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Das jüdische Echo · 1918-03-08 · 10 (8.3.1918) · p. Seite 102

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
10 (8.3.1918)
Date
1918-03-08
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 Das Jüdische Echo Nr. 10 Biedermeier-Juden. Wenn ein Mann, der fast ein volles Jahrhundert erlebt und eis sowohl als ein tüchtiger Akteur wie als ein scharfsinniger Zuschauer durchlebt hat, zur Feder greift und die ganze Entwicklung des Kreises, dem er entstammt, im Bilde noch einmal vor uns sich vollziehen läßt, dann darf man wohl erwarten, daß in seinem Werke eine Fülle von Interessantem und Wissenswertem zusammenströmt. Das ist auch der Fall in dem Buche, das uns der Greis Sigmund Mayer beschert hat. (Sigmund Mayer, „Die Wiener Juden 1700—1900, R. Löwit Verlag, Wien-Berlin.) In diesem mehr als 500 Seiten starken Werk sehen wir zuerst in die Enge des Preßburger Ghettos hinein, in dem selbst die Kinder niemals lachen, isehen, wie es sich in diesem Ameisenhaufen regt und bewegt, was in den Gassen und Häusern und in den Köpfen ihrer Bewohner vorgeht. Wlir sehen, wie das Ghetto sich öffnet und seine Bewohner nach der Stadt Wien ziehen, in der freilich viele Zustände noch immer, an die Unfreiheit des Ghetto® gemahnen. Wir sehen! mit an, wie diese unsichtbaren Ghettomauern all-l mählich zerbröckeln und das Geschlecht, das siejj umschlossen hielten, sich mit rapider Schnelligkeit;j wirtschaftlich und in seiner gesellschaftlichen Gel-;" tung emporarbeitet. Wir sehen Juden zu tonangebenden Persönlichkeiten im geselligen Leben werden, sehen siie eintreten in Presse, Parlament und akademisches Leben und Einfluß gewinnen auf das wissenschaftliche, soziale und geistige Gepräge der Stadt und des Staates. Wir sehen Reaktionserscheinungen auftauchen und verschwinden, erleben am Beispiel einer einzigen Stadt das weltgeschichtliche Kapitel der Judenemanzipation. Der Verfasser hat in (Seinem langen Leben unendlich viel Wissen und Erfahrungen gesammelt, und so enthält sein Buch außerordentlich viel Stoff für den Volkswirtschaftler, den Politiker und den Historiker. Hinter den abstrakten Betrachtungen aber steht immer das Bild der Stadt und ihrer jüdischen Wohn- und Geschäftshäuser, hinter ihnen tauchen fort und fort scharfumrissene Bilder typischer Persönlichkeiten auf. ** Wenn Sigmund Mayer sich darauf beschränk! hätte, eine objektive Darstellung des Werdens und der Entwicklung der Wiener Juden zu geben, so wäre sein Buch wissensehaflich wie auch darstellerisch ein Werk geworden, das auch hochgestellte Ansprüche befriedigt hätte. Er hat sich aber nicht hierauf beschränkt, sondern hat leider Königl. bayer.Lotterie' einnahme der Preuss.- Siidd. Klassen-Lotterie Ä. Ostermaier. München Promenadepl. 12/1, Eing. durch d. Zigarrengeschäft Beginn der 11. (237.) Lotterie mit Ziehung I. Klasse am 8. u 9 Januar 1918, 2. Klasse am 12. u. 13. Februar 1913, 3. Klasse am 12. u. 13. März 1918, 4. Klasse am 9. u 10. April 19:8, 5. Kiasse (Haupt- und Schlußziehungl beginnt am 7. Mai und endet am 3. Juni 1918. Preis Lose in grofler stets vorrätig. is für die 1. Klasse; für */8 1U V2 l/i ß 10 20 40 M Bei den folgenden Klassen sind die Vorklassen stets nachzubezahlen. das Ganze als eine Kampfschrift für einen Kampf gegen zwei Fronten geschrieben: gegen Werner Sombart und gegen die Vertreter des jüdischen Nationalismus. (Ihm selbst scheint es so, als ob Sombart und die Jüdischnationalen eine Kampfeinheit bilden; daß die® ein Irrtum ist, daß es sich hier nicht einmal um Verbündete handelt, ist ihm entgangen.) Man schreibt nicht ungestraft eine geschichtliche Studie auis andren Motiven als um der sachlichen Darstellung willen! Die stark ausgeprägte Tendenz hat der Struktur des Bucheisi Schaden zugefügt: man will nicht in einem Buche über die Wiener Juden einen 54seitigen Abriß der jüdischen Geschichte von Urzeiten bis zum Preßburger Ghetto und ein Schlußkapitel über den jüdischen Nationalismus, das für eine Einschaltung zu lang und für eine Sonderstudie zu oberflächlich ist, finden; man will auch nicht durch häufig eingestreute Hiebe nach den genannten beiden Kampffronten, durch verschiedene Sprachforschungen über Hebräisch und Arabisch immer wieder vom Haupt- ■thema abgelenkt werden. Aber das sind Schön- Iheitsfehler, die wir dem Verfasser verzeihen wiir- Iden — umsoeher nachsehen würden, als er da# ■ Buch in einem Alter schrieb, in dem man sich beseht, manche® was man noch zu sagen hat, bei der |ersten Gelegenheit anzubringen. Schlimmer ist es, f; daß durch diese stark auf getragene Tendenz falsche Theorien und windige Beweise in dieses in vieler Hinsicht so wertvolle Buch hineingelangten. Auf die Fehler im einzelnen hinzuweisen, geht hier nicht an, doch sei die Quelle, au® der sie alle entspringen, aufgedeckt: Sigmund Mayer stammt aus einer Zeit, in der in der deutschen Judenheit eine allgemeine Stagnation des Gefühls eingetreten war. Es war dies die Reflexerscheinung eines — etwas früher eingetretenen —■ Zustandes, in dem sich ganz Deutschland damals befand. Aus dem Geiste der Aufklärung und des Rationalismus war ein Biedermeier tum entstanden, in dem die Tugenden des Bürgers zu denen des Philisters verkümmerten. In der Wohlanständigkeit, im bedächtigen wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg sah man die Aufgabe aller menschlichen Wesen; man bestrebte sich soweit wie möglich Treu und Redlichkeit zu üben und war im Bewußtsein der eignen Vortrefflichkeit überzeugt, in der besten aller Welten zu leben. Und da Ruhe als die erste Bürgerpflicht galt, hütete man sich, über gewisse Grenzen hinaus zu denken, um nicht in die Unruhe des Zweifels gestürzt zu werden. Die Gefühlsarmut verriet sich in dem Schwelgen in Sentiment, das jene Zeit auszeichnet. Dieser Biedermeiergeiist war auch in die kleinen deutschen Ghetti eingedrungen, und von ihm war man erfüllt, als die Ghettotore sich öffneten und die Juden in die deutsche und österreichische Gesellschaft eintraten. Von wirklich tiefen Gefühlen — religiöse Inbrunst, brennendes Erlebnis des Übersinnlichen wie des Sinnlichen, glühender Erforschung der letzten Menschheitsfragen — war man fern; nichts empfand man mehr unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit, alles unter dem —des lieben Nächstens. Mit dieser seelischen Unbeweglichkeit mußten die Juden, als die Ghettotore .sich ihnen öffneten, in der Erreichung des wohlanständigen Biirgertyps ihr Ziel sehen. Obwohl sich in der Welt draußen schon wieder eine neue Entwicklung zu vollziehen begonnen hatte, in welcher 3511

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