihre Verwirklichung heranzutreten. Ein Zweites ist die Forderung unseres näheren Verhältnisses zu allem, was mit dem Judentum historisch verbunden ist, d. h. mit der hebräischen Sprache, mit seiner alten Kultur in der Vergangenheit, mit der jüdischen Geschichte, mit allem, was das jüdische Volk in der Gegenwart betrifft, mit seiner Zukunftshoffnung, mit seinem Lande. Daraus ergeben sich gewisse Wirtschaftszweige. Alle diese Zweige sollen bebaut werden, für alle diese sollen die jüdischen Studenten Interesse haben. Nun kann ich selbstverständlich nicht die utopische Forderung aufstellen, daß sich Jeder zum *) Von einem in Heft 3 der Monatsschrift des Jüdischen Akademikers „Esra“ (Wien IX, Alserstraße 28) enthaltenen Aufsatz H. Torczyners geben wir hier einen Teil wieder, der von allgemeinem Interesse sein dürfte. ernsten Fachmann in allen diesen Fächern ausbildet. Aber das Eine ist möglich, daß man für alle Probleme, die irgend etwas Jüdisches betreffen, das Interesse stets wachhält und daß man dort wo ein eigenes wirkliches Streben vorliegt, dieses auch unterstützt. Derjenige, der beispielsweise sprachwissenschaftliche Neigungen hat. sei darauf hingewiesen, daß er ebensoviel Interessantes wie auf dem Gebiete der klassischen Philologie auch auf dem Gebiete der hebräischen Philologie finden kann. Wer sich speziell für Geographie interessiert, muß auch der Geographie Palästinas sein Augenmerk zuwenden und darauf sehen, daß er nicht in der Geographie seines eigenen Landes ein Ignorant und ein Laie sei. Dasselbe gilt besonders auch von der jüdischen Religion. Uns einigt der jüdische Nationalismus, das Bewußtsein, daß wir zur jüdischen Nation gehören, ganz unabhängig von unsrer religiösen Schattierung. Aber auch die jüdische Religion ist natürlich ein Gut des jüdischen Volkes, ist etwas, das. wie immer man sich dazu stellen mag, von Allen gekannt werden muß. Wenn also beispielsweise Kurse über alle Gebiete des jüdischen Wissens veranstaltet würden, so dürfte ein Kurs nicht fehlen, der auch die jüdische Religion in einem tiefen Maße, in einem lebendigen, praktischen Maße zugänglich macht. Es darf nicht sein, daß jüdische Studenten deshalb die Seele ihres jüdischen Bruders nicht verstehen, weil sie sein Leben, das durch und durch von der Religion durchsetzt ist, einfach nicht begreifen können. Ich deutete schon an, daß für dieses Erwerben von Kenntnissen am besten durch Kurse gesorgt werden wird. Auch hier bin ich natürlich von jedem Optimismus entfernt. Ich weiß, daß es, so oft Kurse ins Leben geiufen worden sind, nicht an Lehrern gefehlt hat. daß sogar mehr Lehrer da waren als vielleicht berufen und notwendig waren, daß es aber immer an den Schülern gefehlt hat, weil der jüdische Student die Neigung hat, sich selbst bereits für einen Lehrer zu halten und weil er sehr gerne dem Andern durch seine Kenntnisse imponieren will, weil sehr gerne Schlagworte nachgesprochen werden, mit denen geprunkt wird, weil es aber oft und oft — das muß man offen sagen — an dem ernsten Streben fehlt, durch opfervolle Arbeit wirklich ein ernstes Wissen zu erwerben. Eine andere Frage ist dann, wie das wissenschaftliche Streben, wie die Kenntnisse der Studentenschaft ausgenützt werden. In dieser Hinsicht wäre zu erwähnen, daß die Studenten die Lehrer derjenigen werden sollen, die weniger wissen als je, die Lehrer des Volkes. Hieher gehört die Gründung volkstümlicher Kurse, einer Volksuniversität. Auch solche Pläne sind aufgetaucht. Daran sollen sich die jüdischen Studenten beteiligen und ich zweifle nicht, daß sich! tüchtige Kräfte in großer Anzahl finden, die vieles zu sagen haben. Ferner handelt es sich darum, wie weit das wissenschaftliche Streben der jüdischen Studenten für jüdische Zwecke nutzbar gemacht werden kann.

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