Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-11-23 · 47 (23.11.1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
47 (23.11.1917)
Date
1917-11-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138223--01771-9074595
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf.—V e r 1 a g des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Nummer 47 wm/mmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. München / 4. Jahrgang 23. November I9i7 Zionismus und Weltpolitik. Der Vortrag, den am 17. November der osmanische Major a. D. Franz Carl E n d r e s im Eden- Hotel hielt, ist wohl die bedeutendste aller bisherigen Veranstaltungen der Zionistischen Ortsgruppe München gewesen. Der Saal war bis zum letzten Platze gefüllt, und zwar von einer teils jüdischen teils christlichen Zuhörerschaft. Die Tatsache allein, daß ein so bekannter deutscher Politiker und Orientkenner wie der Vortragende sich der zionistischen Bewegung so warm annimmt, hatte in weiten Kreisen Interesse erregt. Hinzu kam der Umstand, daß der Vormarsch der Engländer in Palästina und die Erklärung, die Lord Balfour dem Lord Rothschild im Aufträge der englischen Regierung gegeben hat, die Aufmerksamkeit gerade in diesen Tagen erneut auf das heilige Land gelenkt hat. Nach einer Begrüßung durch den Vorsitzenden der Ortsgruppe, Herrn Jacob Fränkel, erklärte Major Endres zunächst, weshalb die Ortsgruppe mit dieser Aufklärung über den Zionismus einen Christen betraut habe. Ich kann, sagte er, der Frage des Zionismus nur als Politiker gegenübertreten. Aber diese Ausschließlichkeit, die vielleicht die beste Garantie für relative Objektivität bietet, ist heute wertvoller als temperamentvollste Aneignung oder Ablehnung der religiösen Grundlagen. Denn die Frage der Bedeutung des Zionismus für Deutschland liegt auf politischem Gebiet. Freilich wird auch die Behandlung einer rein politischen Frage stets subjektiv erfolgen. Demnach würde ein Antisemit kaum ohne schädigende Voreingenommenheit über den Zionismus sprechen können. So sehr es in gewissen preußischen Kreisen zum guten Ton gehört, Antisemit zu sein, so unklug ist das. Die Parallele mit Japan liegt sehr nahe. Weil „man“ mit der gelben Rasse nicht verkehren zu können glaubte, wurde ein Bündnis, das Japan kurz vor dem Kriege Deutschland anbot, abgelehnt. Das kostete uns Kiautschau, unsere ganze Position in Ostasien und erschwert uns die Kriegführung namentlich gegen Amerika auf das schlimmste. Wer das Judentum kennt, kann nicht Antisemit sein, was freilich ostelbische Junker nicht einsehen werden. — Auf die Vorgeschichte und die Entwicklung des Zionismus! eingehend* betonte der Vortragende seine Überzeugung, daß ein selbständiges jüdisches Reich Palästina zu politischer Ohnmacht und raschem Untergang verurteilt sei; auch könne man von der Türkei eine freiwillige Abtretung der Provinz nicht verlangen. Mit warmen Worten schilderte er den Segen, den die jüdischen Kolonien dem Lande gebracht haben. Abgesehen von den deutschen Templerkolonien sind sie das Erfreulichste, was man im Orient sehen kann. Vor einer Stärkung der Templerkolonien warnte er; seit der Kündigung der Kapitulationen sind alle fremdnationalen Bewohner der Türkei in ihrer Entwicklung gehemmt, während der Jude türkischer Untertan wird und sich kraft seiner Assimilationsfähigkeit sowie als Sohn dieses Landes in das Getriebe besser einlebt, zumal! wenn man ihm (provinziale Selbstverwaltung zugesteht. Bei der politischen Beurteilung der zionistischen Frage ist es von großer Wichtigkeit, welche Bedeutung der Zionismus für die Türkei haben kann. Major Endres erkennt ganz offenbar die Berechtigung der Theorie an, daß die Juden eine besondere Nationalität bilden; in dieser besonderen Nationalität sieht er kein Hindernis. Nur blindwütender Pantürkismus will aus allen Bewohnern des Reiches Osmanen machen. Die richtige Methode dagegen besteht in der reibungslosen 'Behandlung der .'fremden Nationalitäten im Reiche, wie der Armenier, Araber und Griechen, so auch der Juden. Über die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus sollten die Führer sich durch die große Blüte der gegenwärtigen Kolonien belehren lassen, die Aussicht auf eine zunehmende Steuerkraft der Provinz und erhöhten Handelsverkehr mit dem Auslande bietet. Die zionistischen Kolonien können als Muster für die türkischen Reformbestrebungen gelten. An der Verwaltungsfrage kann nur der Bürokratismus oder Pantürkismus Anstoß nehmen. Letzterer würde aber gerade im Judentum einen Puffer gegen die Ausbreitungstendenz der Araber erhalten. Daß die türkische Regierung diese Faktoren noch nicht genügend würdigt, liegt häufig lediglich an Unkenntnis über den Charakter der Bewegung. Es gibt hohe türkische Beamte, die ihn für eine neue Religion halten. Die Behauptung, die zionistische Kolonisation habfe bisher nicht s© vilel geleistet, daß man ihr eine Zukunft Zutrauen könne, wies Major Endres zurück. Bei der ganzen Art der bisherigen Arbeit kam es weniger auf die Zahl) der Angesiedelten als auf die Qualität der Siedlungen an. Man würde mindestens eine Stunde brauchen, um das zu schildern, was der Zionismus in Palästina schon geleistet hat. Eine andere Behauptung, nämlich daß Palästina zu klein für das jüdische Volk ist, hält ebensowenig Stand. Das Land kann noch 21/« Millionen Juden auf nehmen, und hiermit würde nicht nur die Türkei eine wertvolle Pro-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.