Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 33 (16.8.1918)
- Date
- 1918-08-16
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Das Jüdische Echo Nr. 33 Strom und Froschteich. Wir leben in einer Zeit der Entscheidungen. Im Leben der Menschheit, der einzelnen Völker und der Individuen vollziehen sich über Nacht Entwicklungen, zu denen früher Jahre oder Jahrzehnte nötig gewesen wären. In den trägsten Froschteich menschlicher Gesellschaftskreise ist' Leben gekommen und hat auch die widerstrebenden Elemente zu einer erhöhten Wirksamkeit gezwungen. Jahrzehntelang, jahrhundertelang war das Judentum ein stagnierender Teich, dessen Oberfläche höchstens dann bewegt wurde, wenn äußere Schicksale in der Form von Verfolgungen sich auf ihn stürzten, der aber fast niemals durch Quellen, die aus seinem eigenen Grunde aufschossen, seine Gestalt veränderte. Und nun ist plötzlich an allen Ecken und Enden ein; jüdischer Wille erwacht, Quellen jüdischen Lebens springen in die Höhe, und der Teich wird zum See und schlägt Wogen. Es fragt sich nun, ob die aufgestörten Wasser auseinanderlaufen und zu neuen, einzelnen Froschteichen erstarren oder ob sie sich zu einem ununterbrochenen frischen Lebensstrom vereinigen werden, der das Judentum durchströmen und ihm seine einstige Kraft zurückgeben soll. Aus den Ereignissen der allerjüngsten Zeit, die auf das erhöhte Wirken des jüdischen Willens hin weisen, seien einige herausgegriffen: In Rußland vereinigen sich 39 Großgemeinden zu einer Konferenz, auf der die Gründung eines russisch-jüdischen Gemeindebundes beschlossen wird. Es erscheint wohl am Platze, angesichts dieser Tatsache auf die Stimmen hinzuweisen, die sich in den unvergeßlichen Frühlingstagen erhoben, in denen Rußland den Juden die Freiheit gab. Damals waren kleine Gruppen westjüdischer Skeptiker überzeugt, das befreite Judentum würde dem Beispiel des westlichen Judentums, nach der Emanzipation folgen und sich so schnell wie möglich an das Russentum verlieren; ihnen schien die Haltung einiger jüdischer Führer der Revolution Recht zu geben. Andere aber, die mehr von der Treue und Tiefe der russischen Seele wußten, wurden erfüllt von der freudigen Zuversicht, daß das russische Judentum sich nun zu einer starken nationalen Gesamtheit vereinigen werde. Bei dem Chaos, das heute im russischen Reiche herrscht, ist es schwer, sich ein Bild von der Entwicklung zu machen, die das Judentum seit seiner Befreiung genommen hat. Aber die Nachricht von dem Zusammenschluß der Gemeinden, an dessen Vollendung die verschiedensten jüdischen Parteien mitgewirkt haben, legt Zeugnis ab, daß der Wille zur völkischen Einheit stark und lebendig ist und wir eines Tages einer jüdischen Volkseinheit in Rußland gegenüberstehen werden, von der Großes für das Gesamtjudentum zu erwarten ist. — Als ein weiteres gewaltiges Manifest des jüdischen Volkswillens steht vor uns der Palästina-Kongreß der jüdischen Arbeiterschaft in Amerika. Diese Massen, die jederzeit in Gefahr standen, sich an den Amerikanismus oder an das Phantom eines Internationalismus zu verlieren, schließen sich zusammen in dem Willen zu einer gesonderten jüdischen Nationaleinheit, in dem Willen, dieser Einheit in Palästina einen Kern- und Kristallisationspunkt der Volkskräfte zu geben. Sie, denen häufig die Gemeinschaft mit dem Proletariat aller Länder über jeder Volksgemeinschaft zu stehen schien, stellen nun ihren Glauben an die sozialistische Gesellschaftsform, ihr Streben nach dieser in den Dienst des jüdischen Volksgedankens. Sie, die oft geneigt waren, die Brücke zum jüdischen „Bourgeois“ oder „Kapitalisten“ abzubrechen, sprechen nun den Wunsch nach einem allweltlichen jüdischen Kongreß aus. „Ich bin sicher“, sagt der Vorsitzende Wolinski, „daß unsere jüdischen Arbeiter es wieder lernen werden, den Boden zu bestellen, Bahnen und Brücken zu bauen“. In diesem Bekenntnis der Arbeiterschaft zum jüdischen Volke, in diesem Wunsch nach der Volksheimat und diesem Gelöbnis zu ihrer Erringung liegt eine ungeheuere Verheißung für das Judentum. Als dritte Erscheinung, die bereits die beglückende Frucht des wiedererwachten Volkswillens darstellt, sei hier die Legung d es Grundsteines zu der jüdischen Universität in Jerusalem genannt. Sie bedeutet mehr als einen Beweis der Opferfreudigkeit und inneren Übereinstimmung weiter jüdischer Kreise: sie bedeutet, daß die neue Zusammenfassung der Juden wiederum nicht eine Tat des politischen Machtwillens oder einer ökonomischen Erwägung, sondern eine Tat des Geistes, eine kulturelle und letzten Endes religiöse Tat ist. Nicht irgendein rein politisches Gebilde soll in Palästina geschaffen werden, sondern eines, dessen äußerstes Ziel die Wiedererweckung der alten Sprache und des alten Geistes ist — jenes eminent religionsschöpferischen Geistes, dem die Welt so viel verdankt und noch vieles weitere verdan- 8oc=:::::== Moderne KDClieD- EinrlciminoeD in gediegener preiswerter Ausführung Edoard R9D SchUssel’i Zflehennad Wirtschaft Einrichtung« - Migarin München KanIIngerstr.9 PassageSchflsssl loc.- ~x~rorrTnnnnrv- Kann hei unsere inserenien Büro-Möbel Flach-, Steh-, Sitz- und Roll-Pulte Rolljalousieu. 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