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Das jüdische Echo · 1918-11-08 · 45 (8.11.1918) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. — V erlag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr. 4. — Redaktion i. V.: Meta Moch, München. mw/mmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 45 München / 5. Jahrgang 8. November 1918 Pogrome in Polen. Mit jüdischem Blute soll Polens Freiheit besiegelt werden. Am 14. Oktober feierte Polens Hauptstadt das Fest der nationalen Auferstehung und der Wiederaufrichtung des vereinten Reiches. Fahnen und Wimpeln flatterten überall, und auf den Straßen und Plätzen scharten sich unübersehbare Menschenmengen zu feierlichen Prozessionen zusammen. Reden, feierlich und klangvoll, wurden auf die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Völkerverbrüderung gehlalten, Loblieder auf Amerikas Präsident, Wilson, angestimmt. Da erreichte der Zug eine arme Judengasse. Chlodna- Gasse, eng und düster, Heimstätte des Elends, jenes Warschauer Judenelends, das noch kein Namen genannt. Blasse Judenkinder wurden sichtbar, in den letzten Strahlen der Herbstsonne spielend, gebeugte Greise, Männer und Frauen, des Daseins schwere Bürde tragend. Bedachtlos, aus jäh aufwallendem Trieb, überfiel die freiheitsberauschte Menge die friedlich ihres Weges wandelnden Juden, sie aufs grausamste mißhandelnd. Und der erste, richtige polnische Pogrom wurde Ereignis. Am ersten Tage polnischer Freiheit und polnischer Völkerverbrüderung. Die polnische Stadtmiliz, an die sich die Juden hilfesuchend wandte, lehnte jedes Eingreifen mit dem Hinweis ab, daß sie an diesem Festtage anderweitig voll in Anspruch genommen wäre. Die Erörterung eines in der nächsten Sitzung des Warschauer Stadtrates, am 17. Oktober, von einem jüdischen unparteiischen Ratsmann gestellten Antrages an den Magistrat, er möge gegen die andauernde Judenhetze einschreiten, wußte der Vorsitzende zu verhindern. Auf das improvisierte Vorspiel der Chlodna- Gasse folgte eine Woche darauf ein ganz programmatisch durchgeführter, wohlorganisierter Juden-Pogrom. Auf dem Kercelli-Platze wurden die dort stationierten jüdischen Händler von einem bewaffneten Haufen überfallen, blutig mißhandelt und ausgeplündert. Jüdische Läden und Häuser wurden erbrochen und demoliert. (Jüdische Kaufleute wurden von polnischen Geschäftsfreunden gewarnt, den Platz an diesem Tage zu betreten!) Die von allen Seiten alarmierte Miliz erschien endlich auf der Bildfläche, worauf der Mob sich zurückzog. Als jedoch, trotz dringender Vorstellungen, die Miliz kurze Zeit darauf den Platz verließ, da kehrte bald der Mob zurück und setzte die Plünderungen und Mißhandlungen systematisch und ungestört bis zum Abend fort. Eine gewaltige Empörung hat sich der jüdischen Massen bemächtigt. Denn es sind keine Zufallsereignisse, sondern systematisch betriebene und begünstigte Arbeit. Darauf deuten frühere Vorgänge und Begleiterscheinungen, dies beweist aufs deutlichste die ganze Haltung der polnischen Öffentlichkeit und ihrer berufenen und verantwortlichen Organe. Pogromaufrufe und Hetzreden werden bereits seit Monaten im Volke verbreitet, und der Hetzbetrieb wurde unmittelbar vor den letzten Ereignissen noch gesteigert. Und die polnische Presse, die alles sah und wußte, schwieg energisfchl Die polnische Geiseiiscihaft bewahrte tiefste Gleichgültigkeit. Jetzt aber, nachdem die Drachensaat des Hasses und der Verhetzung blutige Früchte gezeitigt hat, hüllt sich der sonst so geweckte Regentschaftsrat, Polens höchste Behörde, in den Schleier der Ahnungslosigkeit, der Warschauer Stadtrat befleißigt sich der bewährten Taktik des Totschweigens. Die polnischen Parteien verharren in einer interessierten, ja animierten Zuschauerhaltung. Die polnische Sicherheitsbehörde macht sich einer offenkundigen Duldung der Pogrome schuldig. Die polnische Presse endlich vertuscht geflissentlich den wahren Sachverhalt und beschönigt Tat und Täter, im übrigen läßt sie sich auch fernerhin von fortgesetzten giftigen Ausstreuungen gegen die „Fremden“ nicht abhalten und findet auch in ihren „fortschrittlichsten“ Organen kein Wort des Einspruchs und der Zurechtweisung. Und dies in den Flitterwochen der polnischen Freiheit, der Freiheit, die eine halbe Welt im Namen der Völkergerechtigkeit und Völkerverbrüderung einem ohnmächtigen Volke als Morgengabe darbringt. Dies am Vorabend der Friedenskonferenz, auf der die Schicksalswürfel der großen und kleinen Völker fallen werden. Auf dem Altäre der Freiheit Polens wurden jüdische Blutopfer dargebracht, und die Priester des Menschen- und Völkerhasses lassen laut ihren Ruf erschallen: „Es lebe die Völkergerechtigkeit und die Völkerfreiheit!“ „Tod den Juden!“ — * * * Die Vorgänge in Polen haben die polnische Judenfrage und darüber hinaus das gesamte polnische Nationalitätenproblem in aller Schärfe aufgerollt. Sie sind dazu angetan, nicht nur denjenigen, die entgegen aller Gerechtigkeit und Wahrheit bisher auf dem Standpunkt verharrten, das Kongreßland bilde einen Nationalstaat, sondern auch denen, die bei aller Anerkennung des nationalitätenstaatlichen Charakters Polens, die Rechtsfrage der Volksminderheiten doch von der polnischen Mehrheitsnation selbst gelöst wissen wollten, gewaltsam die Augen aufzureißen. Die deutsche Ostpolitik, deren Grundsatz die Grundsatz-

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