Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1918-08-23 · 34 (23.8.1918) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
34 (23.8.1918)
Date
1918-08-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102973-9138402--02269-9075091
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. l| Bezug: Durch die Postanstalten oder «den Verlag — Bezugspreis: J Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. j M.4.—,Einzelnummer 10PI. — Verlag 5 des „Jüdischen Echo“: München, Herjzog Maxstr.4. — Redaktion: Helene 8 Hanna Cohn, mmmim Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 34 München / 5. Jahrgang 23. Äugust 1918 „Wahrheit und Frieden“ Ein altes Thema. Von Louis Levinger. In einer der letzten Nummern des „Echo“*) wird die Verwunderung: darüber ausgesprochen, daß nunmehr auch orthodoxe Kreise die Bestrebungen des „Blau - Weiß“ durchkreuzen. Zwar ist der Artikel so betitelt, dlaß diese Tatsache in den Vordergrund geschoben wird, aber nur ein klleiner Teil, und zwar der letzte, geht auf diesen Punkt ein. Den weitaus größten Teil der Abhandlung erfüllt eine geschichtliche Zusammenstellung, die die Notwendigkeit einer Einigung innerhalb des Judentums beweisen soll. Ich möchte die Hauptpunkte kurz wiederholen: Der grauenhafte Anblick, den die Zerklüftung innerhalb des Judentums bot. hat — sagen wir kurz — das Entstehen des Zionismus veranlaßt. Eine andere Gründung — in unseren Tagen — mit dem nämlichen Streben, nämlich Einigkeit zu schaffen, ist der „Blau-Weiß“. „Ohne jedes Parteiprogramm trat der Blau-Weiß auf den Plan; nur jung sollten seine Mitglieder sein, nur jüdisch und nur menschlich wertvoll.“ Ich will, was ich sagen möchte, mit ein paar zum Teil wohl etwas seltsam klingenden Fragen ein leiten. 1. Darf tatsächlich eine Einigung der jüdischen Parteien angestrebt werden? 2. Wer sagt denn, ob nicht die Forderung: „Organisation, in der Kinder und junge Leute aller jüdischen Kreise und Richtungen sich auf der Basis ihrer gemeinsamen Abstammung und ihrer gemeinsamen Sehnsucht nach jüdischem Gemeinschaftssinn vereinigen können“, ob diese Forderung nicht selbst schon ein Parteiprogramm ist? Und weiter, mit Bezugnahme auf Stellen des genannten Artikels: 3. Ist die Behauptung richtig: Vonden Kindern aus gesetzestreuen Häusern lernten die andern den Sinn und die Schönheit jüdischer Gebräuche? 4. endlich: Wie kann Schreiber, der sich selber eben erst über die Parteien stellte, den Zionismus als „das jüdische Ideal“ bezeichnen. Hat dann die Orthodoxie nicht zum Mindesten das gleiche Recht dazu? Ich will die Frage übergehen, was der Satz bedeute: Jugend will Neues, sie will nicht die Wiederkehr, sondern Erneuerung. Gewiß, der Satz ist richtig. Aber was soll diese cupiditas rerum novarum der Jugend beweisen? Hat dieser Wille der Jugend immer gut getan? Man denke einmal an die Entwicklung der Malerei und der Poesie. *) Vgl. Nr. 28 vom 12. Juli. Und nun zur Sache: Ich will kurz und! präzise den orthodoxen Standpunkt in dieser Angelegenheit beleuchten und dem Leser die Prüfung anheimstellien. Die Orthodoxie lehrt nach den Vorschriften des Talmud: Nur der ist ein Jude, der die Verbindlichkeit der schriftlichen und mündlichen Lehre anerkennt. Jeder andere ist ein Min, 'ein Abtrünniger. Hier stocke ich schon: Man komme doch nicht mit der abgedroschenen Phrase der Intoleranz. Toleranz ist eine Sache, die mit persönlichem Wohlwollen zusammenhängt. Ein Beispiel: Zwei Ärzte. Der eine verbietet dem Kranken auf Grund seiner medizinischen Kenntnisse den Genuß von Alkohol, der andere erlaubt ihm, zu trinken, so vieü er will. Ist dann der 1. Arzt unduldsam? Aber weiter! Darum muß der Orthodoxe, mag er noch so freundschaftlich mit Anhängern anderer Richtung verkehren, doch jede Verbindung mit ihnen als „Juden“ ablehnen. Allein, sollte sogar diese Behauptung in Bezug auf Erwachsene bestritten werden, für die Jugend gilt sie unbedingt. Denn: daß Kinder orthodoxer Eltern durch Kinder von anderen nicht beeinflußt würden — in Bezug auf religiöse Anschauungen —, ja, daß sie solche sogar günstig beeinflussenkönnten, ist unbedingt falsch. Das lehrt die Logik, das beweist die Praxis. Man frage sich doch: Wenn ein orthodoxes Kind von anderen die Übertretung von Religionsgesetzen sieht, nicht etwa aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überzeugung, was kann da nur die Anschaung sein, die das orthodoxe Kind daraus gewinnt? Und günstige Beeinflussung seitens des orthodoxen Kindes? Was ist denn an der Orthodoxie so schön für den Außenstehenden? Welches Kind kann denn einem andern den „Sinn und die Schönheit jüdischer Gebräuche“ klarmachen? Welcher Junge, und sei er 17 oder 20 Jahre, kann dies, wenn er nicht besonders „gelernt“ hat? Und nun die Folgerung: Ein Psalmwort sagt: Die Wahrheit und den Frieden lieben sie. Dazu bemerken unsere Weisen mit geschichtlichem Tiefblick: Das Land ging zum erstenmal verloren, weil man den Frieden liebte und nicht die Wahrheit; das zweitemal, weil man die Wahrheit liebte und nicht den Frieden. Hätten wir heute unser Land, es ginge — leider — verloren, weil wir weder Frieden kennen noch Wahrheit. Und weniger noch kennen wir die Wahrheit. Eine Scheidung, die nicht zur Ehre Gottes auf beiden Seiten gefunden wird, die wird nicht bestehen, sagt ein Spruch der Väter. Drum: Nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.