Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Das Jüdische Echo 31 wie noch nie seit der Zeit der großen Flut. Mehr als irgend eines der Völker haben unsere Brüder im Osten von den Leiden, Qualen und Wunden des Krieges zu tragen gehabt. Hunderttausende von ihnen wurden von den Stätten ihrer Heimat verjagt und vertrieben und abgesehen von den eigentlichen Opfern des Krieges mußten sie außerdem noch Raub, Mord und Plünderung über sich ergehen lassen. Nun, da die Kriegsfackel erloschen und dem Würgeengel Einhalt geboten war, durften wir hoffen, daß auchdas Blutvergießen ein Ende haben wird. Aber wie bitter wurden wir enttäuscht! Mit Schaudern und Entsetzen haben wir es vernommen, was dort geschehen ist, was wir in unseren Tagen nicht für möglich hielten. Es liest sich wie eine Chronik aus dem finstersten Mittelalter, wie einer der Trauerpsalmen aus alter Zeit. Laut wollen wir klagen und trauern um diese unschuldigen Opfer barbarischer Wut. Und es ist die Pflicht der ganzen Gemeinde Israels laut ihre Stimme zu erheben, daß es die Mächtigen der Erde hören sollen. Sie, in deren Hand heute die Geschicke der Völker liegen, die daran gehen, die Grenzen der Länder neu abzustecken, sie haben die Macht und die Pflicht solchen Frevel zu ahnden, solchen Grausamkeiten für die Zukunft vorzubeugen. Ein Volk, welches mit seiner neu gewonnenen Freiheit solchen Mißbrauch treibt, hat das Recht verwirkt, in die Gemeinschaft der zivilisierten Völker aufgenommen zu werden. Damit allein haben wir unserer Schuldigkeit noch nicht genug getan. Es muß auch noch die Tat dlazu kommen. Wir müssen das Opfer des Ewigen darbringen, jeder nach Maßgabe seines Könnens um die entsetzliche Not der Hinterbliebenen, der Beraubten und Ausgeplünderten zu lindern. Der Notruf aus dem fernen Osten soll im Herzen der Brüder, die im Westen wohnen, einen kräftigen Widerhall finden. Wir wollen damit Zeugnis ablegen, daß die Scheidewand, die von gewisser Seite zwischen uns und unseren östlichen Brüdern aufgerichtet werden möchte, für uns nicht besteht. Für uns, die wir hier versammelt sind, und die Glaubensbrüder in unserer Stadt liegt eine besondere Veranlassung vor, gerade in diesen Tagen unser Gemeinschaftsgefühl mit unseren östlichen Brüdern durch Wort und Tat laut und kräftig zu betonen. Zur Zeit, als diese Greueltaten geschahen, in der Woche, in welcher wir das, Vermächtnis des Stammvaters, die Elrmahnung an seine Kinder und seine Nachkommen, „schließet Euch zusammen, seid einig“ vernommen haben, wurde hier in einer Tageszeitschrift ein Schreiben veröffentlicht, in welchem unseren bittersten Feinden Beifall gespendet und Dank gezollt wird, weil sie gegen unsere eingewanderten Brüder Haß und Feindschaft predigen. Die galizischen und polnischen Juden werden dort mit Schmähungen und Beschimpfungen reichlich bedacht. Der Schreiber soll ein Jude sein. Wir wollen absehen von der Torheit und Verblendung, die darin liegt; denn wenn das Nachbarhaus brennt, ist auch das unsere gefährdet. Davon wollen wir nicht sprechen. Der ungenannte Schreiber erdreistet sich aber im Namen aller ortsansässigen deutschen Juden zu sprechen. Dies muß uns die Schamröte ins Gesicht treiben; dagegen erheben wir laut und nachdrücklich den allerschärfsten Einspruch. Wer solches kund gibt, der ist ein „Masar“, ein Verleumder, ein Angeber, und was einem solchen gebührt, ist uns bekannt. Das Mindeste ist die Verachtung aller Redlichdenkenden. Mit einem solchen wollen wir nichts gemein haben. Jedes wahrhaft jüdische Herz muß eine solche Zumutung als Schmach und Schande empfinden. Wir wollen lieber miteinander leiden als uns gegenseitig anklagen. Das ist nicht jüdische Art und solches ist nie geschehen und soll nie geschehen in Israel. „Volk und Land“ Unter diesem Titel erscheint soeben im Welt- Verlag, Berlin W 35, eine neue „jüdische Wochenschrift für Politik, Wirtschaft und Palästina-Arbeit“. Die von Davis Trietsch herausgegebene Zeitschrift will, wie sie in ihrem Programmartikel sagt, den Wiedereintritt der Juden in die Weltgeschichte in ernster Mitarbeit begleiten. In ihr sollen „Volk und Land“ — d. h. die gesamte jüdische Welt und ihre großen Wander- und Siedelungsbewegungen in Palästina und anderwärts — behandelt werden. Von allen bisherigen jüdischen Zeitschriften unterscheidet sie sich dadurch, daß weder religiöse noch parteipolitische, weder literarische noch allgemein kulturelle, sondern lediglich wirtschaftliche, politische und soziale Interessen — also Fragen der Judenheit, nicht des Judentums, ihre Erörterung finden werden. Aus der Jüdischen Welt Palästina. Bericht aus Palästina. Die jüdischen Evakuierten beginnen allmählich zurückzukehren und die Kolonien wieder zu besetzen. „Petach Thikwa“, das zum Glück nur wenig gelitten hat, ist fast wieder bewohnt. Dagegen haben die Kolonien „Kfar Saba“, „Kfar Mala“ und „Ein Ganin“ sehr große Schäden aufzuweisen. In Kfar Saba sind außer einigen wenigen Häuserreihen nur zwei Mandelgärten heil geblieben. In Ein Ganin sind alle Häuser demoliert, die Gärten je^ doch unbeschädigt. In Kfar Mala sind das Arbeiterheim, die Motorgebäude und einige Stallungen zerstört. Das rasche Zurückströmen der Flüchtlinge hat besonders wohltuend auf das Schulwesen eingewirkt. Prof. Schatz ist mit viel Freude empfangen worden, ebenso Salomon Schiller, der Leiter des Gymnasiums in Jerusalem. Von den neuen Lehrkräften hat Dr. Lurie das Inspektorat über den hebräischen Unterricht übernommen, während Isak Epstein als provisorischer Leiter des Lehrerseminars fungiert, bis David Jelin, der in der Evakuierten-Fürsorge tätig ist, seinen Posten wieder übernehmen wird können. Auch das Volkshaus in Jerusalem ist wieder eröffnet. In den Kolonien sind jüdische Steuerbehörden und jüdische Polizei eingesetzt. Im höchsten Gerichtshof sind von 5 Richtern 3 Juden. Die Korrespondenz mit den Behörden darf auch in hebräischer Sprache stattfinden. Im Gegensatz zu den Goluthländern, wo während des Krieges das hebräische Schrifttum darnieder lag, blühte in Palästina sowohl die schöngeistige Literatur (Sammlung der Poesien „Tmol“ von Barasch u. a.) wie auch die wissenschaftliche (Interpretation des Buches „Hiob“, hebräische Handbücher für die Mittelschulen und ähnliche).