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Das jüdische Echo · 1919-04-04 · 14 (4.4.1919) · p. Seite 177

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
Seite 177 (sequence 5)
Language
German
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Das jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten illlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll!llllll|||||||||||||l|||||llll!l||llll|||]|ll|j||||f|||||||j||||||||||l||ll||||||||||||llll|[||||||||||||lll|[ Nummer 14 München / 6. Jahrgang 4. April 1919 Des nationalen Programms zweiter Teil. Der Umstand, daß die national-kulturellen Forderungen der jüdischen Volksminderheiten in den Verhandlungen der Friedenskonferenz vom 27. Februar nicht zur Vertretung gelangt sind, kann nur jene verwundern oder gar zu einer bewußten Mißdeutung verleiten, denen der Sinn für taktische Notwendigkeiten abgeht. So sehr man von der wahrlich kaum zu überschätzenden Lebenswichtigkeit der nationalen Rechte in den Gastländern und der grundlegenden — wir betonen dies Wort — Bedeutung des „Gegenwartsprogramms“ erfüllt sein mag, man wird doch kaum verkennen können, daß die Palästinaforderung schlechthin das Zentrale und Bestimmende ist. Man wird aber gleichzeitig begreifen, daß die Verwirklichung dieses Hauptbestandteils und Kerns unseres nationalen Programms weit größeren Schwierigkeiten und Hindernissen ausgesetzt ist Wäre eine Sonderbehandlung des Palästina-Anspruches schon aus diesem Grunde wohl gerechtfertigt, so mag indessen noch ein anderes Moment für dieses Verhalten ausschlaggebend gewesen sein. Für den Zionisten gibt es zwischen den beiden Hauptsätzen unseres nationalen Forderungsprogramms, zwischen dem Ausspruch auf die nationale Heimstätte und auf nationale Rechte im Galut sicherlich keinen Widerspruch. Es bedarf auch ohne Zweifel eines spitzfindigen, allzuspitzfindigen Formalismus, um einen derartigen Gegensatz überhaupt zu konstruieren. Die Sachwalter des jüdischen Volkes auf der Friedenskonferenz hatten indessen sehr wohl zu der Befürchtung Grund, daß sich diese absolute Verträglichkeit, ja gegenseitige Bedingtheit beider Forderungen den nichtjüdischen Faktoren nicht ohne weiteres als selbstverständlich ergeben würde. Den Sachwaltern des jüdischen Volkes auf der Friedenskonferenz dürfte überdies schwerlich jene verräterische Gegenaktion der Assimilation, jener schmähliche Anschlag auf die Volkssache unbekannt geblieben sein, wie er von Lucien Wolff unter wirksamer Sekundanz der französischen Allianceleute leider nicht ganz erfolglos unternommen worden ist. Lucien Wolffs dem „Zehnmännerrat“ überreichte „Denkschrift“ gipfelte bekanntlich in der Forderung bürgerlicher, keineswegs nationaler Gleichberechtigung für die jüdischen Minderheiten im Osten. Sein Komplize Levy in Paris scheute denn auch nicht vor der Ungeheuerlichkeit zurück, den zionistischen Wortführern auf der Friedenskonferenz den Vorwurf entgegenzuschleudern, sie beanspruchen für die Juden ein „doppeltes Bürgerrecht.“ Unter diesen Umständen war es unzweifelhaft ein Gebot diplomatischer Klugheit, die beiden Teilforderungen auseinanderzuhalten und getrennt zu behandeln. Die gleichzeitige Erörterung des an sich schon höchst komplizierten, weil in die inneren staatsrechtlichen Verhältnisse einer ganzen Reihe anderer selbständiger Völker eingreifenden Autonomieproblems hätte unzweifelhaft die erfolgreiche Austragung der Palästinafrage ungemein erschwert, ja, den Erfolg unter Umständen in Frage gestellt. Bei aller Würdigung der taktischen Momente möchten wir jedoch die lebhafte Erwartung aussprechien, daß die Frage der Sicherstellung der nationalkulturellen Rechte der Juden überall dort, wo sie beansprucht werden, recht bald zum Gegenstand der Verhandlung mit den maßgebenden politischen Faktoren werden wird. M o t z k i n s eindringliche Eröffnungen in der zweiten Sitzung der Londoner Konferenz haben den Erfolg gehabt, daß er selbst und der bekannte russische Zionist R o s o w mit der Einleitung von Verhandlungen in dieser Richtung beauftragt wurden. Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, daß gerade in dieser Beziehung mit leider ungenügendem Eifer vorgegangen wird. Grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten sind ja hinsichtlich der Autonomieforderung kaum in die Erscheinung getreten; auch die extremsten „Galutverneiner“ — zu ihnen zählt ja auch Ussischkin selbst — haben wohl inzwischen umgelernt. In den galutverneinenden Köpfen ist wohl in den letzten lehrreichen Zeitläuften die Erkenntnis aufgegangen, daß der Galut und die Lebensformen und Werte des Galut keine vorübergehenden Erscheinungen, sondern etwas historisch Gewordenes und Bleibendes sind. Die „Galutverneinung“ von jener resoluten, ebenso schnellwie leichtfertigen Art ist heute endgültig erledigt. Von der Nichtverneinung bis zur Bejahung scheint indessen mehr als ein Schritt zu sein. Der Zionismus, der die Autonomieforderung wenn auch nicht als erster ausgesprochen — die „Gegenwartsarbeit“ wurde allzulang umstritten — so doch diese Forderung am wirksamsten proklamiert hat, wird bald den Weg der wirklichen Bejahung des Galutproblems beschreiten müssen, der Bejahung, die Tat ist und Verwirklichung. Als das Baseler Programm entstand1, waren sich seine Schöpfer darüber klar, daß es nicht etwas Fertiges und Abgeschlossenes darstellt, sondern vielmehr Keime neuer Entwicklungen in sich birgt. Als der russische Zionismus um 1906 die Forderung nationalkultureller Rechte im Galut in jenem denkwürdigen „Helsingsforser Programm“ festlegte und die Zionisten Galiziens im gleichen Jahre auf der Krakauer Konferenz unabhängig von der Aktion der russischen Zionisten, wohl aber unter ähnlichen innerpolitischen Gestaltungen, die gleichen Grundsätze aufs Schild hoben, bedeutete diese Tat den organischen Ausbau des nationalen Programms. Das Baseler und das Helsingforser Programm, zeitlich durch den Zwischenraum eines Jahrzehntes getrennt, sind doch Zwillingsbrüder. Einander ergänzend, bilden sie eine organische Einheit. Es wird, glauben wir, dem nächsten Kongreß Vorbehalten sein, diese unverbrüchliche Einheit des nationalen Programms auch in der Form nach außenhin zu dokumentieren, indem das Baseler und das Helsingforser Programm zu einer neuen, umfassenden Formel verschmolzen werden. Der Zionismus von heute erstrebt für das jüdische

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