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Das jüdische Echo · 1919-05-30 · 22 (30.5.1919) · p. Seite 257

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 257 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 Das Jüdische Echo 257 Doch' gar bald wurde Vater, Mutter und Volk in den kleinsten Winkel seines Herzens gestellt. Die Welt hat ihm größere Ideale geboten. Es galt die ganze Menschheit zu erlösen. Er war ein Menschenkind wie jedes und hatte Pflichten gegen sie und Rechte auf sie. Und er kämpfte einen heißen Kampf von zwanzig langen Jahren. Seine Liebe zu der Menschheit glich einer weichen Melodie. Doch begann sie allmählich tönern zu klingen, weil mit harter Hand die Enttäuschung an die feinen Saiten griff. Da kam es plötzlich über ihn. Es war in einer Frühlingsnacht, beim Duft eines Fliederbaumes, wie er vor seinem Elternhaus jährlich blühte, da erwachte Heimweh in ihm. Und ehe die zweite Sonne am Himmel verschwand, war er im Städtchen. Vater und Mutter sind längst schon tot. Wie ein Fremder geht er durch die Straßen. Kein Gesicht begrüßt ihn, alle blicken ihn nur neugierig an und ihre Augen fragen. Was will er und wer ist er? Er sucht die Häuser auf, wo seine Freunde gewohnt haben, er findet sie nicht. Die Häuser sind höher und die Straßen sind länger geworden. Er besucht die Spielplätze seiner Kindheit, aber auch diese sind ihm fremd. Plötzlich stockt sein Fuß. Ein Häuschen erkennt er wieder, hier wohnte doch seine Riwkele? Hatte er nicht versprochen wiederzukommen, sie zu holen und in die große Welt zu führen? Wie wird sie auf ihn gewartet haben und er hatte alles vergessen. Da geht die Türe auf und eine magere Frau mit einem Kind auf dem Arm, zwei an der Hand, tritt heraus. „Ist das sie, meine Riwkele?“ Von der man gesagt hatte, daß sie tanze, wenn sie gehe, so zierlich waren ihre Schritte. Konnte Jugend so schnell altern? Auch ihre Augen erblicken ihn und streifen kalt vorüber. Auch sie hat ihn nicht erkannt. Wohl ist er ihrem Gedächtnisse schon längst entschwunden durch den Kampf mit der Not. Die Sonne geht unter und die Nacht senkt sich auf das Städtchen. Ein paar verängstigte Gestalten mit bleichen Gesichtern huschen an ihm vorüber. Dann wird1 es ganz still um ihn. Er steht an eine Mauer gelehnt, die Hände in den Taschen und blickt verlassen nach den Sternen. Nun hatte er auch das einzige Plätzchen auf Erden, das er so ganz sein genannt, verloren und zum erstenmal fühlt der Jude in ihm die Heimatlosigkeit. Ein Frösteln durchrieselt ihn. er will fort in die große Welt, in seine zweite Heimat. Er gehört nimmermehr hierher. Schon will sein Fuß eilen, als er gebannt am Platze haften bleibt. Ein Lied erklingt aus einem Gäßchen. zwei Mädchenstimmen singen es mit einer stillen Wehmut. Es ist ein altes Lied. Die Mutter hat es gesungen an seiner Wiege und die Großmutter hat an seiner Mutter Wiege es gesungen. Wie ein Ruf der Begrüßung klingt es ihm aus diesem Liede entgegen. Zärtlich kommt es zu ihm und küßt ihm die ganze Bitterkeit von der Seele. Ja. fast eine Träne schleicht sich in sein Auge und sein Herz erbebt, wie von teuerer Hand liebkost. Vor seinen Augen erscheinen die bleichen Gesichter, die verängstigten Gestalten, die er im Städtchen gesehen. Und olötzlich erkennt er sie alle wieder und er sieht, daß die Not sie unkenntlich gemacht hat. Er krampft die Hände und es ruft in seinem Innern: Treuloser. Du hast Dein Wort nicht gehalten! Der ganzen Menschheit wolltest Du Deine Liebe schenken, die nicht darnach verlangt und Dein Volk verging in Sehnsucht nach einem Helfer .— Längst ist das Lied verklungen. Die Sterne sind fast verblaßt und noch immer schreitet er im Städtchen umher. Er will nicht den Morgen verschlafen, er will der Erste sein, der sein Volk mit der erwachenden Sonne begrüßt. Gemeindenu. Vereins-Echo (Untere Ltter sind zur Elntentfung von Mitteilungen tut Gemeinden und Vereinen und von Pertenelneohrlohttn, die In dleten 8ptlten gerne Aufnahme linden, höfllohet eingeladen.) Günzenhausen. Während der „Jüdischen Woche“ fanden hier drei Vortragsabende mit folgenden Themata statt: 1. Die Notwendigkeit der Berufsumschichtung bei den deutschen Juden. (Ref.: cand. med. Moses Gutmann.) 2. Wie können die drei letzten Haphthoras des Pesachfestes uns Trost und Stütze sein? (Ref.: Zahnarzt J. Wolff.) 3. Und das Krumme wird gerade. Die Geschichte eines Menschen von Agnon. (Ref.: Dr. med. Karl Rothschild.) Den Kindern wurden jüdische Märchen von Irma Singer, Geschichten von Perez und Scholem Alechem vorgetragen. In dem ersten Vortrage wies Herr cand. med. M. Gutmann darauf hin, daß produktive Arbeit, d. b. Ackerbau und Handwerk körperliche und sittliche Kräftigung des Judentums bedeuten würden. Außerdem zwingt schon die Notlage des deutschen Wirtschaftslebens die Allgemeinheit, sich mehr den vorgenannten Berufen zuzuwenden. Dieser Vortrag wußte das zahlreich erschienene Publikum so zu fesseln, daß es zur Gründung eines Komitees kam (Sekretariat Frl. Gerst), welches es sich zur Aufgabe macht, jungen Leuten bei der Wahl eines Berufes mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Um nun erfolgreich arbeiten zu können, setzt sich das Komitee mit dem jüdischen Arbeitsamt in Berlin in Verbindung, um über offene Stellen und Bewerber für dieselben auf dem Laufenden zu sein. Es sollen jedoch nur Stellen für solche Leute vermittelt werden, die auf Heiligung des Sabbaths reflektieren. Nachdem anzunehmen ist, daß sich auch in anderen Städten solche Komitees gegründet haben, oder doch in nächster Zeit gegründet werden, wäre es angebracht, wenn sich dieselben alle zusammenschließen würden, denn gleiche Interessen und gleicher Wille führen zum gleichen Ziel. Herr R. Seeberger und Herr Zahnarzt Wolff gingen mit gutem Beispiel voran und stellten ihre Grundstücke, für solche junge Leute zur Verfügung. die sich im Gartenbau einstweilen praktisch betätigen wollen. Sollten genügend Interessenten vorhanden sein, so kann damit gerechnet werden, eine jüdische Landwirtschaftsmit Haushaltungsschule für Bayern ins Leben zu rufen. Die Gemeinde Gunzenhausen würde sich glücklich schätzen, dieselbe in ihren Mauern beherbergen zu können Stuttgart. Vergangene Woche sprach Herr Dr. Israel Taubes aus Lemberg in einem gutbesuchten Vortrage über die Judenfrage in Polen. Der Redner gab ein anschauliches Bild der politischen Strömungen im polnischen Judentum und der Haltung der Polen zur Judenfrage. Mit einem literarischen Abend im Oberen Museum schloß die von der Zionistischen Vereinigung in Stuttgart veranstaltete Palästina-Woche. Fräulein Lorma und Herr Marx vom Württ. Landestheater hatten sich zur Verfügung gestellt und lasen aus den Werken jüdischer Dichter Ernstes und Heiteres vor. Die beiden Vortragenden hatten sich gute, für sie günstige Stücke ausgesucht und ernteten herzlichen Beifall in der aufmerksamen Zuhörerschaft. Das Beste des Abends war die erschütternde Szene aus Stefan Zweigs Jeremias,

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