Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 48 (30.11.1917)
- Date
- 1917-11-30
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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522 Das Jüdische Echo Nr. 48 Dann fängt Bulani an zu treten und zu fressen ... zu fressen und zu treten . . . ihm wird das Treten früher unangenehm wie das Fressen; er will sich eine Weile hinstellten und mit ruhigem Kopfe kauen; macht einen Schritt näher zur Krippe; — bei dem letzten Tritt denkt er nach und glaubt dort stehen bleiben zu dürfen, — da geht das Rad unter seinen Füßen weg . . . will er nur einen Augenblick dastehen und nachsinnen: „was ist da losi?“ — ziehen ihn die Stricke am Kopfe. — So geht er weiter, geht und geht.... der Atem wird kurz, die Seiten heben sich wie ein Blasebalg, die Füße wollen nicht, der Kopf dreht sich aber stehen bleiben — kann er nicht.... „Etwas ins Maul nehmen und sich stärken“ — wenn er dazu auch nicht einmal die Kräfte hat, so zieht er sich doch zur Krippe hin, nimmt weit mehr mit den Lippen als mit den Zähnen, ein Maul voll trockenen, verstaubten Heues, kaut es, ohne einen Geschmack davon zu haben, indem er die Hälfte aufs Rad hinstreut. Dies dreht sich unter seinen Füßen und läßt ihm nicht Zeit stehen zu bleiben.- Ihm gerade gegenüber, dicht unter dem Dache befindet sich ein kleines Fenster, das ganz und gar mit Mehlstaub bestreut ist. Durch das Fenster sieht man ein Stückchen Himmel. Jenes erhält dadurch eine blaue Farbe. Wenn nun Bulani aus seinen verdrehten Augen auf den grauen Himmelsflecken schaut, dünkt es ihm, daß es das Postgespann sei, an dem er einmal mit feurigem Kopfe lief, als er mit den Glöckchen klingelte, auf den Bahnhöfen Hafer fraß . . . Später zog er einen Lastwagen. Das war auch nicht übel. Da sah er grüne Felder. Wenn er sich manchmal bückte, versuchte er ein saftiges Gräslein . . . Sogar als er das Faß zog, war es besser ... Da blieb er alle Augenblicke stehen ... Es kam vor, daß ihm ein Junge ein gesalzenes Stückchen Brot verehrte . . . Aber hier . . . Vorwärts, vorwärts, vorwärts! Und Bulani überfällt eine Schläfrigkeit . . . . Die Unterlippe sinkt noch mehr herab. Von ihr zieht sich dünner klebriger Speichel, reißt auf der Mitte des Weges zum Rade ab; die untere Hälfte fällt ihm auf den abgeplatteten Huf; die obere Hälfte springt wie eine schnellende Feder zur Lippe empor. Eine angenehme Müdigkeit verbreitet sich unter dem Fell; er will nur im Stehen ein Nickerchen tun . . . eine Minute . . . nicht länger . . . die Augen schließen sich willenlos, die Füße bleiben ganz ungeschickt gespreizt stehen . . . und zugleich fühlt er, wie ihn die Stricke die Adern vom Halse reißen . . . Er fährt wie erschrocken auf, niest dreimal, er will wenigstens einmal wiehern, doch es kommt dabei nur eine Art heiseren Hustens heraus... da schüttelt er sich — um sich aufzumuntern — und geht weiter, geht und geht. * * * Kaum ist es Tag, so stellt sich Sorach der Soldat ans Rad der Druckmaschine und dreht das Rad, dreht und dreht .... Frühmorgens ist er wie aus Holz: kein Glied kann er rühren; Hände und Füße zittern, die alte Wunde am Hüftbein macht sich bemerkbar; beim Bücken tut ihm das Kreuz weh; jede Drehung des Rades schickt ihm Stiche in Hüfte und Rücken . . . Denkt Sorach, wenn er durchwärmt ist, wird es besser, und beginnt das Red schneller zu drehen. Wird er bald gefoltert. Die haarige, zusammengeklatsche Brust bedeckt sich mit Schweiß, vorne gehen die Schlüsselbeine auf und nieder — und hinten die Schulterblätter; wie Stricke werden die Adern auf den nackten Händen und dem freien Halse; wie Feuer brennen die Schwielen unter der glatten, glänzenden Kurbel des Eisenrades; die Kniee sind ihm wie fremde, und tun doch weh . . . Die Augen scheinen mit siedendem Wasser begossen und kriechen aus dem Kopfe heraus . . . Wenn Sorach langsamer zu drehen anfangen will, läßt der Junge, der die Blätter auf die Druckmaschine legt, nicht aus: „Dreht, Reb Sorach, dreht, schlaft nicht!“ Der kleine Junge in dem blauen Hemd steht und legt mit flinken Fingern die weißen Blätter auf das schwarze Steinbrett der Druckmaschine. — Pensions-Gesuch. Für ein geistig zurückgebliebenes 9 jähriges Mädchen wird in besserer Familie, vielleicht bei einzelner Dame auf kleinerem Platze geignete, gute Unterkunft gesucht. Gefl. Offerten an die Expedition des ,Jüdischen Echo“ INSERATE finden im »Jüdischen Echo* weiteste Verbreitung. igldset r// <25/ r _ <9*3 J(aiJ^ßcste29iStß(fc rukhst %keakcgInABC, 9eldslfjchßc, Sildbzilkri. vollendete (oGzeagalsse deemdeirm/ljjgempU^ FREY & Co. Erledigung aller ins Bankfach Bankgeschäft München, Residenzstraße 3 (Eingang Hofgraben) Tel. 27946 einschlägigen Geschäfte