Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 32 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9140165--02952-9075772- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIII II||II|||l||||llI|||||l|||[||||||i|||||||i!||||||||||i||||||||||||||||f|||||||||[|||[||||||||||||||||[[ Nummer 52_München / 6. Jahrgang 8. August 1919 „Die Jüdische Note“ Von Dr. W. K1 u g e. Juden und Judenfeinde kommen seit einiger Zeit in erhöhtem Maße zu der nichts weniger als erstaunlichen Erkenntnis, daß auch in denjenigen Werken jüdischer Wissenschaftler und Künstler, die an sich mit dem Judentum in keinerlei Beziehung stehen, dennoch eine jüdische Note kenntlich sei. Diese Note drängt sich bisweilen förmlich auf, in anderen Fallen bedarf es eines äußerst feinen, geübten Sinnes, sie zu ertasten und festzuhalten. Sie klingt mit, gleichviel ob sich der Jude auf dem Gebiete der Philosophie oder der Wissenschaft, der Dichtung. Musik oder darstellenden Kunst, der Ökonomie oder der Politik schaffend1 betätigt. Die nähere Prüfung ergibt, daß diese sog. jüdische Note nicht der sinnlichen oder logischen Sphäre entstammt, vielmehr einen eigenartigen psychologischen Charakter verrät, daß sie eine besondere seelische Geartung zur Voraussetzung hat. Genau genommen handelt es sich nicht um eine einzige Note, sondern, um im musiktheoretischen Bilde zu reden, um eine innerlich verknüpfte Notenfolge als Wiedergabe einer organisch zusammenhängenden Tonfolge, gewissermaßen der Melodie der jüdischen Seele. Es gibt jüdische Schöpfungen und Werke, in denen die jüdische Melodie maßlos entstellt uns entgegentritt, als wäre sie mit Wissen und Wollen zur möglichsten Unkenntlichkeit verbildet: das wirkt dann unbewußt auf den feinempfindenden Beurteiler wie eine Disharmonie im Werke, wie ein unsichtbarer, aber fühlbarer Fehler der Schöpfung, wie eine Vergewaltigung der inneren Wahrheit im Schaffensakt, wie ein zersetzendes Element im Genüsse. Die Entstelltheit der jüdischen Melodie bringt mit Bestimmtheit eine entsprechende Entstelltheit der jüdischen Seele zum Ausdruck, eine naturwidrige iedoch zur zweiten Natur gewordene Einstellung der jüdischen Seele. Woher rührt diese naturwidrige Einstellung und worin besteht ihre Naturwidrigkeit? Wenn der Jude wegen seines Judentums fortgesetzt verfolgt wird, wenn er um des Judentums willen Gefahr läuft. Leib und Leben. Hab und Gut, Sinn und Heimat zu verlieren, wenn ihm das Dasein um Dessentwillen nahezu unerträglich erscheint, dann gerät, leicht — es ist dies eine aligemeinmenschliche Schwäche — mit dem äußeren auch das innere Gleichgewicht mehr und mehr ins Wanken. Nicht ein jeder trägt in sich das Zeug zum Helden und Märtyrer, der auch angesichts von Not und Tod sich selber treu, unentwegt zu Sieg oder Untergang schreitet. Mit der Einbuße des inneren Gleichgewichts tun sich nun zwei verschiedene Wege auf. die trügerisch der geängsteten Seele Rettung verheißen: die Leugnung des Selbst oder aber die Zersplitterung des Selbst. Der erste Weg geht von dem Wahne aus, als könnte man aus der jüdischen Seele das Jüdische wie ein unnützes, unerwünschtes Inventarstück glatt herauswerfen; das ist der Weg der bewußt Abtrünnigen, die törichterweise vermeinen, es genüge, das Judentum abzuschwören und zu verspotten. um es aus der Seele herauszuwaschen, und erkennen nicht, daß sie damit wohl den Adel der Gesinnung austilgen, doch nimmer ihr Judentum los werden, daß sich, der Kern der jüdischen Seele, nur mit dieser zugleich hinwegwaschen ließe. So spotten sie nicht des Judentums, sondern ihrer selbst, und! dieser Selbsthohn senkt sich wie ein Fluch auf all ihr Streben und Schaffen; unter seinem vergiftenden Hauche krümmt sich die uralte jüdische Melodie, die heilige Zionide zum fratzenhaft-teuflischen Infernale. Der zweite Irrweg ist von dem ersten im letzten Grunde nur graduell verschieden. Wer ihm folgt, leugnet gleichfalls die jüdische Substantialität unserer Seele und erniedrigt das Jüdische zu einem erheblichen, doch nicht notwendigen Seeleninhalt, der an sich abwerfbar ist, aber wegen seines ideellen Wertes nicht abgeworfen werden darf. Nach der Hinwegdeutelung jeder kraftvollen Realität halten diese Jongleure der Seele das Jüdische nur unter dem Trugbilde einer sittlich-religiösen Verpflichtung aufrecht und suchen diese durch ein vages Gefühl der Pietät und einem recht dehnbaren Traditionsbegriff notdürftig zu stützen. Sie. die in Wahrheit ein Stück Judentum sind, reden sich ein, ein Stück Judentum zu haben. Diese aus dem Verlust des inneren Gleichgewichts und der Verzweiflung geborene unbewußte Fälschung übt ihrerseits die unheilvollsten Rückwirkungen auf die Triebkräfte der Seele. Wie könnte es ungestraft bleiben, an die Stelle unbedingter Wahrhaftigkeit im Drange der Not die Zweckmäßigkeit als Richtschnur zu setzen, da doch das Aufgeben solcher Wahrhaftigkeit bei Einheimsung augenblicklicher Vorteile letzten Endes in Unzweckmäßigkeit und tiefgreifend^ Schädigung ausmiinden muß! Hat man ein Stück Judentum, so ist eine weitere Zweckmäßigkeitsfrage, wie groß man es zu bemessen hat, und die Versuchung kann nicht ausbleiben, es, der vermeintlichen Not des Augenblicks folgend, möglichst klein zu bemessen: findet doch die sittliche Pflicht, Judentum zu haben, so lange noch ihre Erfüllung, wi»e nicht auf das Wzte. gleichsam mikroskopisch gewordene Stückchen Judentum Verzicht geleistet ist. Viel aufzugeben ist da wirklich nicht mehr. Seit der Emanzipation der deutschen Juden schien es diesen geboten, das Stücklein Judentum so karg zu bemessen, daß durch es keinesfalls ihrem Deutschtum der angeblich erforderliche Boden eingeengt würde. Stetig in der Angst, dem Deutschtum noch immer nicht einen ausreichenden Seelenplatz eingeräumt zu haben, und in der Überzeugung, daß das Judentum dem hinderlich sein könnte, überantwortete man letzteres der galoppierenden Schwindsucht. Hiermit soll keineswegs gesagt sein, daß die Liebe zum Deutschtum, die innige Verknüpftheit mit dem Vaterlande, dem deutschen Wesen, der deutschen Sprache, und Kultur beim deutschen Juden nicht echt sei. Die Verkennung liegt nur darin daß auch die heißeste Liebe, und sei es auch zum Höchsten, nicht die