Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 16/17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9139994--02762-9075582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten ......... Nummer 16 u. 17 München / 6. Jahrgang 25. Äpril 1919 Pesach.*) „Das Fest unserer Befreiung:“ begehen wir. wie seit Jahrtausenden, wieder in diesen Tagen im Frühlingsmonde. Als „Erinnerung an den Auszug aus Ägypten“ feiert das jüdische Volk dies Fest, als ein Denkmal der Entsteh ung seines Volkstums. Nur kurz waren die Zeiten wirklicher Freiheit im Leben des jüdischen Volkes. Kein volles Jahrtausend Wechsel voller Stammes- und Volksgeschichte lag zwischen dem „Golus Mizraim“ und dem „Golus Babel“, das dem jüdischen Reich ein vorläufiges Ende setzte, und wenige hundert Jahre nur währte die Dauer des neuen jüdischen Gemeinwesens, zu1 dem Rückwanderer aus Babel den Grund gelegt hatten. Dann verjagten die Römer den Juden von seinem Heimatboden; über das ganze Gebiet des römischen Imperiums erstreckte sich das dritte Golus und es weitete sich im Laufe der Jahrhunderte über den gesamten Erdball. Und überall, wohin der Jude seinen unsteten Fuß setzte, um auf Jahre oder auf Jahrzehnte oder auf Jahrhunderte eine neue Heimat zu finden: an allen Orten der Diaspora wird seit lenen Tagen vom Volke Israel das Fest der ungesäuerten Brote begangen, in jedem Jahre neu am 14. des Frühlingsmonat am Abend das „Fest unserer Befreiung“. — So wach ist im jüdischen Volke der Gedanke geblieben, daß es jenem Ereignis der grauen Vorzeit heute noch sein Leben verdankt! Nicht bloß historische Erinnerung sind uns diese Tage. „In jeglicher Zeit ist der Jude verpflichtet, es so anzusehen, als ob er selbst aus Mizraim gezogen wäre“, sagt die Hagadah. Ein Bekennen soll die Pesachfeier sein für jeden Juden, und wer dem Kreise seiner Volksgenossen sich entfremdet hat, das lebendige Bewußtsein der jüdischen Gemeinschaft verloren hat, er wird als der Bösewicht am Sedertisch gebrandmarkt. Das Bekenntnis zum jüdischen Volke ist aufs Engste verknüpft mit dem Sehnen nach der Erneuerung des jüdischen Volkstums in der alten Heimat. Leschonoh habooh bejeruscholajim! In diesen Ruf heißen Verlangens klingt die Sederfeier aus; ertönte es durch all die Zeiten in jedem Jahr neu aus dem Munde der jüdischen Hausväter. Wir sind heute näher an der Erfüllung dieser Volkssehnsucht als jemals, seit Titus Vespasianus den Tempel in Asche gelegt. Der Rat der Völker wird Palästina, das alte Judenland, uns wieder geben, will das tausendjährige Unrecht sühnen, das uns als Volk geschehen ist. Und wieder werden Juden feiern das Pesachfest im Lande der Väter: als freies Volk das Fest der Volksbefreiung. Nicht alle Juden kann die alte Heimat fassen; viele, die Mehrzahl, werden weiter leben „zwischen den Völkern zerstreut“. Auch ihnen gewinnt das „Pessach Mizraim“ neuen Qehalt durch die *) Obenstehender Pesachartikel konnte leider infolge der Verhältnisse nicht mehr zu den Feiertagen in den Händen unserer Leser sein. Wir glauben aber, daß sein Inhalt auch jetzt noch von allgemeinem Interesse ist. Verknüpfung mit dem in Palästina sich entwickelnden jüdischen Geistesleben. Und mit anderen Gefühlen als heute wird dann auch der Golusjude am Sederabend sprechen: „dieses Jahr hier, im nächsten im Lande Israel“. Wahre Freiheit nur durch unser eigenes Volkstum und seine Erneuerung! Dies ist des Pesachfestes Grundgedanke. Er soll uns Wegweiser sein auch in den Wirrnissen dieser Tage. „In jedem Geschlecht stand man auf, uns zu verderben.“ „Geh hin und lerne daraus,“ sagt die Hagadah und ruft es unseren Zeitgenossen mit besonderer Eindringlichkeit zu. Weder Emanzipation, noch bürgerliche oder soziale Revolution haben den tausendjährigen Judenhaß erlöschen lassen. Im Völkerkrieg ist er zu neuer Glut entflammt worden, hat im Osten Hunderttausende in Tod und Elend getrieben und hat jetzt auch in Deutschland Formen angenommen, die wir noch vor Kurzem bei uns nicht für möglich gehalten hätten. Die Massenverhetzung durch Rede und Schrift, wie wir sie hier in den letzten Wochen erlebt haben,, sind uns ein trauriger Beleg für den oben zitierten Satz des Pesachbuchs. Da nützt nicht sachliche Widerlegung, noch aus tiefinnerster Empörung erwachsener Protest. Der Andere will ja nicht belehrt sein und spottet nur unserer Entrüstung: Eine bittere Erkenntnis, besonders für die Herren vom Zentralverein, deren dankbar anzuerkennendes ehrliches Bemühen so zur Erfolglosigkeit verurteilt ist. Was bleibt uns übrig: Resignation und Verzweiflung: mancher westeuropäische Jude weiß heute keinen Ausweg. Oder aber: Wir besinnen uns auf uns selbst, suchen und finden in unserem Judentum das, was uns aufrichtet und stärkt. Hierfür bieten die Pesachtage und die Erzählungen der Festabende Grundlage und Wegweiser. „Ze ulemad“ — „geh hin und lerne!“ Est. Lage und Aussichten palästinensischer Landarbeit. Einem Bericht der Landwirtschafts- und Kolonisations-Abteilung beim Zionistischen Palästina-Amt in Jaffa entnehmen wir folgenden Auszug: Das Landwirtschaftsamt muß jetzt nicht nur zur Aufstellung eines allgemeinen Planes für die Wiederbesiedlung Palästinas durch Juden vorbereitet sein, sondern auch Arbeitspläne für die ersten Jahre nach Friedensschluß ausarbeiten. Die folgenden Vorschläge beziehen sich auf die allernächste Kolonisationsperiode. Dichtere Siedlungen. Palästina bedarf im allgemeinen einer dichteren Besiedlung. Das Land ist bekanntlich nicht eine unbevölkerte Wüste, aber es ist nur schwach bevölkert und muß intensiver als bisher bevölkert werden. Das bezieht sich auch auf fast alle Gebiete, die während der letzten zehn oder zwanzig Jahre in jüdischen Besitz übergegangen sind. Die jetzigen jüdischen Kolonien und Farmen müssen