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Das jüdische Echo · 1919-09-19 · 38 (19.9.1919) · p. Seite 456

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
38 (19.9.1919)
Date
1919-09-19
Page
Seite 456 (sequence 8)
Language
German
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456 Das Jüdische Echo Nr. 38 Feuilleton Drei Köpfchen. Von Schalom Alechem. (Schluß.) In der Großstadt, in einem großen Hause, in furchtbarer Engigkeit, Armut und Einsamkeit geboren und erzogen hatten sie keine Gelegenheit, lebende Vögel. Tiere, nicht einmal Haustiere, außer Katzen zu sehen. Sie haben eine eigene Katze, eine muntere, graue Katze, grau, wie die graue, feuchte Mauer gegenüber ihrem Hause. Die Katze ist ihr einziges Vergnügen. Sie spielen stundenlang mit der Katze, binden ihr ein Tuch um den Kopf, nennen sie „Gevatterin“ und lachen, lachen ohne Ende! Die Mutter beneidet sie und traktiert sie: den einen mit einer Ohrfeige, den anderen mit einem Rippenstoß, die dritte mit einem kleinen Kniff. Die Kinder kriechen in ihren Winkel, hinter den Ofen. Der ältere erzählt, die jüngeren lauschen. Sie schauen den älteren Bruder mit großen Augen an und hören zu. Abramtschik sagt, daß die Mutter hat recht, denn die Katze sei ein unsauberes Tier: der böse Geist lebt in ihr. deshalb darf man mit der Katze nicht spielen! Alles weiß Abramtschik! Es gibt nichts in der Welt, was er nicht wüßte! IV. Alles weiß Abramtschik. Abramtschik weiß, daß es irgendwo in weiter Ferne ein Land gibt, das man Amerika nennt. Dort in Amerika haben sie viele Freunde und Bekannte. Dort, in jenem Amerika. führen die Juden ein gutes, freies Leben. Dorthin werden sie reisen, sobald sie Schiffskarten bekommen. Ohne Schiffskarten kann man nicht hinreisen, denn das Meer liegt dazwischen, und auf dem Meer gibt es Stürme. — die schaurig brausen! — Alles weiß Abramtschik! Alles! Sogar, was in „jener Welt“ geschieht. Er weiß zum Beispiel, daß es in jener Welt ein Paradies gibt, natürlich für die Juden; im Paradies gibt es viele Bäume mit wundervollen Früchten; dort fließt die Sahne in Strömen. Diamanten und Brillanten kollern auf der Straße herum, man braucht sich nur zu bücken, sie mit beiden Händen aufzulesen und sich damit die Taschen voll zu stecken, so viele nur hineingehen. Gottesfürchtige Juden sitzen dort Tag und Nacht, studieren und ergötzen sich an dem Strahlen des Heiligen Geistes... So erzählt Abramtschik. Mosejtschiks und Dworkas Augen funkeln. Sie beneiden den älteren Bruder, daß er alles weiß. Alles weiß er! Er weiß sogar, was am Himmel vorgeht. Abramtschik schwört, daß der Himmel sich zweimal im Jahre, an Festtagen, öffnet. Er hat es selbst nie gesehen, weil man von ihrer Wohnung aus den Himmel nicht sehen kann. Aber seine Kameraden haben es gesehen. Sie schwören, sie haben es, so wahr, wie sie alles Gute sehen möchten, mitangesehen. Sie werden doch nicht falsch schwören. Das ist doch Sünde! Schade, daß bei ihnen über der Straße kein Himmel ist, nur ein langes, schmales, blaues Band. Was kann man auf einem so kleinen Himmelsausschnitt anderes sehen, als ein paar kleine Sternchen und den Widerschein des Mondes? ... Um seinen jüngeren Bruder und sein Schwesterchen zu überzeugen, daß der Himmel sich öffnet, nähert Abramtschik sich der Mutter und zupft sie am Rock. „Mama, nicht wahr, heute am Vortag des Schewuausfestes öffnet sich der Himmel mit lautem Krachen?“ „Ich geb’ dir eins auf den Schädel, daß es kracht, dann wirst du es wissen!“ Nachdem er von der Mutter einen Klaps bekommen hat, wartet Abramtschik auf den Vater. Der Vater ist mit einem Schock Schachteln auf den Markt gegangen. „Ratet, was für ein Geschenk der Vater uns heute mitbringt?“ fragt Abramtschik. Die Kinder beginnen zu überlegen, was der Vater ihnen wohl vom Markt mitbringen könnte. Sie zählen an den Fingern alles auf, was das Menschenauge sehen und das Menschenherz sich wünschen kann: Semmeln, Kringel, Bonbons, — aber sie haben es doch nicht erraten. Der Buchbinder Pejsa brachte diesmal weder Semmeln, noch Kringel, auch nicht einmal Süßigkeiten vom Markt nach Hause: er brachte Gras, grünes, duftendes Gras. Alle drei Köpfchen. Abramtschik, Mosejtschik und Dworka, drängen sich um den Vater. „Papa, was ist das hier?“ „Das ist — Grünes.“ „Was heißt — Grünes?“ „Grünes für den Feiertag. Zum Schewuaus muß man Grünes haben!“ „Und wo nimmt man es her, Papa?“ „Wo man es hernimmt? Hm... Man kauft es auf dem Markt.“ So antwortet der Vater und streut das grüne, duftende Grün auf dem soeben gefegten Fußboden umher. Er ist froh, daß sie duftendes Grün haben und wendet sich lustig an seine Frau: „Ich wünsche dir fröhliche Feiertage! Sieh mal das Grüne an!“ ,Jch gratuliere! Kannst aber auch ausfegen! Nun haben,die Hungermäuler wieder etwas, um die Stube schmutzig zu machen!“ antwortet die Frau in mißmutigem Ton und bedenkt, wie gewöhnlich, ein Kind mit einer Ohrfeige, das andere mit einem Rippenstoß, das dritte mit einem kleinen Kniff. Eine sonderbare Mütter haben sie! Immer ist sie JJtündjner Jleucffc Jladjndjfen <9röfjte,tägl.2mal erfdjeinenbe 3eftung ©üb* unb 27?ittelbeutf<h* lanb$.ftauffräftiger£eferfrei$ unb über JDeut|chtanb$<$Jren jen hinauf gehenbe Verbreitung. (Srofierfauf* mann. u. getoerbl.©tellenmarft SInerfannf fefjr erfolgreich für 51n$eigen aller Slrf. 21n$elgen* preis* unb Slachlafi nach Sarif. Vejugäpreid monatl.2ttf.2.75 bei allen beutfchen poffanflalten SäglidjeSfüftage 2maf I60 000d:femptare/Üt>er VzüJiiUion-Cefer

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