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Das jüdische Echo · 1919-08-08 · 32 (8.8.1919) · p. Seite 379

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 379 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32 Das Jüdische Echo 379 literarisches Echo Martin Buber, Cheruth. Eine Rede über Jugend und Religion. R. Löwit Verlag, Berlin und Wien 1919. 36 S. M. 1.50. „Gottes Schrift eingegraben auf den Tafeln“ — lies nicht charuth: eingegraben, sondern cheruth: Freiheit. (Sprüche der Väter.) In diesem Motto der kurzen, aber viel bedeutenden Rede, die als Schrift nicht minder tief aufreißt und den Quell unseres Lebens erschließt, spiegelt sich der ganze Gehalt, der in Martin Bubers Leben und Werk uns je und je offenbar wurde. An die Jugend wendet er sich, an „die Zeit des Lebens, in der das Wirken des Absoluten an den Einzelnen herantritt“, ein Ereignis, sei es noch so kurz, noch so dämmerhaft, das Jeden einmal berührt. Und alle die, die ihre Jugend einmal erlebt haben, werden diesen Ruf nicht ungehört verschallen lassen. Sie werden gar nicht anders können. Der jüdische Geist ist durch seine Vorausbestimmtheit dem Göttlichen in besonderer Weise offen. Auch außerhalb der „offiziellen Erscheinungsform seiner Religion“ bietet ihm die lebendige Volksgemeinschaft, die als Überlieferung, als Volksmasse, als innerste Schicht seines Wesens von früh auf den Juden umgibt, einen dauernden Grund jüdischer Religiosität. Als mächtigstes Zeugnis für diese wichtigste Tatsache jüdischer Geistesrichtung wird auf Spinoza verwiesen, der „das einzige philosophische Genie, das es (das Judentum) der Welt geschenkt hat, zugleich der einzige unter den großen Philosophen ist. der in Wahrheit keinen anderen Gegenstand des Denkens kennt als Gott.“ Im Kampfe gegen die furchtbarste Gefahr des heutigen Europa, der die jüdische, vornehmlich die westjüdische Jugend so leicht zum Opfer wird, die Intellektualisierung, die dadurch hervorgerufene Vereinsamung des Menschen, weist Buber hin auf die immer lebendigen Säfte, die aus dem nationalen Charakter dem Juden Zuströmen. Und nun weisen sich der Wege zwei: der Anschluß an die Lehre und der Anschluß an das Gesetz. Die Gefahr ist bei beiden die nämliche: die Verflachung durch nur verstandesmäßiges Erfassen ihrer Inhalte. Wenn verkannt wird, d!aß „die religiöse Wahrheit keine statische, sondern eine dynamische“ ist, daß sie stets und immer mit neuen Impulsen erfüllt sein muß. dann wird der Trieb zur Einheit in der Lehre schematisiert und die Vielgestaltigkeit der Erscheinung nicht wahrhaft im All erfaßt. Wenn andererseits das Gesetz nur aus „Gehorsam gegen die Autorität des jüdischen Nationalwillens“ erfüllt wird, dann geht ebenso seine Bedeutung als ewiger Hinweis auf den Weg dem Übenden verloren. Der ganze Mensch wird gefordert. „Es gilt nicht, der Jugend zu predigen, diese und keine andere sei Gottes Offenbarung, sondern ihr zu zeigen, daß kein Ding unfähig ist, ein Gefäß der Offenbarung zu werden; nicht zu verkünden, durch diese und keine anderen Handlungen sei Gott zu dienen, sondern ihr zu enthüllen, daß jede Tat geweiht ist, in der die Einheit auf strahlt; nicht, von ihr zu fordern, daß sie als einzig verpflichtend für ihr Leben anerkenne, was zu irgend einer Stunde der Vergangenheit geschehen ist. sondern ihr zu bestätigen, daß „jeder Mensch seine Stunde hat“, die Stunde, da die Pforte sich ihm auftut und das Wort ihm vernehmlich wird.“ Dieser Rede Bubers. die in Sprache und Richtung so eng sich anschließt an die „Drei Reden über das Judentum“ ein erfreuliches Gewand verliehen zu haben, ist das Verdienst des rührigen Verlags. München. Theo Harburger. Feuilleton Seit Kurzem lebt S. J. Agnon, einer der geschätztesten hebräischen Schriftsteller unserer Zeit in München. Wir bringen aus diesem Anlass eine Novelle aus seiner Feder und eine Würdigung Agnons von Martin Buber. Das bekannteste Werk Agnons, das in deutscher Sprache vorliegt „Und das Krumme wird Gerade“ ist im Jüd. Verlag erschienen. (Die Novelle und die Würdigung sind der Sammelschrift „TREUE“, herausgeg. v. d. zion. Vgg. f. Deutschi. 5676, entnommen.) Martin Buber / Über Hgnon. Sie wollen von mir ein Wort über unseren Freund Agnon hören. Nicht viele, sondern eines. Hier ist es: Agnon hat die Weihe zu den Dingen des jüdischen Lebens. Es gibt andere, die wie er um diese Dinge wissen, aber ihr Wissen ist dürr. Es gibt wieder andere, die wie er um diese Dinge fühlen, aber ihr Gefühl ist verschwommen. Agnon ist von den Wenigen, die die Weihe zu den Dingen des jüdischen Lebens haben. Die Weihe ist nicht nüchtern und sie ist nicht sentimental, sie ist glühend und fest. So ist Agnon. Weihe: ich meine nicht die falsche, die hochmütig und durchseucht von Gebärde ist, sondern die rechte; sie ist still, demütig und treu. So ist Agnon. Er ist berufen, ein Dichter und Chronist des jüdischen Lebens zu werden; des einen, das heute stirbt und sich verwandelt, aber auch des anderen, werdenden, unbekannten. Galizier und Palästinenser, Chassid und Pionier, trägt er in seinem treuen Herzen die Essenz beider Welten im Gleichgewicht der Weihe. Soll ich sagen, wie wir ihn schätzen? Wir lieben ihn. Martin Buber. S. J. Ägnon / Totentanz Die Holdseligen und Lieblichen in ihrem Leben sind auch im Tode nicht geschieden. 2. Sam. I, 23. In Polens Hinterlande liegt ein Städtchen; darinnen stehtein uraltes Gotteshaus. Und neben dem Gotteshaus liegt ein Haufen Steine im Geviert; es wachsen Gräser drüber, fahlrote Gräser. Trauhimmel bauen sie dort nicht auf; jubelnder Bräutigame Stimme wird dort nicht vernommen und keines priesterlichen Ahronsprosses Fuss betritt den Hügel bis zu diesem Tag. Warum betritt kein Ahronspross den Hügel und warum bauen sie dort keine Himmel auf? — Ich will es Euch erzählen. In jener Stadt lebte ein vornehmer Mann, der hatte eine einzige Tochter, die war so schön wie die Sonne und so rein wie der Mond. Und als sie zur Jungfrau herangereift war, nahm er ihr einen Mann nach seinem Herzen; einen angesehenen feinen Jüngling, alt an Kenntnis der Thora, aber jung an Jahren. Er machte ihnen einen Trauhimmel nach dem Gesetze Moses und Israels neben dem grossen Gotteshaus, prächtig und herrlich nach dem Masse des Guten, das Gott an ihm getan hatte. Ein grosses Gastmahl wurde für die Armen der Stadt und der Umgegend bereitet und Musik gab’s

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