Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 81 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Das Jüdische Echo 81 fahr läge auch darin, daß es später fortgesetzt zu einer Rivalität zwischen England und Frankreich kommen dürfte und die Juden hiebei arg in Mitleidenschaft gezogen werden müßten. In den Kreisen der Alliierten gibt man sich keiner Täuschung über die Schwierigkeiten hin, die die Lösung des türkischen Problems bereiten müßte und es ist nur begreiflich, daß man einen Ausweg sucht, um einen Konflikt zu verhüten. Dieser Ausweg soll zunächst darin bestehen, daß man die definitive Entscheidung über das Schicksal der ehemals türkischen Gebiete (Mesopotamien, Syrien und Palästina) der Ingerenz der Friedenskonferenz enziehen und dem zu bildenden Völkerbunde überlassen will. Eine diesbezügliche Nachricht machte auch jüngst die Runde durch die Presse. Ob dies für die Juden einen Vorteil oder einen Nachteil bedeuten würde, läßt sich vorläufig nicht feststellen. Immerhin werden die Juden tun gut, die Sache nicht aus dem Auge zu lassen, um unangenehme Überraschungen zu verhüten. Viel kompliziertar stellt sich die Sache hinsichtlich der Ostjudenfrage dar. Die Lösung der Ostfragen an und für sich bildet für die Friedenskonferenz die härteste Nuß, die sie zu knacken haben wird. Heute ist man sich noch nicht darüber klar, in welcher Weise es gelingen könnte, dieses Problem zur allseitigen Zufriedenheit zu bereinigen. Mit Rußland wissen sich die Westmächte gar keinen Rat und auch die südslavische, die rumänische, die polnische und die ukrainische Frage bieten große Schwierigkeiten. Ob es möglich sein wird, angesichts dieser allgemeinen Komplikationen die Ostjudenfrage auf den richtigen Leisten zu setzen, ist sehr fraglich. Die Sache ist um so komplizierter, als bekanntlich sowohl die Polen, als auch die Rumänen — die beiden hauptsächlich in Betracht kommenden Faktoren — sich alle Mühe geben, um eine positive Stellungnahme' der Friedenskonferenz zur Judenfrage in ihren Staaten zu hintertreiben. Sie sind jetzt sehr freigebig mit Versprechungen, um es nur nicht dazu kommen zu lassen, daß auswärtige Faktoren sich eine Ingerenz auf die Gestaltung ihrer innerpolitischen Verhältnisse sichern. Deswegen wird man trotz aller Erwartungen und Hoffnungen gut tun, sich keinen Illusionen hinzugeben. Es ist nicht ausgeschlossen, daß man auch diese Angelegenheit der Kompetenz des Völkerbundes zuweisen wird. Dann wird es aber darauf ankommen, ob und wann, respektive in welcher Form dieser Bund eben ins Leben treten dürfte. I. G. Die jüdischen Forderungen auf dem Sozialistenkongreß. Aus Bern wird vom 8. Februar telegraphiert: Im Verlauf der heutigen Nachmittagssitzung stellte Berl Locker (vom Verbandsbüro der allweltlichen jüdisch-sozialistischen Partei „Poale-Zion“ Stockholm) die Forderungen der jüdischen Sozialisten dar. Er stellte den Antrag auf Fassung folgenden Beschlusses: Die Konferenz anerkennt den internationalen Charakter der Judenfrage und fordert in Anwendung der allgemeinen Grundsätze des Selbstbestimmungsrechtes ihre Regelung auf folgender Grundlage: 1. Völlige bürgerliche Gleichberechtigung in allen Ländern und internationalen Schutz gegen physische Verfolgung und wirtschaftliche Bedrückung. 2. Freiheit der Einwanderung und Ansiedlung in allen Ländern. 3. Nationale Selbstverwaltung und nationale Gleichberechtigung in allen Ländern. 4. Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina unter dem Schutze des Völkerbundes. Die Konferenz gibt der tiefsten Empörung gegen die in den letzten Monaten stattgefundenen entsetzlichen Pogrome Ausdruck und fordert die Arbeiterklasse auf, gegen die Äußerungen des Antisemitismus und Chauvinismus anzukämpfen. Endlich fordert der Antrag die Regelung der Judenfrage in Rumänien auf der Grundlage der sofortigen uneingeschränkten ausnahmslosen Naturalisierung aller Juden in Rumänien. Am Mittwoch, den 5. Februar, sprach Locker, der zugleich Mitglied der vom Kongresse eingesetzten „Nationalitätenkommission“ ist, unter großer Aufmerksamkeit des gesamten Kongresses bei der Völkerbund-Debatte für einen Gerichtshof, der nationale Angelegenheiten behandeln soll, und begründete dann weiterhin die jüdischen Forderungen. Rudolph Cohn aus Prag, ebenfalls ein De? ^i rter der Poale-Zion, verlas dann den gemeinsamen Antrag der Poale Zion und der Armenier auf Schaffung eines Nationalitäten ge richtsh o f s. Der Kongreß nahm im Rahmen seiner Völkerbundsresolution den Antrag Huysmans an, wonach der Völkerbund den nationalen Minderheiten ein Minimum von Rechten garantieren müsse, wobei ausdrücklich der Antrag der Poale- Zion als Kommentar bezeichnet wurde, das im Protokoll mit zu veröffentlichen ist. Die jüdischen Palästinaforderungen werden in einer späteren Sitzung behandelt werden. Wahlen zum „Sejm“ in Polen. Sonntag, den 26. Januar, fanden in Polen und Westgalizien — in Ostgalizien ist wegen der Kämpfe mit den Ukrainern vorläufig die Wahl verschoben — Wahlen zum konstituierenden Landtag statt. Trotz raffiniertester Wahlkreisgeometrie und unglaublicher Schikanierung der jüdischen Wähler — so wird den Juden an sehr vielen Orten das Stimmrecht vorenthalten, weil sie durch ihre Bekennung zur jüdischen Nationalität angeblich Ausländer geworden sind — haben die Juden Chancen 10—20 Kandidaten durchzubringen. Leider bekämpften sich die verschiedenen jüdischen Parteien ungemein heftig, was bei dem in Polen und Galizien eingeführten Verhältnis-Wahlrecht zu großer Zersplitterung der Stimmen und zum Verluste vieler jüdischer Mandate führen muß. Es gibt z. B. in einzelnen jüdischen Städten mehr jüdische Kandidatenlisten als christliche. Fast überall haben die Zionisten, Poale-Zionisten, jüdischen Sozialisten, Volksparteiler und Orthodoxen besondere Listen aufgestellt. Obwohl Koppelung der Listen gestattet ist, konnten sich die verschiedenen jüdischen Parteien in den meisten Orten auch dazu nicht entschließen. Es erweckt beinahe den Anschein, daß verschiedene Parteien es vorzögen, daß ein Pole gewählt würde, als ein, einer anderen jüdischen Partei angehörender Jude. Aus Wien wird ergänzend gemeldet: In Krakau wurde von den Zionisten Dr. Osias Thon, in Warschau Nomberg und Hirschhorn von der Jüdischen Vol'kspartei und Grünbaum von den Zionisten, in Tarnow der Zionist Dr. Ing. Schipper in den polnischen Sejm gewählt. Polen ist gegenwär-