Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 33 (16.8.1918)
- Date
- 1918-08-16
- Page
- Seite 390 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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390 Das Jüdische Echo Nr. 33 blick lang waren die Araber von dem unerwarteten Widerstand überrascht und zogen sich zurück. In der nächsten Minute kamen sie aber zurück und fingen zu schießen an. Chaskel konnte nur ein oder zweimal antworten. Eine Kugel traf ihn gleich in den Kopf und zerschlug seinen Schädel. Er fiel augenblicklich auf den Wagen nieder. Inzwischen hatte N. mit allen Kräften die Maultiere angetrieben und bemerkte gar nicht, wie Chaskels Hand sich zwischen Wagen und Rädern verwickelte. Wie toll rasten die Maultiere bergab nach Betli- Gan. Schon nach wenigen Minuten war der Wagen in der kleinen Kolonie. Erst jetzt dreht sich der Kamerad N. um und sah, daß Jecheskel Nissanow tot war. * * * Als Chaskels Mutter von dem Unglück erfuhr, ging die alte stolze kaukasische Jüdin schweigend zur Leiche ihres Sohnes. Sie jammerte und weinte nicht. Totenstille herrschte überall. „Hat er sich an seinen Mördern gerächt?“ war ihre einzige Frage. Man erzählte ihr, Chaskel habe vor seinem Tode auf seine Mörder geschossen und einen von ihnen schwer verwundet. Ein grelles Feuer flammte in ihren Augen auf, und ihre Lippen flüsterten leise: „Gott sei Dank.“ Als wir von einem kleinen Spaziergang über die Felder vor Sonnenaufgang nach Haus kamen, breitete Mei'r auf der Terrasse eine Matte aus und ging daran, auf dem schwachen Feuer eines altmodischen Spirituskochers Kaffee zuzubereiten. Im Osten stieg aus den Bergen der Morgenstern herauf. Mei'r ließ ein arabisches „Ja lejl“ (o Nacht) ertönen, das weit über die Felder klang und sich zwischen den Bergen in der Finsternis vor Sonnenaufgang verlor. In seine schwarze Abaje (einen arabischen Mantel) gehüllt, mit dem Agal (einem wollenen Reif) und dem Kestje (einem Kopftuch) um den Kopf, saß er an die Wand gelehnt und begann sein Lied in langsamem, ruhigem, stillem Ton. Das „Ja lejl“ wiederholte sich nach jedem Vers und drückte alle Wunder der Nacht aus. Diesmal1 klangen die Verse so: „II Kamar chisum, il Faraß sehrje, il Mara amtije“, die drei Wünsche der Beduinen: „Der Mond soll dauernd scheinen am Himmel als Schmuck, die Assila munter und die Frau gehorsam sein.“ Jeder Wunsch hat einen besonderen Vers, der sich mit dem Refrain zu jener unaufhörlichen monotonen Weise verband, die aber vom ersten Worte des Verses bis zum letzten des Refrains an Kraft wuchs und dem Sänger und den Zuhörern mit den langhingezogenen, sich in der tiefen Stille verlierenden Tönen den Atem raubte. * * * Am Sabbat, den 22. Cheschwan 5674 (1913) ritt Moischke auf einem Maultier nach Milchamja, einem kranken Genossen Medizin zu bringen. Alles in allem ist es eine Stunde Wegs. Einige Stunden vergingen, es wurde schon Nacht und Moischke war noch immer nicht zurück. Man wurde noch unruhiger, als man das Maultier sah, das allein ohne Moischke nach Daganja zurückkam. Ich arbeitete damals in Kinereth, eine Viertelstunde Wegs von Daganja. Als die Leute aus Daganja kamen und erzählten, daß Moischke noch immer nicht zurück sei, beunruhigte sich niemand von uns. Wlir wußten Moischke kann seinen Mann stehen. Als es schon ganz finster war, wurden aber doch alle unruhig. Wir zerstreuten uns auf allen Wegen, Moischke zu suchen. Mitternachts fanden wir ihn, tot. In einem ungleichen Kampfe ist Moischke gefallen, aber er hat sich für sein Leben teuer bezahlen lassen. Als er von Milchamja zurückkehrte, überfielen ihn unterwegs sechs arabische Räuber, die ihm sein Maultier wegnehmen wollten. Sie verwundeten ihn nach kurzer Zeit mit einem Gewehrschuß. Moischke fühlte sofort, daß er aus ihren Händen nicht mehr lebend davonkommen würde, aber sein Tier gibt ein jüdischer Arbeiter, solange er lebt, nicht weg. Moischke sprang von seinem Maultier herab, gab ihm einen Peitschenschlag, trieb es nach Hause und blieb allein zurück, mit den sechs Räubern zu kämpfen. Bis zur letzten Kugel hielt er gegen sie stand. Von den sechs Arabern blieben nur vier übrig, zwei fielen durch seine Kugeln. Käse. Weiteren Anträgen auf Zuteilung von rituellem Auslandskäse kann mangels Vorrat bis auf weiteres nicht mehr stattgegeben werden. Kondensierte Milch. Örtliche Milchkarten können nur noch bis zum 30. August d. J. gegen Bezugscheine für kondensierte Milch umgetauscht werden. — Nach diesem Zeitpunkt steht rituelle kondensierte Milch bis auf weiteres nicht mehr zur Verfügung. Kaffee-Ersatz. Die Herstellung des rituellen Kaffee-Ersatzes hat sich verzögert. Die Belieferung wird indessen im Laufe der nächsten Wochen durch die Kommunalverbände erfolgen. Berlin W. 8., den 12. August 1918. Friedrichstr. 167/168. Kriegskommission für rituelle Lebensmittel G. m. b. H. F r e i r i c h. An die Vorstände der Israelitischen Gemeinden. Betr.: Rituelle Margarine. Die vorschußweise Belieferung der Gemeinden mit ritueller Margarine auf Grund von „Zuteilungsscheinen“ hat sich nicht bewährt. Die Hauptverkaufsstellen sind deshalb angewiesen, „Zuteilungsscheine“ nicht mehr zu beliefern. Der Versand der „Zuteilungsscheine“ ist einge; stellt. Um die Belieferung mit ritueller Margarine in der gleichen Zeit, in der die übrige Bevölkerung die entsprechenden Speisefettmengen erhält, zu ermöglichen, wird anheimgestellt, die Ortsbehörde zur möglichst frühzeitigen Beglaubigung der Bezugscheine zu veranlassen. Berlin W. 8, den 12. August 1918. Friedrichstr. 167/168. Kriegskommission für rituelle Lebensmittel G. m. b. H. F r e i r i c h. 1