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Das jüdische Echo · 1918-05-24 · 21 (24.5.1918) · p. Seite 244

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
21 (24.5.1918)
Date
1918-05-24
Page
Seite 244 (sequence 8)
Language
German
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244 Das Jüdische Echo Nr. 21 goldener Krone auf goldenem Sessel saß König Salomo, von Fürsten, Ältesten und Volk umgeben. Und er sprach zu ihnen und zeigte ihnen seine Gelehrsamkeit und Weisheit: Perlen schütteten sich aus seinem Munde. „Höre, Weib, was er gesagt hat: „ ,Wer Geschenke hasset, der wird leben.1 Das hat er gesagt. „Wer leben will, nimmt keine Geschenke an. Wer etwas umsonst annimmt, verkürzt die Jahre, die ihm der liebe Gott bestimmt hat. Du willst sündigen, Weib, ich will dir aber dabei nicht behilflich sein. Gott ist der Beschützer der Witwen, und er wird es mir nicht verzeihen, wenn ich dir die Jahre kürze „Umsonst gebe ich nichts.“ „Wenn dem so ist,“ sagt die Frau, „so brauchst du mir nichts zu schenken. Leihe mir einen Laib Brot oder etwas Mehl, damit ich mir zu Hause selbst ein Brot backe, um mir mein Leben zu erhalten. Ich werde dir danken und Gott um langes Leben für dich bitten .. .“ „Das tue ich auch nicht, Weib!“ antwortet der Reiche gelassen. „ .Wer borgt, ist des Lehners Knecht1, — hat König Salomo gesagt. Knechte kaufe ich mir von fremdem Stamme, aber nicht vom Samen Abrahams, Isaaks und Jakobs... Ich will keinen Knecht von eigenem Fleisch und Blut, und eine Witwe erst recht nicht... Ich borge dir nichts...“ Fragt das Weib: „Soll ich hier vor deinen Füßen Hungers sterben? Wird das dem Beschützer der Witwen wohlgefällig sein?“ „Witwe Sunamith,“ antwortet der Reiche noch ruhiger: ,du wirst vor meinen Füßen nicht sterben ... Ich will dir helfen, doch nur mit gutem Rat: geh hin und suche dir herrenloses Gut!“ „Was meint Ihr damit? Herrenloses Gut ist nur in der Wüste, und bis zur Wüste sind drei Tage Weges. Und was kann ich in der Wüste finden? Trockene Gräser? Treibt Ihr Scherz mit der armen Witwe und fürchtet nicht den, der ewig lebt und von den Witwen und Waisen keinen Bl'ick wendet?“ „Ich treibe keinen Scherz, Weib!“ antwortet er. „Von Kind auf habe ich Gottesfurcht im Herzen, und ich schicke dich nicht in die Wüste und nicht nach trockenen Gräsern. Höre, was ich damit meine. „Neige dein Ohr, Weib, und höre zu. Meine Kammern sind jetzt leer. Hundert Sack schneeweißes Weizenmehl habe ^ch nach Jerusalem König Salomo gebracht, und' die Bretter, die sich unter den Mehlsäcken bogen, sind leer, aber weiß, mit Mehlstaub bedeckt, den die Säcke ausgeschwitzt haben. Dieser Staub gehört mir nicht, er ist herrenloses Gut. Geh in meine Kammern, sammle den Staub des* schneeweißen Weizenmehls, nimm ihn heim, lies unterwegs Reisig auf, mache Feuer und backe dir Brot. Der liebe Gott möchte dir seinen Segen dazu geben, labe dich damit und preise den Ewigen ...“ * * * Und die Witwe Sunamith tut, was ihr der reiche und fromme Mann geraten. Sie säubert die Bretter in den Kammern des Reichen, liest auf dem Heimwege Zweige auf, die der Wind von den Bäumen gebrochen hat, kommt nach Hause — es ist inzwischen Nacht geworden —, macht Feuer, knetet den Mehlstaub mit Wasser zu drei kleinen Broten, bäckt sie auf dem Feuer, dankt dem lieben Gott für seine Gnade und will eben das erste Brot an Zionistische Ortsgruppe München. Dienstag, den 28. Mai abends 8 Uhr im Prinzensaal des Cafd Luitpold VORTRÄG des Herrn Dr. Älfred Klee, Berlin» Mitglied des zionistischen Aktionskomitees Der Zionismus und die Großmächte. den Mund führen, als plötzlich die Türe aufgerissen wird und ein Mann in die Hütte stürzt und schreit: „Rettet einen Menschen vom Tode! Seit drei Tagen und drei Nächten nichts im Munde gehabt ...“ Und er erzählt ihr hastig und voll Schrecken: Eine Feuersbrunst war in seinem Dorfe ausgebrochen, um Mitternacht, als alle schliefen. Das Feuer war vom Himmel gefallen... Und ein Sturmwind hatte es über das ganze Dorf getragen . .. Alles ist verbrannt, nur er allein ist aus den Flammen und dem Rauch mit dem Leben davongekommen. Alles wurde den Flammen zum Raub: Mann, Weib und Kind, Schafe und Rinder, Hab und Gut. Seit drei Tagen und drei Nächten läuft er herum, vom Feuer gejagt, vom Schreck getrieben und ohne einen Bissen Brot... Reicht ihm die Wiitwe eines der drei Brote und sagt: „Geh hinaus, denn ich bin allein unter dem Dache... Iß und erhalte deine Seele...“ Geht der Unbekannte hinaus und verschwindet im Dunkel der Nacht. Dankt die Witwe dem lieben Gott, daß er ihr nicht nur das Brot geschenkt, sondern auch die Gelegenheit gegeben hat, ein gutes Werk zu tun und einen Menschen am Leben zu erhalten. Und sie will das zweite Brot an den Mund führen. Wird die Türe noch einmal aufgerissen, und ein zweiter Mann stürzt schreiend in die Hütte: „Rettet einen Menschen vom Tode...“ Er war reich gewesen, hatte Schaf- und Rinderherden gehabt, die in der Steppe weideten, und reiche Gezelte, in denen er mit Weib und Kindern wohnte. Junge und kräftige Hirten bewachten die Herden... Plötzlich kamen wie auf Windesflügeln Beduinen mit Pfeil und Bogen geritten, überschütteten alle mit einem Hagel von Pfeilen, töteten die Hirten, sein Weib und Kinder und verschwanden mit den Herden in der weiten Steppe... Und als die Hufschläge in der Ferne verhallt waren, erhob er sich als einzig Lebender unter den Toten und irrte drei Tage und drei Nächte ohne einen Bissen Brot, bis er vor ihre Hütte kam. „Erbarme dich meiner, gib mir ein Stück Brot, sonst falle ich tot zu deinen Füßen nieder...“ Reicht ihm die Witwe Sunamith das zweite Brot und preist Gott für das zweite gute Werk, das sie tun durfte. Sie sagt ihm, er solle aus ihrer Hütte gehen, weil sie allein unter dem Dache sei, und das Brot draußen verzehren. Er tut so und verschwindet im Dunkel der Nacht... Nimmt die Witwe Sunamith das dritte Brot und will es essen. Kommt vom Norden ein wütender Windstoß und zerstört ihre Hütte. Die Wände 'rechts und links fallen um, das Laubdach fliegt davon, und der Wind entreißt der Witwe das dritte Brot und schleudert es ins Meer ... Und gleich darauf legt sich der Wind. Und die Witwe steht nachdenklich da... (Schluß folgt.)

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