Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9072829-9102973-9138234--01867-9074689- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 Das Jüdische Echo Nr. 3 „Komm jetzt!“ sagte die Frau, den Witz, den sie schon oftmals gehört hatte, gütig belächelnd, und ergriff den Arm ihres Mannnes. Sie führte ihn, um, wie ihrer Toilette, auch diesem Religionsgespräch ein Ende zu machen, das sie eigentlich nicht liebte, aber gleichwohl mit ihrem Gatten stets aufs neue halten konnte, an das breite Fenster ihres Zimmers, aus dem man in den Garten sah. Es war in dem einstmals durch seine Gastfreundlichkeit und seine Sonntagsmusiken berühmten Mendelssohnschen Hause in Berlin, in der Leipziger Straße Nummero Drei, an der Stelle, wo heute gegenüber Wertheim das Herrenhaus liegt. „Luft im Laub und Wiind im Rohr, und alles ist zerstoben,“ wie es in der Goethe- Mendelssohnschen Walpurgisnacht schauert, kann man jetzt von all dieser einstigen Herrlichkeit sagen. Eine goldene Oktobersonne schien damals auf den Rasen, der stellenweise schon von den braunen Kastanienblättern bedeckt war, die von den hohen Bäumen hinter dem Haus ab und zu herniederkreiselten. „Gott hat uns in unseren Kindern gesegnet!“ sagte die glückstrahlende Frau und wies den Mann auf die Paare, die unten im Garten auf und abwandelten, um die letzte Wärme des Jahres zu genießen. „Laß dir erklären, wer es ist,“ fuhr sie mit einem Blick voll Mitleid und Zärtlichkeit auf die altersschwachen starkranken Augen des Mannes fort: „Dort, das ist Fanny, die kleine, zarte Frau! Man sieht die schiefe Schulter kaum, die sie als Erbteil deines edlen, verwachsenen Vaters trägt,“ fügte sie mütterlich begütigend hinzu, „wenn sie neben ihrem langen, blonden Wilhelm Hensel einhertrippelt. Schau nur! Jetzt haben sie sich ihren Jungen herausfahren lassen. Und Hensel muß seinem Handwerk fröhnen und ihn abzeichnen, der Unerschöpfliche!“ „Er sollte es nicht tun,“ meinte der alte Abraham in einem Anflug von Aberglauben und alttestamentarischer Abneigung gegen das Bildnisanfertigen von Personen. „Der kleine Sebastian ist ohnedies ein ungemein schwächliches Kind!“ „Es war ein Irrtum von mir,“ besänftigte Frau Lea den strengen Gesichtsausdruck, den ihr Mann stets annahm, wenn es sich um Erziehungs- oder Schicklichkeitsfragen handelte: „Er reißt seinen Schwager Dirichlet auf ein Blatt. Sieh nur, er hat sich schon in Positur gestellt: Gustav Peter Lejeune Dirichlet, der große Mathematicus, der außerordentliche Professor der Berliner Universität und berufene Nachfolger von Gauß, der Euclid des neunzehnten Jahrhunderts.“ Plötzlich riß die Frau hastig das Fenster auf. Doppelfenster gab es damals noch nicht in Berlin. Und man fror in jenen Tagen bei der kalten Jahreszeit dort so, wie es einem im Winter 1917 beschieden sein soll. Und mit dem Ruf: „Willst du wohl, Felix, dich jetzt im Herbst noch auf den Rasen legen?“ suchte sie vergebens voll Angst ihren Lieblingssohn aufzuscheuchen. Er hatte sich mit seiner kleinen, geschmeidigen Gestalt auf das Gras geworfen und sog sich wie eine Wespe an dem Beet von Heliotropen fest, die in der Wärme der Sonne noch einen letzten Duft von sich gaben. Dabei umspannte er, soweit ers vermochte, mit beiden Armen das Beet, als hätte er voll Liebe die deutsche Erde an sich drücken wollen. _ Es hatte etwas ungemein Rührendes, wie er so gleichsam sich mit dem Boden vermählte, in dem er als ein völlig deutsch gewordener wurzelte. „Laß mich, Mutter!“ rief er jetzt herauf. „Es ist so sonnig. Du weißt, beim Anblick von Blumen fällt mir Musik ein. Mir ist schon lange nichts mehr Rechtes eingefallen, und Vater wartet schon mit Schmerzen auf den fertigen Paulus.“ Als er jedoch die Besorgnis nicht von der Stirn der Mutter weichen sah, sprang er plötzlich mit einem flinken Satz empor, und schlug, um recht warm zu werden, ein paarmal Rad auf dem Rasen. Der kleine Hensel krähte vor Vergnügen in seinem Wagen darüber, und Felix, der ein ebensolcher Kindernarr wie er fanatico per la mu'sica war, machte es ihm zuliebe noch da capo. Die Fischottern, wie Felix seine beiden Schwestern nannte, wollten sich ausschütten vor Lachen über seine Sprünge. „Er behauptet, er habe das von den Straßenjungen in Düsseldorf gelernt“, rief Fanny kichernd zu der Mutter herauf. „Sollte man glauben,“ meinte der Vater, der die Beweglichkeit seines Sohnes im Stillen fast noch mehr anstaunte als seine musikalische Begabung, „daß der Radschläger dort unten derselbe ist, der mit fünfzehn Jahren eine Oper schrieb, nach der ihn der alte Zelter im Namen Mozarts, Haydns und des seligen Sebastian Bach zum Gesellen der Musik machte und der mit siebzehn Jahren die Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ setzte, und drei Jahre darauf die Hebriden-Ouvertiire! Es ist das schönste Wlunder von allen, die ihm beschert worden sind, daß er so kindisch und bescheiden geblieben ist.“ Die Frau lehnte sich voll Stolz über ihren genialen Sohn, den ein Goethe gestreichelt und bedichtet hatte, auf den Arm des ernsjten Mannes, der neben ihr stand. „Er ist ein umgekehrter Charlatan, unser Felix! Und manchmal meine ich fast, wenn man so viel könnte, wenn man die Aquarellmalerei fast so gut wie das Fugensetzen verstände, so brauchte man nicht ganz so liebenswürdig zu sein wie er.“ „Aber Lea!“ wies sie der unermüdlich strenge Erzieher sanft zurück: „Willst du unser ganzes Lebenswerk verpfuschen, indem du ihn mir hoffärtig macht? Doch ich weiß, du scherzest nur! Du warst vor allem gegen die beiden Mädchen eine viel schroffere Despotin als ich, der ich oft vor der großen Begabung meiner Kinder überwältigt Kostiimfabrik F. u. A. Diringer München, Herrnstraße 23, Hochbrückenstraße 13 königl. bayer., königl. Württemberg , grossherzogl. badischo Hoflieferanten Bankkonto: K. Filialbank, München und Bankhaus Martini u. Simader, München. - Postscheckkonto: Nr. 3613 München. Telegramm-Adresse; „Diringer München“. — Telephon-Nr.: 21774, 21775, 217 76. Grokto Fabrik und Verleihanstalt dieser Art ln Deutschland. Vorrat von über 60000 Kostümen aus allen Zeiten u. allen Landern. Getrennte Herren-. Damen-. Kinderu ms Htm. a #, Reiches Lager In Waff»» und Ausrüstungen. Vollständig neuzeitlich ilngerichtetundLmgehSOi. Spezialität: Ganze Ausstattungen fürTheaterstücke u.Filmaufnahmen Spezialkataloge stehen auf Wunsch kostenlos zur Verfügung. —