Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 45 (9.11.1917)
- Date
- 1917-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. IBezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf.-Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 -Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, ft n z e i g e n : Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 45 München / 4. Jahrgang 9. November 1917 Troelstra über die Judenfrage. P. J. Troelstra, der Präsident der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands, die gemeinsam mit den skandinavischen Bruderorganisationen die Initiative zur Stockholmer Friedensaktion ergriff, äußerte sich nach seiner Rückkehr aus Stockholm gegenüber einem Redakteur des Jüdischen Korresipondenzbureaus im Haag über seine Auffassung der Judenfrage, die Aussichten ihrer Lösung und die jüdischen Deputationen, die in Stockholm erschienen waren. „Wir sind der Meinung,“ erklärte Troelstra, „daß die Judenfrage eine beso n’d’e r e Stellung zwischen den nationalen Fragen einnimmt. Das gilt aber besonders für Rußland, Polen, Rumänien. Österreich und insoweit es sich um die Kolonisierung Palästinas handelt auch für die Türkei. Für die verschiedenen Nationalitäten in den genannten Ländern fordern wir kulturelle und in den meisten Fällen auch politische Autonomie. Die Autonomie, welche für die Juden, sofern diese in den genannten Ländern eine kompakte Masse bilden, gefordert wird, ist hauptsächlich kultureller und gewissermaßen auch wirtschaftlicher Natur. Für Palästina wird die freie Entwicklung der jüdischen Kolonisation gefordert, und es besteht die Hoffnung, daß es auch gelingen wird, die Kolonisation durch die Einführung einer gewissen Autonomie und durch Verbesserung des Rechtswesens zu fördern. Das sind die Hauptgesichtspunkte, welche uns bei der Aufstellung unserer Forderungen leiteten. Sicherlich ist die Judenfrage durch kulturelle Autonomie allein nicht lösbar. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet hat das jüdische Volk sich nicht normal entwickeln können. Um den Juden die Möglichkeit zu geben, ihre wirtschaftliche Entwicklung in normale Bahnen zu lenken, werden die jüdischen Organisationen gewisse autonome Rechte auch auf wirtschaftlichem Gebiet erhalten müssen. Der Interviewer: „Wie verhalten Sie sich gegenüber der Forderung des Zionismus nach einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina?“ Troelstra: „Das ist eine Frage, welche eigentlich mit den großen Zielfragen dieses Krieges zusammenhängt. Deutschland hat wohl das Ziel, der Auflösung Österreichs wie der Aufteilung der Türkei entgegen zu wirken. Wir wollen einen Frieden durch Verständigung, und wenn man einen solchen Frieden will, dann muß man diese Bestrebungen der Zentralmächte berücksichtigen. Auch die zionistische Frage wird innerhalb des Rahmens dieses Verständigungsfriedens gelöst werden müssen und darum ergibt sich für uns^ daß die Forderungen, welche man für die Förderung der jüdischen Kolonisation in Palästina aufstellt, sich mit der gegenwärtigen Souveränität der Türkei über das palästinensische Gebiet vertragen müssen. Etwas anderes ist es, wenn der Verständigungsfriede nicht Zustandekommen und ein Erschöpfungs- oder Notfriede kommen sollte. Heute handelt es sich um einen Versuch, der gerechte Forderungen, soweit es möglich ist, erfüllt. Allerdings nur das und nicht mehr. Es ist möglich, daß der Friede überhaupt nicht früh genug kommt, um von wirklichen politischen Erwägungen diktiert zu sein. In diesem Fall hängt alles von der neuen Situation ab, die dann eintritt, von der wirklichen Revolution, die dann vielleicht kommt. Für diese Zukunft ist nichts zu entwerfen. Wird man einen Verständigungsfrieden schließen, solange es noch Zeit ist, einen solchen herbeizuführen, dann wird man natürlich durch die allgemeinen Voraussetzungen für einen Verständigungsfrieden gebunden sein. Dann müssen die besonderen Forderungen, welche man an die Türkei zu stellen hat, auf dem Wege der besondreren Vereinbarung, geregelt werden. Und in dieser Hinsicht kann die sozialistische Internationale den Juden helfen. Nicht dadurch, daß sie Forderungen aufstelilt, welche zu weit gehen würden, sondern daß sie ihre Sympathie zu den verschiedenen Forderungen der jüdischen Bewegung ausspricht. Wenn eine große Körperschaft ihre Sympathie ausspricht, dann wird der Boden vorbereitet. Es kommt nicht nur auf die Forderung selbst an, sondern daß man weiß, daß die Juden in dem, was sie für sich verlangen, nicht allein stehen, daß sie dabei große Teile der Gesellschaft hinter sich haben. Wenn die internationale sozialistische Konferenz einmal tagt, dann werden auch in der Judenfrage noch Widerstände zu bekämpfen sein. Inzwischen machen die Juden in Rußland gute Arbeit. Die internationale Lösung der Judenfrage wird insbesondere davon .abhängen, welche praktische Erfolge die Organisierungsversuche der russischen Juden haben werden.“ Der Interviewer: „Welchen Eindruck gewannen Sie von den jüdischen Delegationen?“ Troelstra: „Gleich im Beginn traf ein Delegierter der amerikanischen Sozialisten-Territorialisten ein. Unter den zionistischen Delegierten war auch ein Palästinenser, namens Serubabel, der Redakteur eines hebräischen Blattes in Jerusalem, der aus Palästina während des Krieges flüchtete, weil er wegen eines Pressevergehens zum Tode verurteilt worden war. Er machte einen sehr