Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. IBezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Yiertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pi.—Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto:'München 3987. Nummer 44 München / 4. Jahrgang 2. November 1917 Das neue Schulgesetz in Polen und die Juden. Von Dr. Noah Prilutzky, Warschau. Zwei Jahre des Kampfes sind vorbei, und nun sagen uns die Tatsachen: „Ihr habt das Spiel verloren!“ Wir wollen uns nicht, mit naiver Dialektik darüber hinwegtäuschen. Lesen wir in dem neuen Schulgesetz nicht das, was in ihm nicht vorhanden ist. Heften wir uns nicht an einzelne Punkte, und reden wir uns nicht ein, daß wir damit gemeint seien. Illusionen sind gut für Faulenzer und Heuchler. Der reale Politiker darf nüchtern die Wirklichkeit aufnehmen, so wie sie ist. Er darf den Mut besitzen, sich der unangenehmsten, schwersten Überraschungen und Enttäuschungen bewußt zu werden, wenn diese zu Tatsachen geworden sind!. Falsche Illusionen erzeugen Apathie und Passivität oder weisen einen falschen Weg. Nüchterne Abschätzung des Geschehenen ist die notwendige Bedingung für weitere Arbeit. Nehmen wir die neue Schulordnung in ihrem ganzen Umfange, so wie sie ist, die einzelnen Paragraphen in ihrer Verbindung unter einander und mit dem Ganzen erfassend, und stellen wir fest: die Urkunde ignoriert gänzlich die jüdisch-nationalen Bedürfnisse und Forderungen. Die Bürgschaft zugunsten 4er nationalien Minderheiten bezieht sich lediglich auf die Deutschen, die dreieinhalb Prozent der Bevölkerung im Lande ausmachen und eine junge Kolonisation darstellen. Dem polnischen Staat wird dabei anheimgestellt, diese Gewährleistung auch auf andere nationale Minderheiten zu erstrecken, nachdem die Grenzen des genannten Staates bestimmt sind. Damit werden die Lithauer, Ruthenen und Weißrussen gemeint, deren Zukunft sie in die Grenzen des polnischen Staates einbeziehen kann. Die Juden, die bereits in den Grenzen des j e t z i g e n Polen eine Minderheit von 17 Prozent bilden, und die teils der eingeborenen Bevölkerung des Landes, teils der alten Kolonisation angehören, sind von diesen Garantien völlig ausgeschlossen. In der Verordnung ist bloß speziell vorgesehen, daß — bei einer gewissen Anzahl von jüdischen Kindern — die politische Gemeinde besondere Schulen mit Sabbathheiligung errichten soll. Die „Sabbathheiligung“ wird ihr einziges Kennzeichen sein. Im allgemeinen werden es polnische Schulen, mit polnischer Unterrichtssprache und im polnischen Geiste geführt, sein. Von jüdischer Nationalität, von jüdischer Kultur wird es in ihnen keine Spur geben.... Uber die sonderbare Gerechtigkeit derartiger Behandlung der Juden, besonders im jetzigen geschichtlichen Moment, können natürlich nicht zwei Meinungen bestehen. Man braucht aber nicht zu verzagen. Seien wir eingedenk: Recht bekommt man nicht als Geschenk, Recht erwirbtman durch Kampf und meistens muß der Kampf seine Zeit dauern. Also kämpfen! Kämpfen mit verdoppelter, vervielfachter Kraft! Uber das erwähnte Dokument zur Tagesordnung übergehen, da es zu den Erscheinungen der alten Ordnung gehört, die den Krieg nicht überleben! Und weiter unsere nationalen Forderungen aufstellen, sie auf Schiritt und Tritt betonen, und dabei im Sinne haben, daß der endgültige Beschluß einer Zukunft angehört, die vielleicht nicht fern ist: wenn alle unterdrückten Völker ihre Rechte erhalten, brauchen wir nicht zu fürchten, daß gerade die Juden eine Ausnahme bilden werden. Also kämpfen und nicht vergessen, daß wir um das Rückgrat unserer nationalen Forderungen kämpfen, um den Grundstein unserer nationalen Existenzmöglichkeit; deshalb müssen wir endlich begreifen, daß wer — aktiv oder passiv — den Kampf stört, ein Feind ist. Und spricht er dabei vom jüdischen Nationalismus — so ist das Heuchelei. Kämpfen zunächst durch praktische Schöpfungen. Ich habe schon vielmals wiederholt: die schönste und wirksamste Form des Kampfes ist die praktische Arbeit, das Bauen, die selbständige Befriedigung aus eigenen Kräften derjenigen Bedürfnisse, die eigentlich der Staat und die Munizipalität zu befriedigen hätten, was sie aber nicht tun. Die einzig mögliche, einzig gesunde Frucht unserer schweren Gedanken und gedrückten Gefühle muß sein: mutige, tatkräftige Arbeit. Daher auf zur Arbeit! Zum Kampfe um die jüdische Schule, zunächst durch die Schaffung einer eigenen Volksschule! Stockholm und die Juden. Der bekannte Führer des Jüdischen Sozialistischen Verbandes „Poalei-Zion“, Ing. S. Kaplansky, ist von Stockholm, wo er Mitglied der jüdischen Delegation war, nach dem Haag zurückge-. kehrt. Einem Redakteur des Jüdischen Korrespondenzbureaus im Haag, der ihn über seine Stockholmer Eindrücke, die Aufnahme der Delegation und die weiteren Pläne seiner Partei befragte, machte Herr Ing. Kaplansky folgende interessante Mitteilungen: „Es ist üblich geworden, die sozialistische Friedensaktion als abgeschlossen zu betrachten. Ich unterschätze nicht die Schwierigkeiten, die noch