Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 29 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Das Jüdische Echo 345 Pachtungen aufzuerlegen, die sie automatisch eingegangen sind. Zugunsten der neun Millionen Juden derjenigen Länder, welche jetzt politisch rekonstituiert werden müssen, fordern wir, daß ihnen dieser Freiheitscharter garantiert wird, ebenso wie allen anderen Einwohnern dieser Länder, und daß ihnen eine vollständige Emanzipation und die Möglichkeit voller Entwicklung gesichert wird. Jahrhunderte hindurch sind sie der elementarsten menschlichen Rechte beraubt, einer unerträglichen Bedrückung und einem widrigen Ausnahmeregime unterworfen gewesen. Wenn zu einer Zeit, wo die Welt sich auf einer Basis der Gerechtigkeit und Freiheit rekonstituiert, die nationalen Minderheiten allein dieser Wohltaten beraubt sein sollten, würde die Hoffnungslosigkeit ihres Schicksals die Grenzen des Tragischen übersteigen. literarisches Echo Hermann Bahir’s neuer Roman: Die Rotte Korahs. Selten habe ich ein Buch so rasch gelesen wie dieses. Sozusagen in einem Zug. Also ein spannender Roman? Nichts weniger als das oder wenigstens, was man so zu nennen pflegt. Es gibt keinerlei spannenden Vorgänge in diesem Roman, eigentlich überhaupt keine Vorgänge. Die Handlung ist nur notdürftig so weit durchgeführt, um die Rahmen für die vielen Diskussionen zu bilden, die Inhalt dieses Buches sind und — seine Schwäche, um dies gleich vorweg zu nehmen. Bahr gestaltet nicht die Dinge, die er zeigen will, indem seine Menschen sie wenigstens im Roman erleben, sondern er läßt sie darüber reden, von der ersten bis zur letzten Seite geschieht nichts von Belang, als daß die Personen des Romans reden. Über alles mögliche, über Krieg und Religion, über Theater und Gesellschaft, über Kunst und Rasse, besonders aber allermeist über Juden und Judenfrage. Über diese und noch andere Dinge wird unendlich viel geredet und, wie sichs bei Hermann Bahr von selbst versteht, unendlich gescheit geredet. Es ist der reine Diskutierklub, dabei werden aber diese Diskussionen in einem Tempo geführt, sprechen diese Menschen mit einer Hast und Intensität — das Tempo der Zeit wird auf diese Weise treffend dargestellt — daß man, so man am Thema interessiert ist. nicht ioskommt, vor die Diskussion, das heißt das Buch zu Ende ist. Die Diskussionsredner, will sagen die Personen des Romans sind neben dem eigentlich recht mißlungene Helden, dem Baron Ferdinand Drzic, der völlig passiv ist und nur die Aufgabe zu haben scheint, anzuhören, was ihm die anderen sagen, der Zionist Dr. Beer, der Berufsantisemit Neitlinger und etliche Gelegenheitsantisemiten. Noch ein paar Personen, Vater und Großvater des Helden und sogar dessen Geliebte und schließliche Gattin spielen eine recht nebensächliche Rolle. Viel wichtiger ist Jason, der Typ des erfolgreichen, skrupellosen Geldjuden, der selbst zwar nicht handelnd auftritt, von dem aber immer wieder erzählt wird. Jason macht alles. Jason macht den Krieg, Jason wird den Frieden machen. Jason macht Österreich, denn er kauft und kauft und kauft. Jason hier und Jason dort und überall. So raisonniert der Antisemit Heitlinger. Dieser Jason bekennt sich! im Testament als natürlicher Vater des anscheinend urarischen Helden, macht ihn zu seinem Universalerben und zwingt ihn damit zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Judentum. Das geschieht nun in Gesprächen mit dem adeligen Großvater, dem offiziellen Vater, dem Antisemiten Heitlinger (übrigens sind die Antisemiten mit dieser Figur miserabel behandelt) mit einer Fürstin, einem Domherrn und noch etlichen Ariern, am stärksten und häufigsten aber mit dem Zionisten Dr. Beer, den Ferdinand als Regimentsarzt im Felde schätzen lernte. Bahr bildet eine rühmliche Ausnahme unter den Allzu vielen, Juden und Christen, die freundlich und viel öfter feindlich über die Judenfrage schreiben. Jeder nimmt sich ein Urteil heraus. Je weniger er davon versteht, um so lauter und bestimmter pflegt das Urteil zu sein. Da ist wenig Unterschied zwischen Juden und Christen. In irgend einer anderen Sache wird sich ein anständiger Mensch nur dann öffentlich äußern, wenn er sie einigermaßen genau kennt. Bloß bei dem doch warhaft nicht einfachen Judenproblem bilden sich die meisten ein, ihr von keinerlei Sachkenntnis getrübtes Urteil abgeben zu müssen. Hermann Bahr bildet, wie gesagt, eine der wenigen Ausnahmen. Er hat sich offenbar mit der Judenfrage und mit dem jüdischen Problem in der europäischen Gesellschaft intensiv beschäftigt. Sein Urteil ist auf tiefe Sachkenntnis gestützt. Deshalb kommt dem, was er sagt, stärkste Aufmerksamkeit zu und deshalb verdient dieses Buch trotz seiner großen künstlerischen Mängel lebhaftes Interesse. Ob Bahr Antisemit ist oder Judenfreund? Das ist ebensowenig zu entscheiden, wie etwa bei Sombart oder Shakespeare. Die überempfindlichen Juden, denen es eine Beleidigung ist, wenn überhaupt vom Judentum, das zu verbergen sie bemüht sind, die Rede ist. Wenn etwa Sombart allmählich wirklich Antisemit geworden sein sollte, der er von vornherein nicht war, so ist es jenen Juden zu verdenken, die wir gar nicht besonders kennzeichnen brauchen. Es ist die große Gemeinde des Berliner Tagblatts oder der Neuen Freien Presse und ähnlichen „Judenblätter“, es sind die liberalen oder mit einem Bahrschen Wort, die Gesellschaftsjuden. Sie allerdings werden Bahr einen Antisemiten schimpfen, wie sie seinerzeit Sombart einen nannten; von ihrem Standpunkt aus mit Recht. Da sie jede jüdische Besonderheit leugnen, muß jeder ein Antisemit sein, der ihre Besonderheit betont und gar ihr unjüdisches, verwässertes Judentum so rücksichtslos geißelt, wie es Bahr hier tut. Er nennt sie die „Rotte Korahs“ und läßt den Zionisten Beer sehr bemerkens- und beherzigenswerte Worte über sie sagen, beherzigenswert vor allem für diese — sagen wir liberale Juden, auch wenn sie manche Übertreibung enthalten mögen. Ich lasse zwei besonders bemerkenswerte interessante Absätze*) folgen, die ein Bild von der Art der Auseinandersetzungen geben, die das Buch füllen. Eines hätte Bahr nicht passieren dürfen, trotzdem es ja an Übertreibungen in seinem Buche überhaupt nicht fehlt: daß der offensichtlich mit viel Liebe gezeichnete Zionist Dr. Beer ein blutiger Chauvinist würde, mit Herrschgelüsten über die anderen Völker. Bahr müßte eigentlich wissen, daß es so etwas im ganzen Zionismus nicht gibt, dazu kennt er den Zionismus seit Herzl viel zu gut. Er hat ja in der Gedenknummer dieses Blattes zum zehnjährigen Todestag Herzls — das ist nun gerade 5 Jahre her — selbst Zeugnis davon gegeben. Und seit Herzl ist ihm sicher kein Zionist *) Wegen Platzmangel erscheinen die Auszüge erst in unserer nächsten Nummer.