Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102973-9138411--02359-9075181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vn, , " m 18 inki nütanfe ^IitiiiJljc &»Mh fcifyajsn; Btrtoftrrt, j^; :*mr ■wlhtfcta tos nririnlKR die 9> Kriegsanli ober des Jato 0, Uhr i\i HiirnbfirQ II ung; •o* ***£& >5J‘ Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. ,Bezug: Durch die Postanstalten oder < den Verlag — Bezugspreis: : Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.-, Ganz].!M.4.—, Einzelnummer 10 P!.— Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— siifSwillitg. Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 40 München / 5. Jahrgang 4. Oktober 1918 Nationaljüdischer Jugendtag. Vom 6. bis zum 8. Oktober wird in Berlin ein national!üdis.cher Jugendtag stattfinden. Ein Ereignis von unschätzbarer Bedeutung! Seit Jahren gärt und wühlt es in den Herzen der jungen deutschen Juden. Nach Jahrzehnten völliger Gleichgültigkeit gegenüber dem Volke, dem man angehörte, völliger Gedankenlosigkeit gegenüber den Nöten und Forderungen dieses Volkes und einer stumpfen Anpassung an die herrschenden Verhältnisse, welche das Judentum in zwei Lager spalteten: ein — von Tag zu Tag kleiner werdendes orthodoxes und ein von Tag zu Tag sich mehr von den Wurzeln des Judentums entfremdendes liberales — drang vor zwei Jahrzehnten, zum ersten Male ein neuer, ein weckender Ruf an das Ohr der Juden. Es war der Ruf von der Einheit des Volkes und von der gemeinsamen Aufgabe des Volkes. Die Welt horchte auf, und vor allem horchte die Jugend. Was hier verkündet wurde: Kampf gegen träge Gewohnheit, Zertrümmerung unhaltbarer Zustände, Streben nach einem neuen Leben in einem neuen Lande — das alles war so jugendstark, daß es vor allem die Herzen der Jugend entflammen mußte. Wer noch ein wenig Jugendfrische, ein wenig Idealismus und: Tatkraft in sich fühlte, der scharte sich um die Zionsfahne, die neu entrollt wurde. Auf die Jahre der ersten Begeisterung folgten die Jahre der Ernüchterung. Das nahe geglaubte Ziel rückte in immer weitere Fernen, der Weg zu ihm erwies sich als immer schwieriger, das Warten als immer bedrückender. Noch war Zion nicht frei für das wiedervereinigte Volk, und doch wußte man nicht, wie man die Herbeiführung des Zieles beschleunigen sollte. Wohl sammelte man Schekel und begeisterte sich immer aufs neue an Propagandareden, aber auf die Dauer konnte das die Flamme in den Herzen nicht lebendig erhalten. Allmählich aber erwuchs der Jugend in dieser Wartezeit ein neuer Inhalt; allmählich erkannte sie, daß es sich ja gar nicht um eine Wartezeit handle, die je eher desto besser überwunden werden müsse, sondern um eine Vorbereitungszeit, die ganz und gar mit Tätigkeit erfüllt werden müsse, aber mit einer andren als der bisher geübten Tätigkeit. Die Jugend erkannte, daß sie noch gar nicht vorbereitet für Palästina war, daß es Körper, Geist und Gemüt von Grund auf umzuwandeln galt, damit man von Palästina, wenn man es eines Tages völkerrechtlich erworben haben würde, auch geistig Besitz ergreifen könne. Durch das Getriebe einer mechanisierten und entgotteten Zeit hindurch erwuchs der Jugend eine Sehnsucht nach einem neuen Erlebnis des Zusammenhanges zwischen dem Einzelnen und der Menschheit, der Menschheit und dem Unvergänglichen. Als eine Ahnung zuerst, als eine Gewißheit später erwachte es in ihr, daß Palästina nicht ein Land wie andere Länder, die jüdische Gemeinschaft dort nicht ein Volk wie andre Völker werden dürfe; daß vielmehr Palästina — Zion werden müsse: die Stätte von der die Lehre und das Wort für alle Völker ausgeht. Diese Erkenntnis bedingte eine ganz andre als die bisherige organisatorische Tätigkeit: sollte Palästina ein besonderes Land in der Kette der Länder werden, so mußten die Menschen, die es besiedeln wollten, sich seiner würdig machen. Es begann das Erwachen der Erkenntnis, daß der Zeitraum, der uns von Zion trennt, der ernsten Arbeit des Einzelnen an sich selbst als Jude und als Mensch überhaupt gewidmet sein müsse. Alles was schon in den ersten Tagen des beginnenden jüdischen Nationalbewußtseins als notwendig erkannt worden war, aber mehr einen propagandistischen Charakter gehabt hatte: die Schaffung von Wander-, Turn-, Hebräisch-, Geschichtsvereinen erhielt nun einen tieferen Sinn: es galt nicht mehr nur, sich auf diesem oder jenem Gebiet körperlich und geistig auszubilden, sondern es galt, alles Denken und Tun auf einem wirklich jüdischen Empfinden aufzubauen und durch das gemeinsame Streben nach dem gleichen Ziel den ganzen Menschen zu wandeln und zu veredeln. Das gemeinsame Zurückfinden zum Judentum, ja, die Gemeinsamkeit selbst, wurden als der höchste Zweck des Turn-, Wander- oder Studienvereins erkannt. Auf der Grundlage der Freundschaft, der vollen Hingabe an den erwählten Kreis, begannen junge Menschen, sich für Zion zu erziehen: für jenes weitere Zion, das über die Grenzen Palästinas hinaus seinen Einfluß auf die Juden, und letzten Endes auf die Menschheit ausübt. Es erwies sich, daß auch die Erwerbung positiver Kenntnisse: des Wissens, um jüdische Sprache, Geschichte, Literatur, soziale Bedingungen und Erfordernisse durch die Gemeinsamkeit des Empfindens angefeuert und gefördert wurde. Freilich, solche inneren Umwälzungen brauchen ihre Zeit, und noch heute sind sich viele der für das nationale Ideal begeisterten jungen Juden ihrer ganzen Verantwortung und Aufgabe nicht bewußt geworden. Aber irgendeine Erwartung, eine Hoffnung auf ein umwälzendes Ereignis in der Welt des Geistes erfüllt sie alle, die heute in den großen und kleinen Städten irgendeinem jüdischen Verein angehören. Jeder von ihnen ahnt, däß er Selbst Teil einer Bewegung,