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Das jüdische Echo · 1919-08-08 · 32 (8.8.1919) · p. Seite 376

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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376 Das Jüdische Echo Nr. 32 Identität mit dem Gegenstände der Liebe zu schaffen vermag. Auch bei der stärksten Liebe zu allem deutschen kann die iüdische Seele nimmermehr zur deutschen Seele werden. Das Judentum ist unsere ureigenste Natur. Deutschtum ist uns Gesinnung. Die iüdische Melodie unserer Seele läßt sich durch die Melodie der deutschen feeele nicht ersetzen. Aus jüdischer Seele er-v klingt auch die heißeste Liebe zu allem Deutschen in jüdischer Melodie. In der Sucht, die deutsche Melodie imitieren, verzerrt sich nur die jüdische Melodie als getreues Süiegelbild einer verzerrten jüdischen Seele, die sich in ihrer Entfaltung lahm legt und nur noch zersetzend, nicht mehr schöpferisch zu wirken vermag. Nur dann wird der Jude zur vollen Schaffenskraft gelangen, wenn er in innerer Wahrhaftigkeit und Bewußtheit das jüdische Wesen seiner Seele erfühlend, ohne Rücksicht auf Vorteil oder Nachteil, sich selber lebt. Agrarreform und Judenfrage in Polen. Parteipolitische Entwicklungen. Im Vordergrund des öffentlichen politischen Interesses in Polen steht augenblicklich die polnische Agrarfrage. Die Aufrollung dieser Frage im polnischen Landtag im Zusammenhang mit den von den Bauernparteien und Sozialisten vertretenen Reformbestrebungen hat bereits einschneidende Wirkungen parteipolitischer Natur gezeitigt, die eine Verschiebung der bisherigen parlamentarischen Machtverhältnisse und eine parteipolitische Umgruppierung von Grund aus erwarten lassen. Der unter nationaldemokratischer Ägide zustandegekommene Mehrheitsblock des Sejms ist bereits infolge eben dieser Agrarreformbestrebungen auseinandergefallen. Der neugebil1dete Linksblock umfaßt außer den bürgerlichen Elementen sämtliche Bauernparteien des Sejms, und zwar nicht nur die radikalsten Gruppen unter Thugutt, Witos bnd Stapinski, sondern auch einen Teil der bislang zum nationalen Rechtsblock gehörenden „Polnischen Volksvereinigung“. Welche Bedeutung der Sprengung des antisemitischen Mehrheitsblockes im polnischen Landtag vom Standpunkt der jüdischen Interessen zukommt, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Durch die durch diese Spaltung herbeigeführte Stabilität der parteipolitischen Machtverhältnisse — dem alten Rechtsblock mit 135 Mitgliedern steht nunmehr die neue geschlossene nichtsozialistische Linke mit 130 Stimmen gegenüber, während die beiden sozialistischen Gruppen; der P.P.S. und der Nationale Arbeiterverband zusammen etwa 60 Mitglieder aufweisen — gewinnt die jüdische Fraktion besondere B e - d e u t u n g. Sie wird bei wichtigen Entscheidungen zum Zünglein an der Wage. Es trat dies bereits bei der Erscheinung der Agrarreform zutage, wobei die Linksparteien um die Unterstützung durch die jüdischen Stimmen nachsuchten. Man darf von diesen neuen parteipolitischen Entwicklungen günstige Wirkungen für eine friedliche Lösung der polnischen Judenfrage erwarten. Abgesehen davon ist aber der zur Erörterung stehenden Agrarreform, auch in rein sachlicher Beziehung grgße Bedeutung beizumessen. Die in der jüdischen Öffentlichkeit Polens vorherrschende Auffassung, als wären die Juden an der polnischen Agrarfrage sachlich desinteressiert, scheint uns unberechtigt. Dieser Auffassung entsprach die nicht ganz klare Haltung der jüdischen Abgeordneten in den letzten Sejmverhandlungen, wobei der Zionist Grünbaum im Namen des nationaljüdischen Klubs die Erklärung abgab, er würde, obgleich die Juden an der ganzen Frage nicht interessiert sind, aus Gründen des allgemeinen Staatswohls für die Durchführung der Agrarreform auf Grund zwangsweiser und entschädigungsloser Enteignung eintreten, ferner für die Festsetzung eines Höchstbesitzes und die Unterbindung jeder Bodentransaktion. Für die von den polnischen Bauernparteien geforderte entschädigungslose Enteigung des Großgrundbesitzes erklärte sich übrigens auch Abgeordneter Hirschhorn. Entgegen der Behauptung Abg. Grünbaums glauben wir, daß die Juden Polens und namentlich Galiziens an der Art der Lösung des polnischen Agrarproblems in erhebllLchem Maße interessiert sind. Es gibt in Polen, vor allem aber in Galizien eine verhältnismäßig und absolut nicht unbedeutende landwirtschaftliche jüdische Schicht, die sowohl Eigenbesitz wie Pachtland! bewirt- (schkftet. Diese jüdische Schicht — sie zählte um die Jahrhundertwende lin Polen 31 699, in Galizien 93 471 Seelen — ist an der polnischen Agrarreform unmittelbar interessiert. Allein, vom bereits Vorhandenen abgesehen, müssen auch Zukunftspläne und Notwendigkeiten in die Berechnung eingestellt werden. Man spricht bei uns häufig und nicht ohne Berechtigung von Berufsumschichtung. In der Tat. die Gesamtlage des jüdischen Handels und Handwerks ist infolge wachsender Überfüllung längst unhaltbar. Der große. 70 Prozent aller Erwerbstätigen umschließende jüdische Mittelstand in Polen fällt einem rapiden Verelendungprozeß anheim. Das unglückliche jüdische Industrieproletariat wird bald ein vollgültiger Bestandteil örtlichen „Luftmenschentums“ sein. Hier gibt es nur einen Weg: Jüdische Sozialpolitik. Die Überführung jüdischer Masen in die Landwirtschaft ist ein dringendes Gebot, vielleicht das dringendste Gebot dieser - Stunde. Es gehört kein besonderer Scharfsinn dazu, um zu erkennen, wie sehr diese jüdischen Bestrebungen von der Gestaltung der polnischen Grundbesitzverhältnisse berührt werden. Auf ein anderes Moment von , offenkundigem jüdischen Interesse sei in diesem Zusammenhang hingewiesen. Die polnischen Agrarreform-Entwürfe sehen die Zuweisung von Boden an heimkehrende Militärpersonen vor. Es stehen Zehntausende von Juden in den polnischen Legionen, die b.ei ihrer hoffentlich baldigen Heimkehr den Wunsch nach Ansiedlung hegen werden. Wird ihnen ihr Recht werden? Ein anderer Punkt dieser Entwürfe gesteht die Bodenzuweisung nur denjenigen zu, die für den Landwirtberuf theoretisch und praktisch vorbereitet sind. Nun, die jüdischen Anwärter werden in der Mehrzahl wahrscheinlich in der Lage sein, die Eignung sich erst nachträglich zu erwerben. Daß in den Entwürfen selbst keine Ausnahmen gegen Juden vorgesehen sind, genügt natürlich nicht. Abgesehen von all dem darf wohl mit Fug und Recht behauptet werden, daß auch die jüdische städtische Bevölkerung an den landwirtschaftlichen Reformbestrebungen in mehr als in einer Beziehung interessiert ist, was nicht erst erklärt zu werden braucht. Indessen tritt das sachliche Interesse der Juden an den polnischen Reformbestrebungen hinter der allgemeinen politischen Bedeutung der Auseinandersetzungen auch für die iüdische politische Situation weit zurück. Als Folgewirkung

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